Call for Papers

Call for Papers: Barocke Pfarrkirchen und ihre Dekoration. Ein neues Feld der Forschung, vom 23. bis 25. Oktober 2017 in Wien

Im Rahmen der Forschungsgruppe »Baroque Ceilling Painting in Central Europe (BCPCE)« veranstaltet das Institut für Kunst- und Musikhistorische Forschungen der ÖAW gemeinsam mit dem Institute of Art History of the Czech Academy of Sciences, dem Königgrätzer Landkreis und dem Verein Omnium ein Symposium zu den malerischen Ausstattungen von Pfarrkirchen katholischer und lutherischer Konfession. Einsendeschluss für Abstracts: 30. April 2017.

Die Veranstaltung greift damit ein in der kunsthistorischen Forschung sehr stiefmütterlich behandeltes Thema auf, standen doch bisher vor allem die zum Teil weitgespannten Dekorationen der Kloster- und Wallfahrtskirchen im Zentrum des Interesses. Die Analyse der wandfesten Malereiausstattungen – gleichsam als Kerngeschäft der BCPCE – macht in diesem Fall nur im Rahmen einer breiten historischen Kontextualisierung Sinn. Allgemeinhistorische und kirchenhistorische Rahmenbedingungen sind als Voraussetzung ebenso zu diskutieren wie theologische und liturgische Aspekte. Der Zeitraum ist durch die Konfessionalisierung im 16. Jahrhundert einerseits und die josephinischen Reformen im späten 18. Jahrhundert vorgegeben; der geographische Raum mit dem zum Großteil habsburgisch regierten Mitteleuropa sowie mit Mitteldeutschland – also mit wesentlichen Teilen des Alten Reichs.

I. Rechtliche Situation und institutionelle Organisation
Grundlegend ist hier die Frage nach der kirchenrechtlichen Entwicklung der Pfarrkirche und ihrer Funktion im Laufe der Zeit. Die katholische Kirche macht einen Unterschied zwischen den (den Stiften inkorporierten) Klosterpfarren und den bischöflichen Pfarren. Gab es zwischen Bistum und Stift Auffassungsunterschiede und Konflikte (etwa in Bezug auf Kirchensteuer, Pfründe, Stolgebühren)? Anders liegen die Verhältnisse bei protestantischen Pfarrkirchen: Es gibt lediglich Kirchen mit Gemeinde und solche ohne Gemeinde. Eine kirchenrechtliche Unterscheidung existiert zwischen den Bauten nicht. Der weltliche Landesherr ist gleichzeitig oberster Bischof, von ihm getroffene Regelungen sind nur für seine Landeskirche verbindlich. Welche Rolle spielten die Landesfürsten in der Organisation des Pfarrkirchenwesens? Welche Auswirkungen hat die Organisation des religiösen Lebens in den Pfarren (Bruderschaften und die von ihnen vorgenommenen Stiftungen) auf Architektur und Ausstattung der Pfarrkirchen bei Katholiken, Lutheranern und Reformierten?

II. Räume der Herrschaft
Der funktionelle Radius und damit die angesprochene Öffentlichkeit von Pfarrkirchen sind im katholischen Bereich wesentlich weiter gefasst als bei Schlosskapellen, Bischofs- oder Ordenskirchen. Dies führt zur prinzipiellen Annahme, dass die Pfarrkirchen in vielleicht höherem Ausmaß als die anderen Kirchentypen Orte von Überlagerung vielfältiger Ansprüche auf Herrschaft gewesen sein könnten. Auf dieser Annahme basierend ergibt sich eine Reihe von Fragen: Existieren Herrschaftsinteressen und entsprechende Strategien von Seiten der Orden, der bischöflichen Kanzleien bzw. der protestantischen Patronatsherren in Bezug auf die Pfarren und der mit ihnen verbundenen Rechte? Welche Rolle spielt katholischerseits die Pfarrkirche in der fein abgestimmten Hierarchie der Kirchenbauten von der Bischofskirche bis zur kleinen Filialkirche. Welche Auswirkungen haben Interessen der kommunalen Verwaltung, aber auch der Landesherren für Architektur und Ausstattung, im Besonderen der Deckenmalerei? Werden von der Obrigkeit andere Interessen kommuniziert als in den großen Wallfahrts- und Klosterkirchen? Im lutherischen Bereich stellt sich die Frage nach der Einflussnahme auf die Kirche und ihre Ausstattung durch die Gemeinde, den Patronatsherrn oder auch den Landesherrn.

III. Räume der Theologie
Gerade mit dem Medium der Decken- und Wandmalerei sollten im Rahmen der Tagung an Hand ausgewählter Fallstudien zu katholischen und lutherischen Pfarrkirchen die theologischen, liturgischen und territorialen Konfessionsspezifika und ihre künstlerischen Reflexe beleuchtet werden. Etwa: Hat die unterschiedliche Auffassung von der Heiligkeit des katholischen bzw. protestantischen Sakralraums Auswirkung auf die formale Beschaffenheit der Pfarrkirchen? Ergeben sich daraus Tendenzen einer Normierung oder Typisierung von Architektur und Ausstattung? Man weiß, dass das lutherische Bekenntnis zur Realpräsenz Christi am Altar ihren (katholisch anmutenden) Niederschlag im Altarbau der lutherischen Pfarrkirche gefunden hat. Ist diese göttliche Realpräsenz auch in der Deckenmalerei reflektiert? Oder bleibt letztere didaktisch der Auslegung des Wortes verpflichtet? Öffnet sich in der lutherischen Pfarrkirche die Decke in den Himmel gleich der katholischen, oder findet man dort lediglich ein Bild des Göttlichen? Gibt es in den katholischen Pfarrkirchen spezifische, an der Deckenmalerei manifeste Programme oder entsprechen sie weitestgehend den Themenbereichen in den Ordens- und Bischofskirchen? Ist die jeweilige Ordensspiritualität in den Ausstattungen der Pfarrkirchen fassbar?

IV. Räume der Vergangenheit und ihre Neuausstattung
Ein spezifisches Problem der barocken Ausstattung von Pfarrkirchen mit Malerei und Skulptur besteht im signifikanten Umstand, dass es im 17. und 18. Jahrhundert keineswegs flächendeckend zu Neubauten von Pfarrkirchen gekommen ist. Aus verschiedenen Motiven heraus wurden ältere, vorwiegend spätmittelalterliche Bauten weiter als Pfarrkirchen benutzt und barock ausgestaltet. Dabei konnte sich die Neuausstattung nur auf Bereiche konzentrieren, die nicht in direkten Konflikt mit der mittelalterlichen Substanz gerieten: Die Wand- und Deckenmalerei spielt deshalb im Verhältnis zu Hoch- und Seitenaltären eine nur geringe Rolle. Diese Reduktion erforderte zugleich eine Konzentration auf bestimmte Themen. Die entsprechenden Forschungsfragen und Fallbeispiele sollten sich hier auf die Konflikte und Synergien richten, die sich aus der Koexistenz von Mittelalter und Barock ergaben. Dieser Koexistenz verschiedener Ausstattungen setzt der josephinische Kirchenbau mit seiner strikten Normierung von außen und innen ein deutliches Ende.

Abstracts für Vorträge, nicht länger als eine halbe Seite, gemeinsam mit einem kurzen Curriculum, bis spätestens 30. April 2017 zu senden an:
Herbert Karner: Herbert.Karner@oeaw.ac.at und Martin Mádl: madl@udu.cas.cz

Tagungsort: Wien, Theatersaal der ÖAW

- English Version -

The Research Group for Baroque Ceiling Painting in Central Europe (BCPCE), the Institute for History of Art and Musicology of the Austrian Academy of Sciences, the Institute of Art History of the Czech Academy of Sciences, the Region of Hradec Králové, and the Omnium Association will jointly host a symposium on the painterly decoration of parish churches of Catholic and Lutheran denominations in Vienna from the 23rd to the 25th of October, 2017. The event thus tackles a topic that has been treated rather negatively in the history of art history up until now, compared to the extensive research into the decorative programs of monasteries or pilgrimage churches. In this case, the analysis of the wall and ceiling painting – the core business of the BCPCE – only makes sense in the context of a broad historical contextualization. The general historical and churchhistorical framework must be discussed as well as theological and  liturgical aspects of these churches. The period covered in this conference (1500–1800) was bracketed by confessionalism in the sixteenth century, and by the Josephine reforms in the late eighteenth century; the conference focuses on the geographic space with Central Europe largely governed by the Hapsburgs, as well as with Central Germany – that is, the essential parts of the old Holy Roman Empire.

I Legal situation and institutional organization
The basic question here is the problem of the development of the parish church and its function over time. The Catholic Church made the difference between the monastic parishioners (included in the monasteries) and the episcopal parishes. Were there differences of opinion between the bishopric and the monasteries, and conflicts (for example, with regard to church tax, incomes, surplus fees)? The situation is different for Protestant parishes: there were only churches within a community and then other communities without churches. There is no church distinction between the buildings. The secular sovereign is, at the same time, the chief bishop, regulations made by him are binding only on his country church. What role did the state princes play in the organization of the parish church system? What role did the state rulers play in the organization of the parish church system? What is the effect of the organization of religious life in the parishes (fraternities and their foundations) on the architecture and furnishing of Catholic, Lutheran and Reformed parish churches

II Spaces of Power/Dominion
The functional radius and the public of the parish churches are broader in the Catholic sphere than in the case of castle chapels, bishops’s chapels or those of religious orders. This leads to the basic assumption that the parish churches might have been places where various claims to rule overlapped, perhaps to a greater extent than the other types of churches. Based on this assumption, there are a number of questions: Are there any pastoral interests and corresponding strategies from the Monastic orders, Episcopal Offices or the Protestant patrons in relation to the parishes and their associated rights? What role does the parish church play in the finetuned hierarchy of church buildings from the bishop's church to the small branch church? What are the consequences of the interests of the municipal administration, and also of the landowners, for architecture and furnishing of churches, especially ceiling? Are other interests communicated by authorities from larger pilgrimage or monastic churches? In the Lutheran realm, the question arises about the influence of the patron saint or the sovereign on the church and its furnishings.

III Spaces of Theology
It was precisely with the medium of ceiling and wall painting that the theological, liturgical, and territorial confessional specifics and their artistic reflections can be illuminated within the framework of the conference by means of selected case studies on Catholic and Lutheran parish churches. What is the difference between the sacred in the Catholic and the Protestant sacral space? Do tendencies arise from a standardization or typification of architecture and equipment? It is known that the Lutherans' acknowledgement of the real presence of Christ at the altar has found its (Catholic-like) expression in altar construction of the Lutheran parish church. Is this real presence of the divine also reflected in ceiling painting? Or does the latter remain didactic to the interpretation of the word? Does the Lutheran parish church reveal the ceiling in the sky like the Catholic, or is there only a picture of the divine? In the Catholic parish churches, are there specific programs manifesting in ceiling painting or do they largely correspond to the themes in the religious orders and bishops' churches? Is it possible to grasp the religious order in the parish churches?

IV Spaces of the Past and their Equipment
A specific problem for the baroque painting and sculptural programs of parish churches is the significant fact that in the 17th and 18th century many parishes continued to use extant buildings from earlier periods. Predominantly late-medieval buildings were used as parish churches and then updated or embellished with baroque features. The redecoration could concentrate only on areas that did directly conflict with the medieval substance. Therefore, wall and ceiling painting was less common than new high and side altars. The relevant research questions and case studies should focus on the conflicts and synergies resulting from the coexistence of the Middle Ages and Baroque. This coexistence of various eras style within a church sets the Josephine church construction, with its strict standardization of style from outside and inside, on a clear end.

Abstracts for lectures, no longer than half a page, together with a short curriculum, to be sent no later than April 30, 2017 to: Herbert Karner (IKM ÖAW, Herbert.Karner@oeaw.ac.at) + Martin Mádl (IAH CAS, madl@udu.cas.cz).

Venue: Vienna, Theatersaal, ÖAW

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