Call for Papers

Call for Papers: Träume von Geburt und Tod. Traumdarstellungen körperlicher Grenzerfahrungen in Literatur, bildender Kunst, Theater, Musik und Film, vom 21. bis 23. März 2018 in Saarbrücken

Geburt und Tod kommt im Traum seit jeher eine große Bedeutung zu und so verwundert es kaum, dass sich derlei Träume auch in Kunst, Literatur und anderen Künsten wiederfinden. Die Tagung widmet sich ihnen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Einsendeschluss für Exposés: 31. August 2017.

Das rätselhafte anthropologische Phänomen des Träumens hat die europäischen Kulturen über alle Zeiten hinweg beschäftigt: Traumdarstellungen lassen sich in den künstlerischen Medien von der klassischen Antike bis in die Gegenwart hinein finden. In den erzählten, gemalten, vertonten oder inszenierten Träumen zeigen sich aber deutliche epochenspezifische Unterschiede hinsichtlich ihrer jeweiligen ästhetisch-formalen Ausgestaltung. Überzeitlich präsent ist dabei die Thematik, die im Zentrum der Tagung steht: der Übergang zwischen Leben und Nicht-Leben als existenzielle Grenzerfahrung, wie sie sich im Prozess des Gebärens / Geborenwerdens und des Sterbens vollzieht.

In der Bibel oder den Sagen der Antike (Ilias, Orestie), in mittelalterlichen Epen und Erzählungen (Parcival, Nibelungen, Canterbury Tales) und den frühneuzeitlichen Dramen (Shakespeare, Calderón), über die Aufklärung (Diderot, Rousseau) und die Romantik (Novalis, Brentano) bis in die moderne und zeitgenössische Literatur (Kafka, Karahasan, Politycki) finden sich unzählige Träume, in denen die Erfahrung von den Grenzen des Lebens im Mittelpunkt steht. Auch die bildenden Künste (Daumier, Hodler), Musik (Berlioz, Korngold) und der Film (Bergman, Kubrick, Craven) widmen sich vielfach der Darstellung (alp)traumhafter Grund- und Grenzerfahrungen. Verstörend und bedrohlich sind Geburt und Tod nicht zuletzt auch, weil sie als höchst individuelles Erleben des eigenen Körpers jeden Menschen unausweichlich betreffen. Zugleich vollziehen sie sich jenseits des Erinnerbaren: Sterben und Geborenwerden liegen an bzw. jenseits der Grenzen des Lebens und kommen damit stets entweder zu früh oder zu spät, um durch das erlebende Selbst als authentische Erfahrung mitgeteilt werden zu können.

Hingegen können Träume als Fiktionen, Imaginationen oder Inszenierungen ästhetische Erfahrungsräume für diese extremen körperlichen Übergänge eröffnen. Das Rätselhafte des Traums, seine Missachtung der physikalischen Gesetze von Zeit und Raum und kultureller Modelle der Identität, Kohärenz und Logik werden im Träumen von Lebensanfang und -ende potenziert. Dabei fordert die Darstellung solcher Traumerlebnisse die künstlerische Gestaltung in besonderem Maße heraus. Denn die bestehende Kluft zwischen einer allgemeinmenschlichen Erfahrung wie Geburt und Tod und ihrer subjektiven, individuellen Nicht-Erzählbarkeit lotet der Traum in ebenso irritierender wie origineller Art und Weise aus: Traumerinnerungen und Traumerzählungen finden Wege und Ausdrucksmöglichkeiten, um das Abwesende, Unvorstellbare zu vergegenwärtigen und es vermittelbar zu machen.

Seit 2015 forschen die Mitglieder des Saarbrücker Graduiertenkollegs »Europäische Traumkulturen« zu den Interrelationen zwischen Traumästhetik, Kultur und Wissensgeschichte. Das Ziel einer Literatur- sowie Kultur- und Mediengeschichte des Traums im Blick, widmen wir diese internationale Tagung dem überzeitlichen Phänomen des geträumten Geborenwerdens und Sterbens, seinen Wissensdiskursen und künstlerischen Realisierungen.

Willkommen sind Untersuchungen zu Sterben und Geborenwerden im Traum in jeder Kunstform aus unterschiedlichen Fachperspektiven, von der der Kunst- und Literaturwissenschaft über die Theater-, Film-, Musik- und Medienwissenschaft bis hin zur Geschichte, Theologie und Philosophie.

Beispiele für mögliche Ausrichtungen sind:

Existenzielle Grenzerfahrung und ästhetische Traumgestaltung
- Untersuchungen künstlerisch gestalteter Träume von Geburt und Tod hinsichtlich:

  • somatische vs. sinnliche Erfahrung,
  • Grenze des Körpers / Grenze des Mediums,
  • Zeit- und / oder Raumerfahrung

- positiv besetzte Träume vom Tod
- Träume von Geburt und Tod und ihre realweltlichen Bezüge (politische Implikationen, (post)diktatorische Zusammenhänge, Traum und kollektive Traumata, identitätsstiftende Funktionen, koloniale und postkoloniale Bezüge etc.)
- Traumgestaltung von existenziellen Grenzerfahrungen in multimedialen Kunstformen

Wissenspoetologische Perspektive / Zusammenspiel von ›kultureller Arbeit‹ und ästhetischer Konstruktion
- religiöse Diskurse und künstlerische Träume von Geburt und Tod im historischen Wandel
- kulturelles und wissenschaftliches Wissen zu Geburt und Tod in künstlerischen Traumdarstellungen
- genderspezifische Artikulierung von Geburt und Tod in künstlerisch gestalteten Träumen
- individuelle Traumpoetiken und existenzielle Grenzerfahrungen im Spannungsfeld zwischen Biographik und kulturellem bzw. wissenschaftlichem Diskurs über Geburt und Tod

In Anlehnung an die im Forschungsprogramm des Graduiertenkollegs genannten Analyseachsen können die Untersuchungsgegenstände in diachroner, transmedialer und / oder komparatistischer Perspektive betrachtet werden.

Schicken Sie Ihren Vorschlag bitte bis zum 31. August 2017 als Exposé mit einem Umfang von maximal 3.000 Zeichen in deutscher, englischer oder französischer Sprache zusammen mit einem kurzen Lebenslauf an: traumkulturen(at)uni-saarland.de

Im Anschluss an die Tagung ist die Veröffentlichung ausgewählter Beiträge in einem Band der Reihe Traum – Wissen – Erzählen des Fink Verlags (Paderborn) vorgesehen.

Weitere Informationen unter www.traumkulturen.de

--- English Version ---

The enigmatic anthropological phenomenon of dreaming has always captured the imagination of European cultures: dream depictions can be found in artistic media from the antiquity to the present day. Depending on their specific historical and cultural contexts, the representations of dreams – whether in literary texts, paintings, music or on the stage – clearly differ from each other in their aesthetic and formal components. However, representations of dreams share one theme in particular which cuts across all historical and cultural boundaries: the transition between life and non-life as an existential, liminal experience, similar to those found in the processes of giving birth / being born and in dying. It is this theme that our conference takes into view.

Dreams that focus on the limitations and boundaries of human life are negotiated in the Bible, in classical myths (the Iliad, the Oresteia), in medieval epics and tales (Parcifal, die Nibelungen, the Canterbury Tales) and in early modern plays (Shakespeare, Calderón); they are inscribed into the Enlightenment (Diderot, Rousseau), the Romantic era (Novalis, Brentano) and into modern and contemporary literature (Kafka, Karahasan, Politycki). The fine arts (Daumier, Hodler), music (Berlioz, Korngold) and film (Bergman, Kubrick, Craven) have frequently sought to portray dreamlike (or nightmarish) experiences that are existential and / or transcendental. Birth and death are often found to be disquieting and threatening not least because they invariably involve a highly personal experience of one’s own body. At the same time, they are processes that take place beyond the limits of memory: death and birth are situated at or beyond the borders of life; as such, they occur too early or too late to be perceived and recorded as authentic experiences.

However, dreams – fictionalized, imagined, and performed – can open up experiential spaces for these extreme physical transitions. The mysterious elements of dreams – their disregard for the physical laws of time and space, and for cultural models of identity, coherence and logic, are magnified in dreams of the beginning and end of life. Simultaneously, the artistic depiction of such experience is particularly challenging, as dreams delve into the gap between universal human experiences like birth and death on the one hand, and their subjective, individual inexpressibility on the other, in ways that are every bit as confusing as they are original: memories and stories of dreams find ways and means to transform that which is “elsewhere” and unimaginable into something palpable and conveyable.

Since 2015, members of the DFG-funded Research Training Group »European Dream Cultures« have been investigating the interrelations between dream aesthetics, culture, and the history of knowledge. Bearing in mind the goal of pursuing a literary, cultural and media history of dreams and dreaming, this international conference is dedicated to the phenomena of dreamed birth and death, related discourses and artistic realisations.

We invite research papers on death and birth in dream – in all types of art and from the perspectives of various disciplines, ranging from art and literature studies to theatre, film, music and media studies, as well as history, theology and philosophy.

Papers could focus on (but are not limited to) topics such as:

Existential liminal experiences and aesthetic dream depictions
- Exploring artistic depictions of dreams of birth and death regarding:

  • somatic vs. sensory experience,
  • limits of the body / limits of the medium,
  • experiences of time and / or space

- Positively connoted dreams of death
- Dreams of birth and death and their real-world connections (political implications, (post)dictatorial contexts, dream and collective traumata, identitarian functions, colonial and postcolonial implications, etc.)
- Dream depictions of existential liminal experiences in multimedia art forms

Poetics-of-knowledge perspectives / interplay of »cultural work« and aesthetic construction
- Historical evolution of religious discourses and artistic dreams of birth and death
- Interplay of cultural and scientific knowledge of birth and death in artistic dream depictions
- Gender-specific articulation of birth and death in artistic depictions of dreams
- Individual dream poetics and existential liminal experiences between biography and cultural / academic discourses on birth and death

In keeping with the analytical focus areas defined in the Research Group’s agenda, the subjects of study can be approached from diachronic, transmedial and / or comparative perspectives.

If you are interested in giving a paper at our conference, please send your brief abstract (max. 3,000 characters) to: traumkulturen(at)uni-saarland.de by 31 August 2017, including a short bio. Abstracts – and papers – can be in German, English or French. Following the conference, selected contributions will be published in a volume of the series Traum – Wissen – Erzählen by Fink Verlag (Paderborn).

More information: www.traumkulturen.de

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