Call for Papers

Call for Papers: Visuelle Skepsis. Wie Bilder zweifeln, am 11. und 12. Dezember 2017 in Hamburg

In Zweiten von Photoshop, Fake News und Co. beherrscht der Zweifel den Umgang mit Bildern. Aber auch Bilder selbst können diesen Zweifel ausdrücken - ein Zweifel an sich selbst. Dieser Skepsis dem eigenen Medium gegenüber widmet sich die Tagung. Einsendeschluss für Abstracts: 30. September 2017.

Bilder als Erkenntnismedien spielen heute eine größere Rolle denn je. Die Bilderflut, unter anderem in den Neuen Medien, lässt sie allerdings auch problematisch werden. Vor diesem Hintergrund erhält die Frage größere Bedeutung, wie Bilder ihren eigenen Status als Erkenntnismedien problematisieren – zum einen ausstellen und zum anderen in Zweifel ziehen – können. Sehen wir etwa in einer Landschaftsfotografie die Textur eines gesprungenen Glases, so führt uns die Störung die materielle Gebundenheit der Fotografie – in diesem Fall an das Glasnegativ – vor Augen. Erst auf diese Weise erscheint die Fotografie nicht mehr als Äquivalent von Wirklichkeit, sondern dezidiert als Bild, das an ein bestimmtes Medium, an einen Träger gebunden ist. Eine paradoxe Überblendung von zwei Strukturen ist entstanden, die sich eigentlich wechselseitig ausschließen und aufheben – Landschaft und Glasplatte –, die nur im Medium der Fotografie aufgrund der technischen Voraussetzungen zusammenfinden, aber letztlich im visuellen Eindruck unvereinbar bleiben. Das Beispiel demonstriert, dass Bildmedien spezifische Strategien entwickeln können, um mit Hilfe von inneren Widersprüchen Erkenntnis zu generieren. Wie das eingangs aufgeführte Beispiel belegt, kann diese Form der Wissensproduktion auf einer rein visuellen Ebene stattfinden. Bisher wurde die Auseinandersetzung mit Positionen des Skeptizismus in der Kunstgeschichte geführt, indem man philosophische Strömungen einer bestimmten Zeit auf die Ikonographie von Gemälden bezog.

Die wenigen Publikationen, die sich Seite überhaupt mit Skepsis beschäftigen, fragen vor allem danach, wie philosophische Texte ihren Niederschlag in Gemälden oder Druckgraphiken fanden. Die geplante Tagung wählt hier einen anderen Zugang. Es sollen explizit die Diskurse untersucht werden, die nicht darauf zurückgehen, dass Texte des Skeptizismus in Bilder übersetzt wurden. Stattdessen soll gefragt werden, wie Bilder aufgrund der ihnen eigenen medialen Struktur zum Ort von performativen Prozessen werden, die mit den dialogischen Strategien des Skeptizismus vergleichbar sind. Eine Hauptthese des Projekts lautet, dass hier Widersprüche und Negationen auftreten müssen, die den Charakter einer medialen Selbstbefragung haben. Eine wichtige Rolle spielt hier die Negationsfähigkeit des Bildes, die im Anschluss an Ludwig Wittgenstein kontrovers diskutiert wurde. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Bilder innere Spannungen erzeugen und mit dialogischen Strukturen operieren können, die Erkenntnis freisetzen. Die Grundfrage lautet, ob visueller Zweifel als ein Vermögen von Bildern anzusprechen ist, als eine Wirkmacht, eine agency, die ihnen zukommt und die in ihrer medialen Struktur begründet ist, etwa der ihnen eigenen ikonischen Differenz. Unter bildlicher Skepsis ist eine Prüfung zu verstehen, welche innere Strukturen durch Widersprüche sichtbar macht und bewusst ausstellt. Viele Bilder arbeiten mit Brüchen, an denen sie die Grenzen ihrer eigenen künstlerischen Strategien aufzeigen, indem sie sich selbst Grenzen setzen. Dabei handelt es sich um eine Form von Verneinung, die im Bild selbst vollzogen wird. In diesem Zusammenhang kann auf Wittgensteins Erkenntnis zur Negation des Bildes zurückgegriffen werden: „Kann man ein Bild verneinen? Nein. Darin liegt der Unterschied zwischen Bild und Satz.“ (Tagebücher, Eintrag vom 26.11.1914)

Im Rückgriff auf diese These soll hier die Hypothese aufgestellt werden, dass visueller Zweifel immer nur Teilaspekte des Bildes betreffen und das Bild niemals sich selbst an sich in Frage stellen kann. Das Werk kann sich nie selbst als Nicht-Werk entgegenstehen. Die Werkkategorie kann hinterfragt, aufgespalten, in unabschließbare Prozesshaftigkeit aufgelöst werden, aber das Bild kann sich nicht vollständig aufheben, ohne gleichzeitig den Status eines Werks zu verlieren. An dieser Stelle wird in der Ausformulierung der Arbeitshypothese bewusst auf einen weiten Bildbegriff gesetzt, der im Verlauf der Projektarbeit konkretisiert werden soll, da es ein Ziel ist, mit Hilfe der Fragestellung zugleich bildtheoretische Überlegungen voranzutreiben und einen Beitrag zur Bildgeschichte sowie zum ontologischen Status des Bildes zu liefern. Die Tagung soll den Charakter eines Workshops haben, in dessen Rahmen verschiedene Formen der bildlichen Selbstbefragung adressiert werden. Thesen zur visuellen Skepsis sollen an Bildern unterschiedlicher Epochen überprüft werden. Der zeitliche Rahmen ist bewusst weit gewählt, um der Heterogenität der Phänomene Rechnung zu tragen und eine historische Kontextualisierung visueller Skepsis zu gewährleisten. In Form von Fallstudien sollen erste Vorarbeiten zu einer Geschichte der visuellen Skepsis vorgelegt werden, die bisher in der Kunstgeschichte fehlt.

Der Begriff des Skeptizismus soll im Rahmen des Workshops zunächst als heuristische Kategorie dienen, die anhand von Fallbeispielen historisiert und damit auch konkretisiert wird. Ebenso wenig wie es eine überhistorische Kategorie des Skeptizismus geben kann, kann auch die Kategorie eines visuellen Skeptizismus nur dann tragfähig sein, wenn sie kunsthistorisch zurückgebunden und auf konkrete geschichtliche Kontexte bezogen wird. Der Workshop soll hier für weitere Studien erste Anhaltspunkte liefern, um der historischen Vielfalt von Erscheinungen visueller Skepsis gerecht zu werden.

Die Tagung wird in Kooperation mit dem Maimonides Centre for Advanced Studies der Universität Hamburg durchgeführt und findet am 11. und 12. Dezember 2017 statt.

Vorschläge für Beiträge in deutscher oder englischer Sprache (Abstract: 200-300 Wörter und kurzer CV) bitte bis zum 30. September 2017 an: Margit Kern (margit.kern@uni-hamburg.de)

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