Weiterbildung

Workshop: Explorieren, Systematisieren, Kooperieren. Vorstellungen von Natur in der Kunst des 20. Jahrhundert, am 8. und 9. Dezember 2017 in Tübingen

Die Beschäftigung mit Naturkonzepten in der Kunst vergisst zuweilen die Grundlagen der Verwendung dieser Ideen – die Strukturierung und Systematisierung von Naturerscheinungen, aber auch die Erkundung dieser Natur in der Kunst. Das Kunsthistorische Institut der Eberhard-Karls-Universität widmet diesem spannenden Thema einen Workshop. Bewerbungsschluss: 31. Juli 2017.

Auseinandersetzungen mit Naturkonzepten und deren Verhandlung in der künstlerischen Praxis haben in der Kunstgeschichte derzeit Konjunktur, und auch den Wechselbeziehungen zwischen ökologischen und ästhetischen Theorien wird zunehmend nachgegangen. Oft wird dabei sinngemäß betont, dass die diversen Kontaktzonen und Überschneidungen von Kunst und Natur (bzw. Naturkonzepten) vielfältige produktive Räume für künstlerische Kreativität zur Verfügung stellen. Die Frage aber, durch welche Prozesse diese produktiven Verhandlungsräume strukturiert oder allererst erzeugt werden, bleibt häufig unterbelichtet – dies gilt insbesondere für die Kunst des 20. Jahrhunderts.

Letzteres ist umso erstaunlicher, als die zahlreichen theoretischen und praktischen Infragestellungen tradierter Naturvorstellungen im 20. Jahrhundert über lange Zeit sicher geglaubte Ansichten und vermeintlich valides Wissen nachhaltig irritierten. So haben die Relativierungen seitens der Naturwissenschaften, der Philosophie und nicht zuletzt der Künste selbst die gegenwärtigen Diskussionen über unsere Auffassung von Natur und die Stellung des Menschen darin überhaupt erst mit auf den Weg gebracht. Aus diesem Grund konzentriert sich der Workshop auf künstlerische Positionen des 20. Jahrhunderts und stellt dabei drei prozessuale Zugangsweisen zu Natur und Naturkonzepten in das Zentrum: Explorieren, Systematisieren, Kooperieren.

Explorieren: Der Begriff »Explorieren« ermöglicht es, zwei unterschiedliche Zugänge zur Natur zu thematisieren. Einerseits lassen sich Positionen erörtern, die auf alternative Modelle von Natur oder verworfenes Naturwissen zurückgreifen, um im Rahmen künstlerischer Praxis deren Potenziale und Vorteile freizulegen und auszutesten. Untersucht werden dann etwa zuvor als obsolet oder abwegig bewertete Episteme oder Erklärungsmodelle, die jenseits legitimierten naturwissenschaftlichen Denkens oder europäischer Wissensproduktion entwickelt wurden. In den Blick gerät dann auch die künstlerische Aneignung von aus den modernen Wissensdiskursen und -praktiken ausgeschlossenen Rollen wie etwa jene des Schamanen oder Alchimisten. Andererseits rücken Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern in den Blick, in denen (das Verhältnis zur) Natur selbst explorativ erkundet wird. In dieser Hinsicht lassen sich zum einen Beispiele behandeln, in denen Techniken, Apparate und Theorien der Naturwissenschaften in der künstlerischen Praxis aufgegriffen, teils umgewendet und auf experimentelle, unkonventionelle Weise genutzt werden. Zum anderen lässt sich der Einsatz genuin künstlerischer Techniken und Methoden zur Beantwortung natur- und ökologiebezogener Fragen analysieren, die sonst vorzugsweise in den Naturwissenschaften verhandelt werden.

Systematisieren: Der Begriff »Systematisieren« eröffnet ebenfalls zwei Perspektiven. Einerseits ist damit ein systematisches Ordnen bzw. eine Auseinandersetzung mit klassischen Ordnungsversuchen von Natur angesprochen; andererseits verweist er auf ein systemisches Denken der Natur. Im ersten Fall könnten daher beispielsweise künstlerische Positionen des 20. Jahrhunderts besprochen werden, die alternative Ordnungsmodelle der Natur entwerfen oder die sich auf kritische Weise gezielt mit dominanten Systematisierungsversuchen auseinandersetzen. Darüber hinaus wären systematische Unordnungen von Interesse, d.h. künstlerische Positionen, die Systematisierungen der Natur generell in Frage stellen. Im anderen Fall rücken mit dem Begriff »Systematisieren« künstlerische Positionen in den Blick, die Natur an sich als System betrachten, systemische Zusammenhänge in der Natur ausloten oder Kunstwerke selbst als (quasi natürliche) Systeme inszenieren. In diesem Sinne läuft »Systematisieren« weniger auf den Versuch einer (Neu-)Ordnung von Naturphänomenen hinaus, sondern auf ein systemisches Denken, das die Natur und die Involviertheit des Menschen in ihren komplexen Abhängigkeiten und Interaktionen erfassen möchte.

Kooperieren: Der Begriff »Kooperieren« erlaubt es schließlich, künstlerische Positionen zu fokussieren, die sich gezielt in ein produktives Austauschverhältnis mit Natur versetzen. Im Rahmen der künstlerischen Praxis oder der Kunstwerke selbst treten dann beispielsweise Materialien, Pflanzen oder Tiere als Ko-Produzenten in Erscheinung. Jedoch muss in solchen Fällen weder die Grenzziehung zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren in Frage gestellt sein noch muss das Kooperieren als gleichberechtigte Interaktion praktiziert werden. Dementsprechend ließen sich sowohl asymmetrische als auch stärker symmetrisch ausgerichtete Kooperationsverhältnisse thematisieren: Während sich erstere zwar auf die Eigendynamiken ihrer scheinbar natürlichen Partner einlassen und deren Produktivkraft für die Kunst nutzbar machen, bleiben sie gleichwohl einem hierarchischen Gefälle verpflichtet; letztere hingegen zielen stärker auf ein offenes kreatives Zusammenspiel unterschiedlichster Aktanten, wobei der sympoietische Charakter des Kooperierens Vorrang hat. Hier könnte man folglich nicht nur verschiedene Weisen des Kooperierens mit oder in der vermeintlichen Natur differenzieren; vielmehr ließe sich auch die Frage stellen, wie die nicht-menschlichen, vermeintlich natürlichen Kooperationspartner jeweils vorgestellt werden.

Explorieren, Systematisieren und Kooperieren bezeichnen folglich verschiedene Zugangsweisen zu dem, was als Natur konzipiert wird, beziehungsweise unterschiedliche Perspektiven auf das, was in künstlerischen Projekten jeweils als Natur erscheint. Der Workshop geht insofern in doppeltem Wortsinne den Vorstellungen von Natur in der Kunst des 20. Jahrhunderts nach: Angesprochen sind nicht allein explizite oder implizite Naturkonzepte oder Naturbilder, sondern zugleich die diversen künstlerischen Verfahrensweisen und Praktiken, mit denen darauf abgezielt wurde, Natur selbst in Erscheinung treten zu lassen. Zu der Frage, welche Vorstellungen von Natur in der Kunst verhandelt werden, gesellt sich somit die Frage, wie Natur in der Kunst zur Vorstellung gebracht werden sollte.

Deutlich werden kann dadurch nicht zuletzt, dass die Aktualität der Naturthematik in der zeitgenössischen Kunst keineswegs eine bloße Reaktion auf derzeitige Debatten über die ökologischen Herausforderungen der Gegenwart, die Notwendigkeit einer Neubestimmung unseres Naturverständnisses, die Perspektiven der neuen Materialismen und die Anerkennung nichtmenschlicher Agency ist. Vielmehr gilt es zu untersuchen, inwiefern Künstlerinnen und Künstler bereits im Laufe des 20. Jahrhunderts durch Praktiken wie Explorieren, Systematisieren und Kooperieren Vorstellungen von Natur verhandelt und daran gearbeitet haben, dass sich Natur artikulieren und eine Vorstellung von sich geben kann.

Der Workshop ist in drei Sektionen gegliedert, die jeweils aus einem einleitenden Vortrag sowie ausführlichen Diskussionen bestehen. Als Vortragende konnten Prof. Dr. Petra Lange-Berndt (Universität Hamburg), Prof. Dr. Friedrich Weltzien (Hochschule Hannover) sowie Dr. Susanne Witzgall (Akademie der Bildenden Künste München) gewonnen werden.

Bewerbung: Für die Teilnahme am Workshop ist eine kurze Bewerbung notwendig; die Teilnehmendenzahl der Veranstaltung ist begrenzt. Bitte stellen Sie eine Kurzbiografie und ein Motivationsschreiben (max. 350 Wörter) zur Verfügung, in dem Sie Ihr Interesse an der Thematik sowie Ihre diesbezüglichen Forschungsschwerpunkte skizzieren. Die Unterlagen senden Sie bitte bis zum 31. Juli 2017 als PDF an: marcel.finke@uni-tuebingen.de. Die Reise- und Unterbringungskosten können für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops leider nicht übernommen werden.

Für weitergehende Fragen kontaktieren Sie bitte: marcel.finke@uni-tuebingen.de

Konzept und Organisation: Barbara Lange, Marcel Finke, Tim Jegodzinski (Universität Tübingen)

Veranstaltungsort: Kunsthistorisches Institut, Eberhard Karls Universität Tübingen

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