Ausstellungsbesprechungen

1914 - Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg, LVR-Landesmuseum Bonn, bis 23. März 2014

Schon seit geraumer Zeit haben der Medienhype und die musealen Aktivitäten anlässlich des Gedenkens an den Ausbruch des 1. Weltkriegs im August vor hundert Jahren den Charakter einer ungebremsten Flutwelle angenommen. Von allen Seiten glaubt man, den Donner der Geschütze zu hören und das tödliche Gas einzuatmen – das Grauen scheint allgegenwärtig. Von alldem noch unberührt präsentiert sich eine Bonner Ausstellung, die ebenfalls mit dem Datum 1914 operiert, sich aber auf die Zeit davor bezieht. Ihr Titel: »1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg«. Rainer K. Wick hat sie sich angesehen.

Wer bisher glaubte, das fotografische Bild der Welt vor dem ersten großen Krieg sei ein rein Schwarz-Weißes gewesen, wird hier eines Besseren belehrt. Tatsächlich stand das Bemühen um fotografische Bilder in Farbe schon früh auf der Agenda der Fotopioniere. Kurz nach 1900 gelang dem auch als Erfinder des Blitzlichtpulvers bekannten Fotografen Adolf Miethe die sogenannte panchromatische Sensibilisierung, die die tonwertrichtige Darstellung der Farben ermöglichte. Wenig später entwickelten in Frankreich die Brüder Lumière ein eigenes Verfahren zur Herstellung von Autochromdiapositiven, doch bis produktreife und für den Massengebrauch taugliche Farbfilme verfügbar waren, vergingen noch drei Jahrzehnte. Agfa brachte in den 1930er Jahren unter dem Namen »Agfacolor« die ersten Roll- und Kleinbildfilme für die Farbfotografie auf den Markt und warb schon 1932 mit dem Slogan »Jeder kann sofort farbig photographieren!«, Kodak führte 1935 Farbdiafilme der Kodachrome-Serie ein und lieferte sich mit Agfa einen harten Konkurrenzkampf. Seither ist die Farbfotografie eine kulturelle Selbstverständlichkeit, vor 1914 war sie jedoch ein absolutes Ausnahmephänomen.

Überraschendes Material aus der Frühzeit der Farbfotografie haben nun der prominente Fotohistoriker und -theoretiker Rolf Sachsse und seine Co-Kuratoren zu einer eindrucksvollen Schau zusammengestellt, die Einblicke in eine Welt gewährt, die uns fern und nah zugleich ist. Fern, wo uns längst verstorbene Menschen aus fremden Ländern in Kleidern anschauen, die heute nur noch bei Folkloreabenden getragen werden, nah, wo Orte abgelichtet wurden, die dem Betrachter seinerzeit zwar als fremdartig erscheinen mussten, die mittlerweile aber zum Standardprogramm des modernen Massentourismus gehören – von der Cheopspyramide im ägyptischen Gizeh über die Sülemaniye-Moschee in Istanbul bis zum Taj Mahal im indischen Agra. Interessanter als die Aufnahmen dieser bedeutenden Monumente der Menschheitsgeschichte ist zum Beispiel ein Farbfoto der Place de la Bourse in Paris vom 5. Juni 1914. Denn es zeigt den menschenleeren Platz so, wie wir ihn nie mehr sehen werden, nämlich zeittypisch mit großflächiger Fassadenreklame und grellbunter Plakatwerbung, die das Konsumangebot der Franzosen vor hundert Jahren dokumentiert. Von der nahenden »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts ist auf diesem nicht einmal zwei Monate vor Kriegsbeginn aufgenommenen Foto nichts zu erahnen.

Faszinierend sind vor allem jene farbigen Fotos, die die damaligen Menschen in ihren Lebenszusammenhängen zeigen und als Bausteine zu einer visuellen Soziologie und Ethnologie der Zeit vor mehr als hundert Jahren gelesen werden können. Diese Bilder zeigen Frauen, Männer und Kinder meist in Frontalansicht und, bedingt durch die langen Belichtungszeiten, oft wie für die Ewigkeit eingefroren.

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Die im Bonner Landesmuseum ausgestellten fotografischen Arbeiten entstanden auf ausgedehnten Reisen durch Europa, Asien und Afrika. Sie stammen aus unterschiedlichen Kontexten. So verdankt sich ein Teil des Materials dem Auftrag von Zar Nikolaus II., der Farbfotografien des riesigen Russischen Reiches anfertigen ließ. Das Gros der Fotos resultiert aber aus einem überaus ambitionierten Großprojekt des aus dem Elsass stammenden jüdischen Bankiers Albert Kahn (1860-1940). In den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beauftragte er mehrere Berufsfotografen, ein enzyklopädisches, Länder und Kontinente überspannendes fotografisches »Weltbildarchiv«, so Sachsse, zu erstellen, das sich in der Rückschau nicht als Bildgeschichte der »großen Persönlichkeiten« und der herausragenden Ereignisse darstellt, sondern als »Geschichte von unten«. So wurden im Laufe von zwei Jahrzehnten ca. 70.000 Farbbilder – übrigens meist von erstaunlicher technischer Qualität – zusammengetragen, in deren Mittelpunkt das anonyme Individuum in seiner alltäglichen Umgebung stand.

Man würde diese gigantische Sammlung gründlich missverstehen, wenn man sie als Ausdruck einer kulturimperialistischen Weltaneignungsstrategie deuten würde. Auch war das Motiv für die Gründung und den Ausbau dieser privaten Archives de la planète, dieses globalen Bildarchivs, nicht in erster Linie Neugier oder Wissensdurst seines Initiators, auch nicht die romantische Faszination des Exotischen. Zentral war vielmehr Kahns Überzeugung, dass die Kenntnis aller Völker und die Einsicht in deren kulturelle Vielfalt die maßgebliche Voraussetzung für ein tolerantes und friedliches Miteinander aller Menschen sei. Dass dieses philanthropische Anliegen, diese humanistische Utopie, diese Friedensmission schon bald, 1914, an der grauenvollen Realität des Krieges zerschellen sollte, hielt Kahn nicht davon ab, dieses – wenn man so will pädagogische – Projekt nach 1918 fortzuführen. Noch 1932 schrieb er nicht ohne optimistischen Unterton: »Les Archives de la planète ermöglichen es uns, die Vergangenheit und die Gegenwart ganz nach Blieben abzurufen und auf diese Weise Orte und Ereignisse in unterschiedlicher Hinsicht zu befragen. So mögen die inzwischen zwar verschwundenen, jedoch im Archiv erhalten gebliebenen Zeugen auch weiterhin überall die Lehren verbreiten, die aus diesen lebendigen Bildern der sich weiter entwickelnden Geschichte gezogen werden können.«

Die Bonner Ausstellung ist ein fotohistorisches Highlight. Wer bis zum 23. März keine Gelegenheit hat, sie zu besuchen, hat eine zweite Chance, wird sie doch vom 1.8. bis 2.11.2014 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein. Lohnend ist auch das im Hatje Cantz-Verlag erschienene Katalogbuch mit zahlreichen ganzseitigen Farbabbildungen und Textbeiträgen der Kuratoren.