Ausstellungsbesprechungen

1937. Perfektion und Zerstörung

Es gibt Ereignisse, die auf fast irrationale Weise Wirkung auf Künstler, Literaten und andere Intellektuelle zeigen, dass sie wie Leuchtmarken in der Geschichte – und im Gedächtnis – aufscheinen: Ob die Zerstörung des World Trade Center dazu gehört, werden die nächsten Jahre zeigen, deutlich ist schon jetzt, dass man bereits heute an den Tag »9/11« erinnert und verwundert feststellt, dass dieses Unglück bereits 2001 über die Welt hereinbrach.

Einen festen Platz in der intellektuellen und künstlerischen Erinnerungskultur haben jedenfalls schon das verheerende Erdbeben 1755 in Lissabon, das u.a. Heinrich von Kleist zu einer grandiosen Erzählung anregte, und der Spanische Bürgerkrieg, der 1936/37 tobte und eine ganze Generation von Künstlern bewegte, die zumal das Sensorium hatten, den Vorabend des Weltkriegs schon zu ahnen.

 

Der Direktor der Kunsthalle Bielefeld, Thomas Kellein, hat nun als Kurator das Jahr 1937 ins Zentrum einer Ausstellung platziert, die längst im Raum stand und zu den grandiosen Kunstereignissen dieses Winters zählten. Unter den Schlagworten »Perfektion und Zerstörung« hat er Hunderte von Werken zusammengetragen, die das apokalyptische Ausmaß dieses konkreten Jahres vor Augen führt. Da in dieser Zeit auch die Weichen für die deutsche Kunst gestellt wurden – Breker als Standard, Beckmann als Verfemter – nimmt die fulminante Schau den Schrecken des Bürgerkriegs in Spanien, die Verfemung der Kunst (als furchtbaren Höhepunkt sei die Ausstellung »Entartete Kunst« genannt) und die Perversion eines Triumphes des Willens in eins: Nie hat man den Aufschrei, der durch ganz Europa ging, in dieser Vehemenz vernommen wie hier – auch wenn er seine symbolische Form längst gefunden hat in Picassos »Guernica«-Bild (überhaupt hat Picasso in diesen Jahren um 1936/37 eine unglaublich Produktion entwickelt mit Arbeiten, die an Aggression kaum zu überbieten sind.

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Picasso ist freilich mit etlichen Werken in Bielefeld vertreten – insgesamt bringt es die Schau auf rund 400 Arbeiten von 180 Künstler(inne)n, Leihgaben aus 120 Museen und Privatsammlungen, die in zehn Themenkomplexe eingebunden sind, die zudem prächtig in dem schwergesichtigen Katalog dokumentiert sind:

– Heroisches Warten und hohles Pathos – Kunst im Nationalsozialismus

– Das böse Erwachen – Die Kunst in Deutschland

– Novecento und Aeropittura – Zwei Zeitalter in Italien

– Aufschrei in Spanien – Die Internationale des Protests

– Im Auftrag der Utopie – Die Kunst in der Sowjetunion

– Sozialkritik und Resignation – Die amerikanische Malerei

– Amazone, Assia, Pomona – Das Menschbild in der Skulptur

– Antlitz der Zeit – Vom Porträt zur Sozialfotografie

– Die Entdeckung des Feuers – Der Surrealismus wird politisch

– Von der Abstraktion zur Konstruktion – Die Suche nach Ausgleich

 

Es ist fast schon ein Zynismus der Zeit, dass offenkundig das ganze Unheil des anstehenden Weltkrieges 1936–38 schon als Vision angelegt war: Richard Oelzes »Erwartung«, Karl Hofers »Mann in Ruinen«, Dalis »Der erhabene (!!) Augenblick«, Magrittes »Entdeckung des Feuers« – das sind nur ein paar Beispiele für die Zeichen der Zeit. Die Welt loderte, bevor sie Feuer fing. Und die Kunst reagiert wie nie zuvor darauf: Alle Gattungen sind vertreten, alle wichtigen Länder nahmen am Reigen des Wahnsinns teil – für die USA begann mit Pollock, Rothko und Gorky sogar eine neue Epoche der Kunst, die nach 1945 Führungsanspruch über die Weltkunst erheben sollte.

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Es ist verdienstvoll, dass Kellein auch Breker, Riefenstahl & Co. in die Ausstellung einbezieht – nach den problematischen Einzelausstellungen in den vergangenen Jahren dürfte klar geworden sein, dass diese Kunst in einen Kontext gehört, wie ihn Bielefeld mustergültig vorführt. Wenn eine solche Kunst präsentiert werden kann, dann ist das nur möglich, wenn man Beckmann, Grundig, Heartfield und all die anderen gegenüber stellt. Und natürlich gehören dann auch die italienischen Futuristen dazu, die unter Mussolini moderne und traditionelle Elemente mischten und auch vor der Kriegsverherrlichung nicht Halt machten – und zugleich so stille Kunst wie die eines Morandi zuließen. Die Ausstellung, so hat es den Anschein, macht in einem Augenblick der Weltgeschichte in ganz Europa und in Übersee Station, ohne je die Klarheit des Fahrplans zu verlieren. Es ist eine grandiose Leistung der Ausstellungsmacher, die auch über die Riesenschau hinaus Maßstäbe setzt.

 

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Öffnungszeiten
täglich 11–18
Mittwoch 11–21
Samstag 10–18 Uhr