Ausstellungsbesprechungen

6 richtige, 3 falsche und ein bild des monats

Alles scheint künstlich. Im Marburger Kunstverein präsentieren derzeit 9 von 150 Studenten der Frankfurter Städelschule Malerei, Photographie, Video- und Objekt-Installationen unter einem Titel, der geradezu einlädt zur Suche nach mehr und minder hervorragenden Arbeiten: „6 richtige, 3 falsche und 1 bild des monats“. Natürlich wird hier mit doppeltem Boden gedacht. Schließlich sind die 6 Richtigen, um die üblicherweise beim Lotto gebangt und gezittert wird, immer auch Zeichen eines oft verzweifelten Traums von finanzieller Omnipotenz.

So gesehen wären vielleicht eher die falschen Bilder die richtigen. Man wird sehen. Auf jeden Fall ist der Marburger Kunstverein durch seine räumliche Lage für eine Ausstellung mit dem besagten Titel prädestiniert. Schließlich teilt er sich in der Unterstadt, nahe der Lahn, einen Gebäudekomplex mit dem Cineplexkino, einem Ort, der an falscher Bilderware nicht selten ungeheuer reich ist. Die Frankfurter Kunsthochschule scheint da das passende Gegengewicht zu bieten, immerhin wird sie angekündigt als „eine der Experimentellsten... die fast radikal zu nennen ist durch ihre programmatische Öffnung und Sogkraft gegenüber neuen Tendenzen in der Kunst“. So das Informationsblatt.

Statt nach Photos zu malen, wie es von Gerhard Richter über Luc Tuymans bis hin zu Florian Süssmayr derzeit populär ist, versucht sich Lisa Jugert an einer anderen Deutung des Verhältnisses der beiden Medien: Sie photographiert ihre Malerei. Die Arbeit „177 % Finger“ zeigt Fragmente eines Wabengeflechts auf Leinwand als 177 % vergrößerten Computerausdruck. In die größte Wabe ragt schemenhaft ein lange belichteter Arm. Der Rand des Gemäldes ist weiterhin sichtbar und begrenzt das ansonsten fast leere Bild im Bild. Die 1980 geborene Studentin erläutert ihre Arbeit mit einem Zitat von Robert Smithson: „It's sort of like going from one happy lie to another happy lie, you know, with a cheerful sense about everything.“ Unmittelbarkeit ade, heißt das wiedereinmal: Weder Malerei noch Photographie können einen direkten Eindruck von Wirklichkeit erzeugen. Die Medien brechen aneinander. Alles scheint vermittelt und künstlich.

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Im Gegensatz zu diesem formalen Spiel scheint man bei dem Dänen Simon Dybbroe Møller buchstäblich über inhaltliches Schwergewicht zu stolpern. Auf einem im Raum liegenden grabsteingroßen Granitblock steht eingemeißelt das Wort „Nothing“. „Nothing lasts forever“, so der vollständige Titel der Arbeit, spielt im Grunde aber dasselbe Thema durch wie Lisa Jugert: Nichts ist, was es scheint. Auf Grabsteinen stehen normalerweise bange Glaubenssprüche vom ewigen Gedenken statt Mahnungen zur Nichtigkeit. Außerdem ist ein Granitblock, allen gegenteiligen Inschriften zum Trotz, natürlich ein ziemlich handfestes Etwas und kein „Nothing“. Das ist alles sehr bekannt, wie Magrittes Bild, das keine Pfeife und Gertrude Steins Wort, das keine Rose ist. Und spätestens seit auch die Werbung ironisch über ihre Medialität zu „reflektieren“ gelernt hat, ist der ehemals erkenntniskritische Stachel derartiger Strategien ziemlich abgestumpft. Wenn man sich abwendet von dieser schal gewordenen Paradoxie, kann es einem darüber hinaus in den Sinn kommen, dass auch heute, trotz 40 Jahren Postmoderne, trotz einer massiv medialisierten und vielerorts ins Virtuelle abschwenkenden Welt, immer noch wirklich gestorben wird.  

 

Aber schauen wir weiter. Als „Nature is chemical“ (I und II) bezeichnet Miriam Glinka zwei pink und grellgeld bemalte Leinwände, auf denen sich eine ganz und gar künstlich gewordene Natur mit Stadtraumelementen durchmischt. Im Vergleich mit ihrer ersten zeigt die zweite Arbeit einen deutlichen Zuwachs an unkontrolliert sich ausbreitenden Biotech-Geflechten, die aggressiv eine Brücke überwuchern und himmelwärts zum oberen Bildrand fließen. Auch hier also, am Beispiel einer industrialisierten Natur, das Thema der verlorenen Unmittelbarkeit, allerdings ohne notorisch die Scheinhaftigkeit des eigenen Mediums auszustellen.

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Einen ähnlichen Weg schlagen auch die Arbeiten von Barbara Wolff ein, die „Extremsituationen“ zeigen wie z.B. Vulkanausbrüche, Autounfälle oder zwei siamesische Zwillinge. Gerade die letzte Arbeit ist in hervorragender Weise gelungen und man wäre geneigt, sie mit dem Titel vom Bild des Monats zu beehren, wenn diese Auszeichnung nicht allzu schnell verflöge. Auch hier sind Strategien der Unmittelbarkeitsbrechung am Werk. Zwei Köpfe ragen aus einer weißen Lackschicht. Die Körper sind verdeckt oder ausgelöscht. Im unteren Drittel des großen Hochformats (200 x 260) läuft die glänzende Übermalung mit Farbnasen und Spritzern aus. Ein dahinter liegender, dunkler Weltraum taucht auf, in den eingeweideartige Formationen hinabhängen. Die Übermalung nimmt so nicht bloß eine formale Funktion ein, sondern wird selbst zu einem, vage auf Konkretes verweisenden Zeichen: Zu eine Art Vorhang, der verdeckt, was auf der Oberfläche in den traurig hohlen Blicken der Mädchenköpfe nur erahnbar bleibt: Inneres, das als Gedärm hinunterhängt ins All. Die Unbestimmtheit der Übermalung führt im Übrigen, wie auch in den anderen 3 Arbeiten zu beobachten ist, figurative und abstrakte Malansätze spannungsvoll zusammen.

 

Von Lia Anna Hennig sind 2 sehr unterschiedliche Arbeiten zu sehen, eine Video-Installation und ein 12-teiliges Wandobjekt, „Stocksequenzen genannt. Es zeigt aufgereihte Stöcke, die ihr Hund über ein Jahr täglich angeschleppt hat. Die Stöcke entsprechen der Anzahl der Monatstage und weisen Bissspuren auf. Trotz aller sinnlichen Präsenz der Stocktafeln, die eine ganze Wandbreite abdecken, ist die Arbeit doch hauptsächlich davon getragen, eine Idee zu visualisieren.

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Alogarf Production“ hingegen lässt sich nicht so einfach auf eine Idee reduzieren. Die Künstlerin liegt inmitten von quietschpinken Erdbeeren und zieht sich die Früchte aus dem Mund, als füge sie sie mit ihren Zähnen wieder zusammen. Der schlichte Rücklaufeffekt entfaltet große Wirkung, vor allem, da er von grotesken Schmatz- und Schlinglauten unterlegt ist, zu denen wiederum der Hund der Künstlerin beigetragen hat. Vor der Leinwand auf dem Boden sind Gelatinebrocken verteilt, tote Materie im Vergleich zu den künstlichen Erdbeeren, und doch ungleich natürlicher als jene, da ihr erdiger Braunton sie jeglichen Plastikverdachts entzieht. Das Innenleben, so muss man denken angesichts der aus dem Mund schlüpfenden Ekelbeeren, hat sich unterschiedslos den Hochglanzflächen der Außenwelt angeglichen. Natürlich könnte, und in dieser Ambivalenz liegt die besondere Qualität der Arbeit, das Herausziehen der falschen Früchte auch als ein Versuch der Befreiung angesehen werden.

 

Das durchgängige Thema aller Arbeiten, auch der großen Installationen von Elisabeth Hatscher, Adrian Williams und Judith Raum, am wenigsten noch der Photoprints von Jonas Leihener, ist die Kritik des Glaubens an unmittelbare Wirklichkeitserfahrung. Dass dies allerdings so radikal nicht ist, wie die Ankündigung versprach, zeigt sich unter anderem in der sicherlich zufälligen Wiederholung eines 100 Jahre alten Denkfehlers. Schon Nietzsche, der oft bemühte Ahnherr der Postmoderne, sprach davon, dass einzig die Lüge noch das Wahre sei. Er vergaß dabei, dass der Begriff der Lüge notwendig an sein Gegenteil geknüpft ist, an die Wahrheit. Auch im Marburger Kunstverein konnte man wieder von den „happy lies“, den fröhlichen Lügen lesen und viele Arbeiten genügten sich in der Bloßlegung des Scheins. Sind aber die Zeiten der happy lies wirklich von allem wirklichen Leben und Sterben leergefegt, bleibt bloß noch reflektierte Ironie? Bei Bret Easton Ellis, der seit den 80er Jahren systematisch den Austausch individuellen Innenlebens durch eine alles erfassende Oberflächenkultur beschreibt, heißt es: „We'll slide down the surface of things“. Von diesem Rutschen, dessen Feststellung bereits Ausdruck einer grundlegenden Verzweiflung ist, hätte man gerne noch etwas mehr gespürt in einer Ausstellung, die die richtigen und die falschen Bilder im Titel trägt.