Ausstellungsbesprechungen

875 Jahre – LÜBECK ERZÄHLT UNS WAS – Die Ausstellung zum Stadtjubiläum. Lübeck, Museumsquartier St. Annen und Europäisches Hansemuseum, bis 6. Januar 2019

1143 wurde Lübeck von Graf Adolf von Schaumburg endgültig gegründet, nachdem es schon lange vorher eine slawische Siedlung an der Trave gegeben hatte. Jetzt wird das Stadtjubiläum groß gefeiert – vor allen Dingen natürlich in den Museen. Stefan Diebitz ist von Objekt zu Objekt gewandert.

 Es ist eigentlich merkwürdig, dass eine Stadt der Pfeffersäcke – und das war und ist Lübeck zweifellos – dass also eine Stadt, in der über die Jahrhunderte hinweg die Ökonomie, sprich: der Handel mit Hering, Holz und Salz über alles dominierte, dass eine solche Stadt so viel Hochkultur hervorbrachte. Das geschah quasi nebenbei, denn es gab niemals einen kunstsinnigen Fürstenhof, eine renommierte Universität hat Lübeck nie besessen, und auch heute kann man wohl ganz gut Medizin studieren, dazu noch ein paar technische Fächer, aber von einer philosophischen Fakultät wird nicht einmal geträumt. Und trotzdem… Lübeck ist für viele seiner Besucher ein Eldorado der Hochkultur. Die Altstadt imponiert mit ihren mächtigen gotischen Kirchen und ihren engen, von Treppengiebelhäusern gesäumten Straßen, sie ist für die Qualität ihrer Kirchenmusik bekannt, und dazu finden sich noch einige Museen, die ihresgleichen suchen. Das gilt besonders für das St. Annen-Museum, das spätgotische Säulengänge und Säle von einer geradezu unfassbaren Schönheit bietet, vollgestellt mit großartiger sakraler Kunst; und das gilt ebenfalls für das bürgerliche Behnhaus, in dem sich das 19. Jahrhundert seit Caspar David Friedrich und Carl Blechen ebenso findet wie die klassische Moderne mit zahlreichen Meisterwerken.

Es sind einhundert Objekte, mit denen die Geschichte Lübecks in zwei Häusern dokumentiert und veranschaulicht wird. Die beiden Häuser sind das ehrwürdige Museumsquartier St. Annen und das noch junge Europäische Hansemuseum am Burgtorhafen, so dass man zwar mit einer Karte beide Museen besuchen darf, aber doch zwischendurch ein wenig marschieren muss. In beiden Häusern können die beiden schönsten Räume, der Remter und der lange Saal, selbst als Ausstellungsstücke gelten. Die Ausstellung richtet sich vor allem an das breite Publikum, indem es etwas wundertütenmäßig Skurriles und Merkwürdiges in bunter Folge präsentiert. Es war den Machern wichtig, dass »für jeden Geschmack etwas« dabei ist. Deshalb wurden auch Videos integriert: Dokumentationen des Lübecker Grenzübergangs, aber auch der Versuch, sich Lübeck in 875 Jahren vorzustellen. Im Zeitalter der Klimakatastrofe versteht es sich wohl von selbst, dass man sich das Lübeck der Zukunft im Wasser ertrunken vorstellt.

In den Worten des Kurators reiht sich »Highlight« an »Highlight«, und viele davon sind wirklich ziemlich sehenswert. Zu den ältesten Stücken zählt eine ägyptische Mumie, und im Eingangsbereich des St. Annen-Museums kann man einen Eskimokajak bestaunen, der sich seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Lübeck befindet – niemand weiß, auf welchen Weg er kam – und den sonst die Gäste der altehrwürdigen Schiffergesellschaft von unten anschauen können. Von unten, denn er hängt normalerweise unter der Decke des berühmten Restaurants. Jetzt kann man den geschnitzten Eskimo direkt betrachten, und er braucht sich auch nicht mehr vor dem Ertrinken zu fürchten, denn sein Kajak ist für die Ausstellung generalüberholt worden.

Lübeck ist eine Hafenstadt und dem Meer eng verbunden, und so findet sich natürlich noch mehr Maritimes. Ausgerechnet der Neffe des DDR-Chefkommentators Eduard von Schnitzler (»Sudel-Ede«) riskierte die Flucht über die Ostsee in einem kleinen Schlauchboot, das jetzt im Museum präsentiert wird. Und daneben hängt die Weste des großen schwedischen Königs und Dynastiegründers Gustav I. Wasa, der auf der Flucht vor dem dänischen König im September 1519 Zuflucht in Lübeck suchte und fand. Darauf sind die Lübecker – und wohl zu Recht – bis heute stolz.

So sind die meisten Ausstellungsstücke für sich sehenswert und interessant, aber doch etwas willkürlich und assoziativ zusammengestellt. In der Hauptsache illustrieren sie die Kulturgeschichte und den Alltag, aber es findet sich auch kunstgeschichtlich Interessantes und Wichtiges. Das gilt besonders für eine kunstvoll geschnitzte Endwange vom Gestühl der hanseatischen Gesandten in Lübeck aus dem späten 14. Jahrhundert. Es ist die einzige Endwange aus dem alten Hansesaal, die bis heute erhalten blieb, denn es gab zwar noch drei weitere, aber deren Wert wusste man im frühen 19. Jahrhundert, als man den verkommenen Hansesaal ausräumte, nicht richtig einzuschätzen. Dank ihrer himmelstürmenden Schlankheit besitzt diese Endwange, die eine lange Sitzbank abschloss, etwas von gotischer Sakralarchitektur, und eine genauere Betrachtung zeigt wirklich einige religiöse Motive.

Zu diesem Ausstellungsstück wie zu den anderen neunundneunzig gibt es in dem Katalog eine dreiseitige Erläuterung, die alle wichtigen Informationen zusammenfasst. Dabei sind manche Stücke schlicht und einfach Quatsch – das gilt zum Beispiel für den Kniefall vor dem hiesigen Fußballverein, dem VfB Lübeck. Dessen Präsenz wäre auch dann überflüssig, wenn die Mannschaft ein oder zwei Ligen höher spielen würde. Jedenfalls hätte ein Stück aus der abgerissenen Haupttribüne so wenig sein müssen wie die Schreibmaschine Willy Brandts. Es ist ja nicht wahr, dass die Schreibmaschine über »die Geschichte des 20. Jahrhunderts« berichtet, sondern sie macht bestenfalls die Schwierigkeiten anschaulich, in den zwanziger Jahren ein Flugblatt zu tippen. Das war es dann auch schon. Im Grunde ist es ein Reliquienkult.

Aber geradezu atemberaubend – und dank ihrer Verletzlichkeit nur ganz, ganz selten ausgestellt – sind die Dokumente und Bücher aus dem Mittelalter, die im Keller von St. Annen in einem sehr stark gedämpften Licht präsentiert werden: besonders die Lübecker Chronik von Heinrich Rehbein aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist mit ihrer filigranen Handschrift und den zahlreichen fantasievollen Illustrationen überaus sehenswert. Denn der Historiker der frühen Neuzeit scheint sich tatsächlich Hilfe bei Künstlern geholt zu haben. Und auch die anderen Schriften sind extrem beeindruckend – nicht zuletzt dank ihrer Ästhetik.

Einige anspruchsvolle Ölbilder werden ebenfalls ausgestellt, und es steht außer Zweifel, dass Lyonel Feiningers Lübeck-Bild herausragt. Im Katalog schreibt Alexander Bastek, dass hier »das tradionelle Bild der alten Welt mit der Formsprache der Moderne« dargestellt wird, sprich, eine gotische Straße (oder Gasse) in kubistischer Manier. Wahrscheinlich ist der Rhythmus der Giebel das, was dieses Motiv so geeignet für den Kubismus sein lässt; in jedem Fall ist das Bild atmosphärisch außerordentlich dicht und beeindruckend.

Die Ausstellung richtet sich an das breite Publikum, ist also zunächst und vor allem Teil der touristischen Vermarktung der Stadt. Hoffentlich lehrt sie möglichst viele Leute, wie schön das St. Annen-Museum ist!

Katalog:

Karin Lubowski und Jörg Rosenfeld (Redaktion)
875 Jahre. Lübeck erzählt uns was
Schmidt-Römhildt, ISBN 978-3-7950-5249-2, Ladenpreis 19,80 €