Meldungen zum Kunstgeschehen

8. Internationale Foto-Triennale Esslingen 2010, »Mapping Worlds: Welten verstehen – Aufbruch in die Gegenwart«, bis 19. September 2010

Ein gewaltiger Fotosommer geht in der Region Stuttgart zu Ende. Nicht nur der alljährliche Reigen fotografischer Arbeiten in fast allen Galerien der Landeshauptstadt, die dem Jahr einen gattungsbezogenen Gipfel verleihen, bevor das Signalhorn mit dem »art alarm« zum herbstlichen Auftakt einer neuen Saison tönt, ist hier zu beklatschen, sondern auch das terminliche Zusammentreffen mit der 8. Internationalen Foto-Triennale im nahegelegenen Esslingen, die Günter Baumann für Sie besucht hat.

Hier suchten die Ausstellungsmacher in der und um die Villa Merkel internationale Positionen, die den Stand der Dinge mit der Fotogeschichte in Einklang bringen. Den historischen Part bestritt die Fotosammlung Herzog aus dem Schweizerischen Nationalmuseum, die parallel zur technischen Entwicklung der Gattung inhaltlich den Weg einer Agrargesellschaft aus der Zeit um 1840 über den Einzug der Industriekultur in den ländlichen Raum verfolgt, der um 1960 abgeschlossen ist.

Die Triennale selbst vereint knapp 20 Künstlerinnen und Künstler, die daran anknüpfen, derartige sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen indirekt nachzuvollziehen: »Mapping World« verkündet die Schau, in der es dem Titel nach darum geht, »Welten (zu) verstehen« mit einem »Aufbruch in die Gegenwart«. Die fotografischen Sensoren stammen von folgenden Künstlern: Anas Al-Shaikh (*1968), Bahrain; Pedro Barateiro (*1979), Portugal; Michael van den Bogaard (*1974), Deutschland; Nuno Cera (*1972), Portugal; Galic/Gredig (Goran Galic, *1977/Gian-Reto Gredig, *1976), Schweiz; Gintersdorfer/Klaßen, Deutschland, Frankreich, Elfenbeinküste; Bertien van Manen (*1942), Niederlande; Susan MacWilliam (*1969), Nord-Irland; Daido Moriyama (*1938), Japan; Claudio Moser (*1959), Schweiz; Harald F Müller (*1950), Deutschland; Astrid Nippoldt (*1973), Deutschland; Stefanie Schneider (*1968), Deutschland; Shirana Shahbazi (*1974), Iran; Roselyne Titaud (*1977), Frankreich; Olaf Unverzart (*1972), Deutschland; Lidwien van de Ven (*1963), Niederlande; Stephen Wilks (*1964), Großbritannien. Der Titel ist allerdings auch ein halbwegs frommer Wunsch, denn bei aller Aufbruchsstimmung, die diese Beiträger an den Tag legen, macht gerade die zeitgenössische Fotografie deutlich, dass es kaum möglich ist, die globale, in sich vernetzte, medial verfremdete Welt auch nur annähernd objektiv darzustellen und sie dadurch verstehbar zu machen, und dass es schon schwer genug ist, die Gegenwart von der Vergangenheit abzutrennen – der Aufbruch geriert sich oftmals eher als Spurensuche oder als eine Art Bestandsaufnahme, die nicht mehr zu hinterfragen ist. Olaf Unverzart etwa präsentiert Aufnahmen »Von hier«, die ein kritisches Licht auf Aufbruchsrufe aller Art wirft. Und Stefanie Schneider verlegt ihre Optik in traumhafte, wenn nicht traumatische Ferne.

Am Ende bleibt die spannende Frage, wie gegenwärtig die historischen und wie historisch die zeitgenössischen Fotografien bereits sind. Eine Antwort wird man vielleicht zur 9. Internationalen Foto-Triennale in Esslingen erhalten. Bis dahin muss man sich gedulden, aber vorsorglich haben die Ausstellungsmacher einen fundierten Katalog gestaltet, der so viel Lesefutter bietet, dass man den Aufbruch in die Gegenwart auch theoretisch vollziehen kann.