Ausstellungsbesprechungen

Der Bildhauer Hans Kindermann, Foyer des EnBW-Gebäude, Karlsruhe, bis 1. Februar 2013

Bewusst oder unbewusst, das bekannteste Werk Hans Kindermanns hat jeder schon einmal gesehen. Aber den Künstler scheint niemand zu kennen. Dieser Unwissenheit schafft die Ausstellung »Der Bildhauer Hans Kindermann« in Karlsruhe jetzt Abhilfe. Auch Günter Baumann hat sein Wissen über den Künstler aufgefrischt.

Es sind gute Zeiten für Entdeckungen in der Kunst. Es mag Zufall sein, vielleicht aber auch ein Phänomen, dass ausgerechnet im sortierenden, kanonisierenden Blick auf die nachklassische Moderne – von der Warte des 21. Jahrhunderts aus – künstlerische Positionen zum Vorschein kommen, die man fast schon vergessen glaubte, die jedoch unterschwellig immer da waren. Joseph Beuys etwa nimmt man in jüngster Zeit bewusster als Schüler Ewald Matarés wahr. Dieser zählt zwar zu den konstanten Größen auf dem Kunstmarkt, aber auch weniger einprägsame Werke gewinnen neuerdings an Schärfe in der öffentlichen Wahrnehmung.

Dazu gehört der 1911 geborene Hans Kindermann, ein figurativer Bildhauer, dessen bildnerischer Werdegang durch die Kriegsjahre jäh unterbrochen wurde. Der einstige Meisterschüler von Alexander Zschokke fand nur schwer wieder Anschluss an die Kunstströmungen nach 1945, anders als sein Freund Erich Heckel, mit dem ihn eine zeitweilige Ateliergemeinschaft am Bodensee verband – die gegenseitigen Bildnisse sind zauberhafte Zeugnisse einer Wesensverwandtschaft. Erst in den 1950er Jahren, private Schicksalschläge gingen voran, wurden ihm Ehrungen zuteil, unter anderem eine Berufung an die Kunstakademie in Karlsruhe (auf Vorschlag von Heckel). Kindermann übernahm als Professor die Bildhauerklasse; von 1963 bis 1971 war er Rektor der Akademie. Wertkonservativ, wie er war, musste sich der Künstler geschmeichelt fühlen, als er für die Weltausstellung in Brüssel 1958 einen Brunnen gestalten, mehr noch, als Hans Kindermann 1969 das Adlerrelief für das Bundesverfassungsgericht Karlsruhe ausführen durfte. Ironie des Schicksals: Dieser Vogel im Dienst des Staates prägte sich – in den Medien stets sichtbar über den Köpfen der höchsten Richter – indirekt ein, sodass Kindermann ein berühmter Mann hätte sein können, wenn nicht sein Name im Schatten der Umwälzungen Ende der 1960er Jahre verdrängt worden wäre. Doch genau da kann man heute, nüchtern betrachtet, die Verbindungsscharniere scheinbar gegensätzlicher Positionen festmachen. So studierten innovative Künstler wie der multimedial und installativ arbeitende Voré oder die postkonstruktivistische Plastikerin Ingrid Dahn bei Kindermann, von dem sie so etwas wie eine geistige Heimat vermittelt bekamen.

Bezeichnenderweise fühlte sich jedoch bisher kein Museum berufen, das Schaffen Hans Kindermanns vorzustellen. Das klassisch inspirierte Porträt und die traditionelle Standfigur als Thema wirken zugegeben auf den ersten Blick rückwärts gewandt. Befasst man sich aber mit den bemalten Köpfen aus Kunststoff in den frühen 1970ern, den ins Fach der Kitschkunst sich neu orientierenden, goldgefassten Holzfiguren um 1980, oder auch mit der leichten Ironie, die manche Statuetten umgibt, nicht zuletzt auch mit den Ausflügen in die Abstraktion (monumentales Beispiel ist die Bronzeplastik »Terra et mundus« vor dem Institut für Technologie in Karlsruhe), dann spürt man die vorwärts gerichtete Kraft, die dem Werk Kindermanns innewohnt. Einzelne Arbeiten lassen sogar hochaktuelle Assoziationen zu – beispielsweise erinnert die abstrahierte, fast typisierte Darstellung seiner späteren Frau Yvonne (»Weiblicher Akt«, um 1977) an Bronzefiguren von Antony Gormley, der freilich in anderem Kontext zu sehen ist.

Die EnBW Energie Baden-Württemberg AG zeigt in Karlsruhe rund 50 Werke des Bildhauers. So wird erstmals ein weiter Blick frei auf sein Schaffen, manche Arbeiten, wie die bemalte Darstellung des sitzenden Erich Heckel, sind überhaupt zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Neben Plastiken aus Bronze, Gips und – durchaus für ihre Entstehungszeit ungewöhnlich – aus Zement zeigen die Ausstellungsmacher existenzialistisch anmutende Zeichnungen. Die Schau ist eine verzögerte Ehrung zum 100. Geburtstag des Künstlers. Nun wäre es an der Zeit, um seine Stellung im süddeutschen Raum eingehender zu untersuchen, etliche der Porträts zeitgenössischer Personen (Walter Kaesbach, Fritz Klemm u.a.) weisen den Weg.