Ausstellungsbesprechungen

Mörstedt: Spurenkunde – Der Maler und Grafiker Alfred Traugott Mörstedt (1925-2005)

A.T.M. schenkt dem schwarzen und roten Quadrat in Malewitschs Suprematismus (s)einen Mikrokosmos

Noch eine Woche kann sich der reisende Kunstfreund in den Mikrokosmos von A.T.M. begeben. So ausgebreitet wie auf der Burg Beeskow war es nie – das Werk dieses unbeschreiblich phantasievollen Erfurter Künstlers, der mit „Überlebenszeichen“, „Munterer Melancholie“, „Tummelplatz der Teilchen“, „Unruhiges Jahr“, Spielraum der Hoffnung“, „Zeitzeichen“, „Die Schwermut des Harlekins“ und „Gegenbewegung“ seinen ungezählten Graphiken Namen in Zeit und Raum gegeben hat. Malewitschs Quadrat aus dem dynamischen Suprematismus hat A.T.M. in offenbarte Hintergründe verwandelt, indem er der Abstraktion der Energietheorie Einsteins (Relativitätstheorie) zu folgen vermochte und die Formzeichen (Kreis, Quadrat, Rechteck, Dreieck), die Malewitsch einst gegen die gegenständliche Kunst zu setzen wusste, in unauflösbare Zeichenbilder verwandelte – in Farbe und Schwarz-Weiß. Dies hat er in einer solchen Überfülle getan, d. h. seine Ausdruckskraft und Formsprache haben seine nie versiegende Phantasie darzustellen gewusst – in geistreichen Worten und unergründbarer Gestaltung von Netzwerken in Linien- und Farbrhythmus-Zeichen. Keine Bilderfindung gibt es mehrfach, das Druckverfahren Radierung half ihm immer wieder Unikate zu schaffen. Seine großen Gemälde sind die Verortung des unendlichen Sternenhimmels und der endlosen Verläufe von Lichtlinien in die Galaxie, sie sind der Blick durch ein Elektronenmikroskop in eine andere farbige Welt oder die Erfindung des Suprematismus des Mikrokosmos in der Bildenden Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts. A.T.M., ein Künstler, dessen Werkstatt äußerlich nichts verriet – zuletzt als ich ihn und seine Frau besuchte stapelten sich die Grafikschränke vollgefüllt im großen Dachgeschoß eines Erfurter Neubaus – der sich aber auf dem Papier durch Niemanden und durch Nichts erschöpfen oder erniedrigen ließ.

In der Burg Beeskow werden 82 Werke – meist großformatig - gezeigt und 6 von ihm illustrierte Bücher aus den Jahren 1977–1989. Die kolorierte Radierung von 1983 „Spurenkunde“ wurde zum Titel der Ausstellung. Geboren am 15.03.1925 in Erfurt, seit 1960 freischaffend als Maler und Grafiker in Erfurt und dort gestorben am 08.04.2005: seine besondere Lebensfähigkeit wird jetzt mit dieser Ausstellung überdeutlich, wo jenseits der Thüringer Landschaften, - verborgen in einer Burg, die man nur findet, wenn man sie wirklich sucht - sein Werk von seiner Witwe Helga Johanna Mörstedt und dem Direktor der Burg Beeskow Tilman Schladebach ausgebreitet wurde.

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Die Listen seiner Ausstellungen und Werkverzeichnisse sind lang. Sie verzeichnen Personalausstellungen u.a. in Altenburg, Bautzen, Bayreuth, Berlin, Bernburg, Cambridge, Cottbus, Dresden, Erfurt, Erlangen, Gotha, Holle, Iserlohn, Jena, Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, Leipzig, Magdeburg, Meiningen, Prag, Saalfeld, Sonneberg, Stendal, Stuttgart, Suhl, Unterwellenborn, Warnemünde, Weimar, Wemigerode. Und zur Beteiligung an Ausstellungen ist zu lesen: in Abu Dhabi, Aleppo, Aquila, Bagdad, Banska Bystrica, Bratislava, Budapest. Bukarest, Bytom, Damaskus, Feldkirch, Havanna, Kuweit, Leningrad (heute Petersburg), Lissabon, Moskau. Neu-Delhi, Paris, Prag. Rimini. Sint-Niklaas, Sofia, Tallinn, Timisoara, Vilnius, Warschau, Wien, Wroclaw.

In zahlreichen öffentlichen Sammlungen befinden sich seine Werke u.a. in Altenburg, Berlin, Bernburg, Budapest, Darmstadt, Dresden, Eisenach, Erfurt, Erlangen, Frankfurt/M., Frankfurt/O., Gera, Gotha, Halle, Ilmenau, Jena, Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, Krakau, Leipzig, Leningrad, Lindau, Lublin, Meiningen, Mühlhausen, Nürnberg, Paris, Pescia, Prag, Rostock, Schwerin, Stendal, Warschau, Weimar, Wien

Und nun, im Jahre 2006, zeigt die Burg Beeskow noch bis 9.7.2006, diese großartige Ausstellung aus dem Thüringer Kunsterbe – der Ort hier: westlich des Oder-Spree-Kanals und südlich der urbanen Landschaft des Oderbruchs nahe am Spreewald. Hier gibt Distanz zum Entstehungsort in Thüringen Kraft zur Betrachtung, die Ausstellung ist eine Sensation des Stillen im großen Format, des Unbeschreiblichen der „beschriebenen“ Blätter (Zeichnungen) und des genialen Mikrokosmos der Malerei eines Künstlers, der mit seinem unglaublichen Humor all die Niederträchtigkeiten gegenüber seinem Werk und die Verrisse seiner graphischen Ideen überlebt hatte. In nur 4 großen Burg-Räumen, dem Alten Amt, sind die unglaublichen Formate gehängt: die großen – ganz großen – Mikrokosmen und die kleinen – ganz großartigen – Buchformate und Illustrationen in Vitrinen. „Spurenkunde“ als Titel verweist auf die Kennerschaft der Aussteller und den stets gegenwärtigen Zauber der graphischen Linien und Farbflächen des Geehrten!

Auch einige Exemplare der selten gewordenen bibliophilen Werke des großen Buchkünstlers A.T.M. sind zu sehen. Ein besonderes Beispiel eines solitären Werks ist die Edition „Henryk Bereska (1926 – 2005) und A.T.M. (1925 – 2005)“ (in 70 Verkaufsexemplaren aus dem Hahndruck Kranichfeld und Graphikdruck Winfried Henkel/Viernau, Copyright Helga Johanna Mörstedt und burgart-presse Jens Henkel Rudolstadt 2006, Preis: 150,- Euro) Diese Farbradierung von A.T.M. entstand für sein Künstlerbuch „Die Verbeugung nach dem Salto mortale“, das er nicht mehr in der vorgesehenen Auflage vollenden konnte. Er verstarb im April und Henryk Bereska folgte ihm wenige Monate später.

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Eine größere Werk-Ausstellung mit den Freunden aus der Weimarer Zeit fand in Erfurt 1999 statt: Alfred Traugott Mörstedt und Freunde - Gerhard Altenbourg und Rolf Dieß, in der Reihe Künstler in Thüringen. A.T. M., der in seinen Collagen, Zeichnungen und Druckgraphiken stets einer Welt des Lyrischen und Träumerischen, aber auch des hintergründig Ironischen verbunden blieb, erfuhr als Nestor der Erfurter Kunstszene vielfältige öffentliche Anerkennungen. Aus seiner Studienzeit in Weimar war er Künstlern wie Gerhard Altenbourg (1926-1989) und Rolf Dieß (1925-1964) freundschaftlich verbunden und in seinen ästhetischen Haltungen wahlverwandt. Diese 1999er Ausstellung zeigte die gemeinschaftlich ausgewählten Werke von A.T. Mörstedt, Gerhard Altenbourg und Rolf Dieß, um die Beziehungen zwischen den drei Künstlern – ihren Werken und Handschriften, die jede für sich von herausragender Bedeutung für die Kunst in Thüringen und Deutschland nach 1950 ist -, sinnfällig zu machen.

Doch A.T.M. war nicht nur ein Meister der Graphik, sondern auch ein einfallsreicher, großartig abstrahierender Schreiber und weitsichtiger Denker, der Gewandtheit und l’esprit im Denken und in der Sprache verkörperte. In „Wortmeldungen“ 1982 – 2003 sind seine Texte zu verschiedenen seiner Ausstellungen erfasst. Hier ein wunderbares Zitat, was mich an all die seltenen Begegnungen mit ihm erinnert:

Weimar – Ein Beginn
Zur Ausstellung im Kunstkabinett am Goetheplatz Weimar 2000

„Irgendwann in meinen Jahren kam die Zeit, wo ich merkte, daß es mehrere Wahrheiten auf der Welt geben muß. Ein Dilemma für die Moral. Absolutes als Nonsens, das Sowohl-als-auch als letzte Weisheit? Das schmerzt! Doch wenn das so ist, dann müssen Werte durch Nuancen definiert werden. Denn was ist das Geistige gerade in seiner musischen Ausprägung anderes als Unterscheidung, Bewertung, Gewichtung? Die Großen der Zunft verstanden wohl, daß tiefes Eindringen in Wesentliches mit dem Wissen um die Unzulänglichkeit alles Menschlichen vereinbar ist. Wo sonst ist der Boden so fruchtbar gewesen für Überlegungen dieser Art wie hier am Ort?“

Wenige Wochen vor seinem Tode, würdigte die Regierung des Freistaates Thüringen das Werk von A.T.M. mit einer Ausstellung im Thüringer Landtag. Die Präsidentin des Thüringer Landtages, Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski sagte zur Begrüßung anlässlich der Ausstellungseröffnung von Alfred Traugott Mörstedt zum 80. Geburtstag im Thüringer Landtag am 16.03.2005: „Brecht hat einmal bemerkt: ‚Dass die Wahrheit auf viele Arten verschwiegen und auf viele Arten gesagt werden kann‘. Das lässt sich im Werk von Alfred Traugott Mörstedt - wie auch im Oeuvre anderer Künstler der DDR - sehr gut erkennen.“

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Seinem Beharren auf künstlerischer und intellektueller Freiheit und auf Individualität verdanken wir Kunstwerke, die einzigartig sind, manchmal fremd, anders als das Übliche, das schon Bekannte. Seine Aquarelle, Collagen und Zeichnungen geben unseren medien-geprägten Sehgewohnheiten Rätsel auf. Sie verweigern sich dem flüchtigen Blick. Sie fordern heraus und irritieren die Bequemlichkeit menschlicher Wahrnehmung.

Was die Kunst Mörstedts so unwiderstehlich macht, das ist seine unablässige Suche nach neuen Wegen der Bildgestaltung. Sein Reichtum an bildnerischem Material und Ideen scheint unerschöpflich.

Dieses Einzelwerk offenbart, welches Potential der Mensch an Ausdrucksmöglichkeiten, Wahrnehmungsdifferenzierung, Sinnlichkeit und Phantasie in sich trägt. In dieser Kunst blitzt leidenschaftlich auf, was Menschsein birgt.

Auf der Einladung zur Ausstellung in der Burg Beeskow 2006 haben die Veranstalter eine kolorierte Radierung von A.T.M. abgebildet, die er im Jahr 2000 geschaffen hat – DITDA DA DADA – die Initialen des Künstlers nach dem Morsealphabet. Es ist ein schöner Gruß an alle, die seit geraumer Zeit die wunderbaren kleinen Postkarten-Collagen des großen Meisters - die seine ganz persönlich-unerschöpfliche Art waren, postalische Grüße zu verschicken - vermissen.

Auf einer seiner letzten „DADA“-Postkarten die er mir gelegentlich schickte, und auf die nicht selten eine Thüringer Filet-Rotwurst aufgeklebt war, sitzt (aufgeklebt) ein großer gelber Käse mit der Aufschrift LEER auf einer blauen Parkbank und darüber steht zu lesen >Auch in Zukunft: Kunstmarkt Dresden1999< und in collagierter Hinzufügung >Holl. Leerdamer/Pinkrot eingerahmt/ wir sind dabei!>

 

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Öffnungszeiten
Di – So 11 – 17 Uhr