Ausstellungsbesprechungen

Mythos Atelier – Von Spitzweg bis Picasso. Von Giacometti bis Nauman, Staatsgalerie Stuttgart, bis 3. März 2013

Ein Atelier ist ein Arbeitsraum, eine Werkstatt, ein Labor, eine Schatzkammer, ein Arsenal an Ideen und möglicherweise auch eine Galerie. Gleichzeitig spiegelt dieser Hort der Kunst die Lebensweise des Künstlers wieder. Dem »Mythos Atelier« geht die Landesausstellung in Stuttgart jetzt auf dem Grund. Günter Baumann hat sich in den Künstlerräumen umgesehen.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Da arbeiten die Künstler schon (fast) ewig in Ateliers, aber dieser Tat-Ort war noch nie Gegenstand einer größeren Themenausstellung. Die Stuttgarter Staatsgalerie hat sich deshalb den Ball selbst zugespielt und eine Steilvorlage daraus gemacht. 200 Jahre nimmt sie unter die Lupe, wobei etliche einschlägige Arbeiten schon im eigenen Haus zu finden waren, teils lange wenig beachtet: Heinrich F. Rustiges »Maleratelier« von 1830 wäre wohl kaum je ins Visier von Ausstellungsmachern geraten. Andrerseits reihen sich aber – wie aus dem Halbdunkel aufgetaucht – eben auch diverse Stars auf, die in Stuttgart kaum voneinander Notiz nahmen. In der Ausstellung gehen sie aufeinander zu, Manets »Maler Monet in seinem Atelier«, Felix Vallottons »Atelierinterieur mit Figur, meine Frau«, ein »Kleines blaues Interieur« von Matisse, Pablo Picassos »Offenes Fenster« und andere mehr. Ob Kiefers Dachboden-Bild »Glaube, Hoffnung, Liebe«, auch aus dem Bestand der Staatsgalerie, hier zurecht als Atelierbild firmiert, sei dahingestellt.

Neben diesen Gemälden (die Grafiken sind hier noch gar nicht erwähnt) hat die Kuratorin Ina Conzen rund 200 Arbeiten aus New York, London und Paris zusammengetragen. Die Liste ließe sich wohl beliebig erweitern, insofern wird man die Große Landesausstellung kaum als Jahrhundertwurf beschreiben können: ein Erkenntnisgewinn ist nicht wirklich zu verzeichnen, es sei denn, dass man am Einblick ins Atelierleben das Künstlerselbstbild auch im Wandel der Zeit ablesen kann – nur hätte es dazu wohl mehr historische Arbeiten gebraucht. Der Katalog füllt die Lücke übrigens bestens auf, weshalb der Kauf sehr empfohlen sei: Erst hier im Verbund lässt sich das Thema seit der Renaissance aufschlüsseln, werden auch die Bildbeispiele des 19. Jahrhunderts (er)kenntnisreich eingebettet. Doch hat auch schon der pure Lustgewinn des bloßen Schauens, des interesselosen Wohlgefallens – so definierte Immanuel Kant den Umgang mit echter Kunst – einiges für sich. Denn es ist erstaunlich, unter welchen Blickwinkeln das Atelier allein in Zeiten der Klassischen und Post-Moderne, und das ist der dominierende Bezugszeitraum, zu betrachten ist. Und tatsächlich von großer Wirkung sind die liebevoll nachgebauten Ateliers von Piet Mondrian, Daniel Spoerri (wenn das eins ist …) oder die Installation von Dieter Roth. Allein schon Mondrians Pariser Arbeitsdomizil kommt einer phantastischen Zeitreise gleich: die Brille liegt auf dem Tisch, als sei der Meister eben aus dem Haus gegangen und habe sie vergessen; und wo hat der heutige Kunstfreund je die Möglichkeit gehabt, die flächig-geometrischen Bilder Mondrians im und als Raum zu erleben.

Das dialogisch oder zumindest in motivischer Auseinandersetzung angelegte Konzept macht den Gang durch die Ausstellung jedenfalls zum Vergnügen. Atelier wird so zum Kultraum, Rückzugsgebiet, Showbühne usw. Die Verortung in der Künstlerwerkstatt öffnet tiefe Eindrücke bis hin zu mal intimen, mal extrovertierten Denkpools. Dass zuweilen das Atelier zum Bild im Bild seiner Verfechter wird, ist genauso spannend zu beobachten, wie es zur Formel der künstlerischen Theorie wird. Wo könnte der Künstler seine Position besser reflektieren als in den eigenen vier Wänden, umgeben mit der je eigenen Kunst. Über das traditionelle Atelierbild resp. Ateliergemälde hinaus erweitern die Medien- und Fotokünstler das spezielle Genre. Eine der schönsten Arbeiten ist »Bild für Frauen«, eine Fotografie von Jeff Wall, in dem der Künstler das Studio zum gespiegelten und damit raffiniert auch zum reflektierten Raum macht. Gegenüber dieser aufgeräumten Szenerie, die zugleich eine feinsinnig-mimische Beziehungsgeschichte erzählt, holt die Videoprojektion »Mapping the Studio I« von Bruce Nauman den Betrachter auf andere Weise ins Atelier: Rund rum kann er auf mehreren Projektionsflächen dessen Arbeitsraum bei Nacht ansehen. Protagonist ist jedoch keineswegs der Künstler, sondern eine Maus, die ab und zu ihr Unwesen treibt.

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In der musealen Atelier-Begehung taucht der Betrachter mehr und mehr und zusehends fasziniert in die Welt der Künstler ein. Vielleicht ist dies das größte Verdienst der Ausstellung, dass man zunächst die Spitzwegs, Makarts & Co. abschreitet wie eine normale Bilderschau, und erst allmählich merkt, dass es nicht nur um die Kunst, sondern auch um das Leben der Künstler geht. Ergreifend sieht man Ritzzeichnungen, die Alberto Giacometti an der Wand seines Ateliers schuf – so wird ein Stück gelebten Lebens und ein Stück Lebensraum zum Ausstellungsstück. In diesem Lebens-Kunst-Ambiente darf Jonathan Meese natürlich nicht fehlen, der mit einer überaktiven Präsentation in einer Video-›Botschaft‹ zu sehen ist. Dass es nicht programmatisch »spinnert« zugeht – wie man sich vielleicht klischeehaft den Lebensentwurf eines Künstlers vorstellt –, belegen die klassisch-modernen Themenbilder, die den Parcours auch wieder auf den Boden der reinen Kunstgeschichte bringen. Stellvertretend sei hier Pablo Picasso genannt, der allein eine Ausstellung füllen könnte mit dem Thema Atelier. Er wurde auch hiermit zur Ikone, die Kollegen wie Roy Lichtenstein zu einer »Reflexion über das Atelier des Künstlers« anregte.

Einige der Atelier-Stars seien hier noch zusätzlich aufgeführt: Unter den über 50 Künstlern sind es Francis Bacon, Joseph Beuys, Willi Baumeister, Giorgio de Chirico, Thomas Demand, Erich Heckel, Neo Rauch, Andy Warhol, Matthias Weischer u.a.m.

Die Ausstellung der Staatsgalerie zieht sogar Kreise. Galerien der Stadt präsentierten und präsentieren noch Künstler in ihrem Atelierumfeld. Die Galerie Friese ging mit unvollendeten Werkstattbildern Walter Stöhrers, die Galerie Anja Rumig mit Atelieraufnahmen von Stanley William Hayter (»Atelier 17«) voran, im Januar und teilweise bis Februar sind in der Galerie Strzelski Referenzbilder von Peter Lamb und Uwe Schäfer zu sehen, während die Galerie Parrotta Fotos von Timm Rautert präsentiert, die Gerhard Richter bei der Arbeit im Atelier zeigen. Und im nahegelegenen Bietigheim-Bissingen hat Roland Bentz sein Atelier temporär ins Städtische Museum verlegt. Ergänzend sei noch auf Ateliergespräche an der Kunstakademie hinzuweisen sowie auf eine Fotoausstellung über Architekturateliers, die Ende Januar in der Architekturgalerie am Weißenhof (nahe der Stuttgarter Kunstakademie) beginnt.