Buchrezensionen

Émile Bernard: Am Puls der Moderne, Wienand Verlag 2015

Das Frühjahr gehörte in der Kunsthalle Bremen Emile Bernard. Weniger bekannt als Toulouse-Lautrec, Gauguin und van Gogh, ist sein Schaffen dennoch prägend für die Moderne. Der Katalog bringt die Ausstellung ins Haus und hat noch einige weitere Informationen zu bieten. Andreas Maurer hat ihn gelesen.

Wer war Emile Bernard? Dieser Frage ging man kürzlich in der Kunsthalle Bremen nach. Das Haus selbst leistet bekanntlich seit Jahren einen wichtigen Beitrag in der Vervollständigung in der Kunstgeschichte der französischen Moderne bzw. des Impressionismus. In Kooperation mit den Musees d`Orsay et de l`Orangerie Paris entstand eine Ausstellung über Emile Bernard (1868–1941), die, nachdem sie letztes Jahr in Paris gezeigt wurde, nun 2015 nach Bremen kam. 1967 fand hier auch die erste Einzelausstellung Bernards statt und kurze Zeit später erwarb das Haus von dessen Nachfahren frühe Hauptwerke des Künstlers. Was die Ausstellung verschweigt enthüllt aber der dazu parallel erschienene Katalog.

Schon die Liste an prominenten Leihgebern bezeugt, dass es sich bei dem Multitalent Bernard sicher um keine Neuentdeckung in der Kunstwelt handelt. Und doch, schon zeitlebens schien Bernard eine Art Schattendasein in der Kunstszene zu führen, wie er auch in seinem Tagebuch niederschrieb, und das obwohl er über 2000 Bilder gemalt, 1000 Holzschnitte gefertigt und mehr als 100.000 Verse geschrieben hat. Nebenbei widmete sich das vielseitige Genie auch noch der Gestaltung des Möbels und der Skulptur und erneuerte laut eigener Aussage zudem jene der Tapisserie.

Jedoch werden Multitalente – damals wie heute – von der Gesellschaft oft nicht für vollkommen genommen, fehle es doch an Konzentration in einzelnen Bereichen. Möglich, dass diese Anschuldigung nicht ganz ungerechtfertigt ist und doch gelingt es erst mit solchen Persönlichkeiten den Stil einer Zeit wirklich zu festigen. Diesen Gedanken aufgreifend hatte die von Dr. Dorothee Hansen kuratierte Retrospektive das gesamte Lebenswerk des Künstlers zum Thema und schloss damit gleichermaßen eine Lücke in der Vergangenheit (ganz im Gegensatz zu früheren Präsentationen, bei denen meist ausschließlich Bernards Werke im Kontext der Avantgarde gezeigt wurden).

Der Katalog bringt die Schau und ihren Blick auf Emile Bernard nun nach Haus. Beginnend mit dem sogenannten »Bernard Album«, ein frühes Klebealbum des Künstlers mit etwa 850 Zeichnungen und Skizzen, welches sich in den Sammlungsbeständen der Kunsthalle Bremen befindet, zeichnet die Publikation die künstlerische Entwicklung Bernards nach und spart auch nicht mit privaten Details aus dem Leben des Multitalentes.

Der Leser kann dem Künstler bei seinen frühesten Zeichenversuchen nachspüren und begleitet Bernard sogar als 17jährigen auf seiner Fußreise durch die Bretagne. Erstmals rekonstruiert, skizziert der Katalog nicht nur sehr plastisch die frühe Stilentwicklung eines aufstrebenden Talentes, sondern auch die persönliche Formung eines Künstlers des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu van Gogh wandte sich Bernard schon früh von der reinen Wiedergabe der Natur ab und schuf Szenen die allein seiner Fantasie entsprangen.

In der späteren Lebensphase wechselte Bernards Hand beinahe nahtlos vom Pinsel zur Feder. Seine Gedanken aufs Papier, auf die Leinwand zu bannen, ob nun in Wort oder Schrift, scheint Bernards innerster Drang gewesen zu sein – eine Angewohnheit, welche in ihrer logischen Konsequenz im Symbolismus mündete. Gemeinsam mit Paul Gauguin wurde eben jener »neue Stil« entwickelt, auch wenn man schon zeitlebens Gauguin alleine mit der Zuschreibung bekrönte. Ein Missstand, mit dem Ausstellung wie Katalog versuchen aufzuräumen: Sie zeigen Bernard als den Vorläufer, der in so vielen Richtungen und Stilen auf unterschiedlichen Ebenen zu Hause war und der dennoch nie deren Hauptvertreter wurde.

Vielleicht ist das Problem mit seiner unerkannten Popularität aber auch, dass es eben keinen »typischen« Bernard gibt. Das Werk des multifunktionalen Künstlers scheint dem Betrachter des Kataloges nämlich sonderbar vertraut – man vermag an Gauguin, Toulouse–Lautrec oder Delacroix erinnert zu sein, in manchen Werken vielleicht sogar an Kandinsky oder Picasso. Van Gogh scheint, besonders in einigen frühen Zeichnungen, zum Greifen nah, ebenso aber auch schon in Ansätzen die späteren Maler der »Künstlergruppe Brücke«, und so kann man vielleicht sagen, dass das Buch nicht nur Einblick in das Leben und Werk eines einzelnen Künstlers offenbart, sondern weiter in die Entwicklung der gesamten Moderne.

»Am Puls der Moderne« ist auch der Untertitel, welcher vielleicht aber etwas unglücklich gewählt ist, setzt er doch den Künstler ein weiteres Mal nur an den Rand des schlagenden Herzens seiner Epoche, eben als Betrachter und nicht als Impulsgeber. Dem interessierten Leser werden in diesem Katalog jedoch zahlreiche Querverweise und Informationen geboten – Fährten für das weitere kunsthistorische »Stöbern« im Werkkatalog Bernards. Zudem sind die Exponate der Ausstellung in der Publikation von sehr ausführlichen Texten und manchmal sogar weiterführenden Vergleichen unterstützt. Lobend muss hier auch noch erwähnt werden, dass die Kunsthalle Bremen nicht nur eine interessante Ausstellung und einen gerade für die kunsthistorische Forschung ansprechenden Katalog produziert hat, sondern sogar noch eine Begleitausstellung bot. Unter dem Titel »Pariser Propheten der Moderne – Grafik der Nabis« illustrierte man im hauseigenen Kupferstichkabinett wie das Wirken von Bernard und seinen Kollegen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen ausübte.

Druckgrafik, Wandmalereien, die Bemalung einer Kommode und vieles mehr: Bernards umfangreiches Gesamtwerk in einem Katalog darzustellen würde wohl den Rahmen einer einzelnen Publikation sprengen und doch bietet das hier vorliegende Exemplar einen sehr guten Einblick in das Oeuvre und die Lebenswelt dieses zu Unrecht vergessenen Multitalentes. Zudem liefert es auch einen entscheidenden Denkanstoss: Nämlich die Kunstgeschichte, so wie man sie kennt, immer wieder aufs Neue zu hinterfragen.