Ausstellungsbesprechungen

»Reveries«. Richard Stipl in der 3 Punts Galeria in Barcelona, bis 25. Juli

International ist der tschechische Künstler Richard Stipl (*1969) bekannt für sein Figuren, Köpfe und Büsten. In ihnen verschmelzen die Rohheit, die Zärtlichkeit und die Beziehung zwischen den verschiedenen Charakteren. Und gerade weil die Grenzen in Europa am Öffnen sind, hat sich Karin Ego-Gaal die aktuelle Ausstellung des Künstlers in Barcelona angesehen.

Richard Stipl: »Lovers in dangerous times« 35x25x20cm © Paola de Grenet
Richard Stipl: »Lovers in dangerous times« 35x25x20cm © Paola de Grenet

»Während Träume das Spiel des Einzelnen mit der Realität sind, ist die Kunst des Bildhauers das Spiel mit Träumen«, sagte einst Friedrich Nietzsche. In einer Zeit, in der ein Virus die Welt in Atem hält und die Surrealität sich in den Alltag schlich, entstehen neue Eindrücke und Bedeutungen, auch in der Welt der Kunst.

Die Ausstellung »Reveries« (Träumereien) des tschechischen Künstlers Richard Stipl feierte ihre Eröffnung in der 3 Punts Galeria im März, kurz vor der Corona bedingten Schließung der Galerie. Vieles hat sich in den zehn Wochen verändert, sogar die Sicht des Künstlers auf seine eigenen Werke: »Für mich verändert die Verschiebung der Optik plötzlich den Fokus auf meine eigene Ausstellung und neue Bedeutungen und Titel kommen mir in den Sinn. Wir sehen, was wir sehen wollen. Es wird deutlich, wie sehr wir vom Kontext unserer Zeit abhängig sind.« Worte, die Richard Stipl aus der Quarantäne schreibt. Doch was hat sich eigentlich verändert? Ist die ganze Ausstellung davon betroffen?
Genauso wie der Künstler einige seine Werke neu interpretiert, liegt es im Ermessen des Betrachters, ob er darin Spuren des Virus erkennen möchte und diese für sich in den Vordergrund stellt.

Richard Stipl: »Ex Voto« 35x30x22 cm © Paola de Grenet
Richard Stipl: »Ex Voto« 35x30x22 cm © Paola de Grenet

Stipls künstlerisches Schaffen ist zeitlos, seine aktuellen Skulpturen der Ausstellung stehen in ständigem Dialog mit denen aus seinen Anfängen von 2002. Die zwanzig Köpfe der Serie »Labyrinth of the World and Paradise of the Heart« entstammen dieser Zeit und zeigen die verschiedenen emotionalen Zustände eines Menschen. Diese ersten Skulpturen bezeichnet er selbst als seine »Ersatzbrüder«, denn als Pate dafür stand sein eigenes »Ich«, sein Spiegelbild. Stipls experimentelle psychische und physische Weiterführung dieser Anfänge wird besonders in Werken wie »Labyrinth of the Soul and Paradise of the Heart« deutlich.
Hier wird ein Fragment der Büste herausgenommen und zum Vorschein kommen weder Herz noch Lunge sondern ein aus Holz gearbeitetes Treppenhaus; das Labyrinth der Seele erwacht zu visuellem Leben. Ähnliche, jedoch fast noch extremere Aspekte zeigt sein Werk »Gargantua«; zum ersten Mal in seiner Karriere kreierte Stipl Skulpturen ohne Gesicht. Dort, wo sich normalerweise Augen, Nase und Mund befinden, klafft ein Loch und ein aus Holz gearbeitetes Treppenhaus wird sichtbar .
Ein aus Holz geschnitztes Cape umhüllt Körper und Kopf der nackten, weißen Büste. Die natürlichen menschlichen Gesichtsmerkmale als Container von Geschichten und ein aktueller Bezug, der erschreckt und gleichermaßen verführt.

In der Inkorporation von zwei Charakteren erweitert er die Möglichkeit, noch mehr Geschichten zu erzählen. Sein Duo, welches einen männlichen und einen weiblichen Charakter zeigt, bringt eine neue Ästhetik in Stipls Werk.
Zudem wurden alle Skulpturen zuerst in Lehm angefertigt und dann in andere Materialien wie Holz, Wachs oder Metall transferiert. Das Material hat für Stipl einen tiefen Symbolismus, da der Lehm aus zwei der vier Elemente der Alchimie besteht: Erde und Wasser. Außerdem hat dieses Material auch einen starken Bezug zur Religion, denn auch Adam wurde von Gott aus Lehm geformt.
Nicht umsonst soll eines der ausgestellten Duos Adam und Eva repräsentieren und den Kreis zum, für Stipl so wichtigen, religiösen Hintergrund der Kunstgeschichte schließen.

Richard Stipl: »Labyrinth of the soul and paradise of the heart« 55x40x30 cm © Paola de Grenet
Richard Stipl: »Labyrinth of the soul and paradise of the heart« 55x40x30 cm © Paola de Grenet

Die Werke »Lovers in dangerous times« und »Ex Voto« aus der Duo–Serie bekommen in Zeiten von Corona eine ganz neue Bedeutung. »Ex Voto« von 2018, eine Büste, vor deren Mund eine kleine Skulptur mit den Händen vor dem Gesicht kniet, sieht der Künstler post-Corona in einem ganz anderen Kontext; ein neuer Name wie »Con spire – Breathing together« würde dem Werk eine neue Realität geben. Generell lässt sich sagen, dass Stipls Arbeit sich auf die unbestimmte Natur und auf die Paradoxien konzentriert. Er möchte, dass seine Skulpturen uns zwingen, die Rolle von Grenzen neu zu überdenken

In »Reveries« verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart. Der Titel ist nicht zufällig gewählt: Es ist ein Zusammenspiel von traditionellen Kunsttechniken und kontemporaererr Sprache; sie zeigt, was wir fürchten und was wir vielleicht wollen; sie führt uns das Talent eines Bildhauers vor Augen, das sich in jedem seiner Werke widerspiegelt. Aber vor allem ist die Schau ein Zeitzeuge der Veränderung einer Ausstellung vor und nach einer/der globalen Pandemie.

Richard Stipl: »Reveries« 20x32x20 cm © Paola de Grenet
Richard Stipl: »Reveries« 20x32x20 cm © Paola de Grenet

Adresse:
3 Punts Galeria
Carrer d'Enric Granados
08007 Barcelona
Spanien

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