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»Wie schnell waren eigentlich Rallyestreifen?« Interview mit Christian Janecke

Auf der Kunsthistorikertagung in Greifswald widmete sich die Sektion »Kunst, Mobilität, Bewegung« den vielfältigen Dimensionen der Bewegung in der bildenden Kunst. Am Beispiel Rallyestreifen beleuchtete Christian Janecke das Phänomen des prinzipiell Statischen auch im Hinblick auf eine räumliche und physische Entgrenzung sowie seiner emotionalen Wirkkraft. Im Interview mit Rowena Fuß spricht er über die Implikationen eines Formmotivs in der Kunst der 1990er Jahre.

Rowena Fuß: Wie kamen Sie zu den Rallyestreifen?

Christian Janecke: Was mich interessiert, sind Formmotive, die vom jeweils spezifischen Kontext abgelöst und als Formprinzipien betrachtet werden können. Nehmen Sie als Beispiel die shaped canvas: Die hexagonale Binnenstruktur eines entsprechenden Gemäldes kann etwa in Anordnungen von Theaterpublika wiedergefunden werden – wobei die Frage aufkommt, was von solchen Formprinzipien den Kontextwechsel in welcher Weise übersteht.

Inwiefern gibt es diese Formtransformation auch bei den Rallyestreifen?

Rallyestreifen unterhalten ein intrikates Verhältnis zur Bewegung: Einerseits stilisieren sie jene Rennstrecke, die zu schnellen Autos in fast metonymischer Beziehung steht, andererseits rematerialisieren sie eher plump, was in Bild und Comic konventionalisierte Bewegungsspur war. Mithin stehen sie eher ein für eine Welt der Bewegungshaftigkeit, denn für wirkliche oder auch nur glaubhaft dargestellte Bewegung.

Nichtsdestotrotz fordern sie die Wahrnehmung des Betrachters heraus, interagieren mit ihm.

Man muss Rallyestreifen im Kontext betrachten. In bewegungsindifferenten Situationen oder Kunstwerken nivellieren sie Bewegung eher und wirken vielleicht als Barriere. Als Teil einer geschwindigkeitsaffinen Ausstellungsarchitektur hingegen, wie bei Michel Majerus 2011/12 in Stuttgart, führen die Streifen als Teil der Malerei den Blick des Betrachters, ja, leiten ihn weiter wirken dadurch anti-kontemplativ.

Rallyestreifen waren ein Teil des von Ihnen sogenannten »Mobilitätslooks« der 90er. Welche Bedeutung hatten sie?

Die 90er waren in der Kunst geprägt von Criticality, populärkulturell aber eher von einer Speed-Kultur, beispielsweise in der Techno-Szene. Rallyestreifen – in Installationen, in Bildern, als Gestaltungselement auf Katalogcovern oder in Ausstellungen – konnten dann ein Retro-Element mit Dynamik verbinden: Darin verbeugte sich die kritische Trockenkost der Kunst vor dem Beschleunigungshedonismus der Populärkultur. In der Tafelmalerei dieser Phase allerdings, besonders gegen Ende, nach ca. 2002, wird das Rallyestreifige gerade gegen die Bewegungsdimension ausgespielt: als elegante Querstreifigkeit, als beinahe wieder sublimierte Dynamik.

Wie sieht es in der aktuellen Kunst aus? Leben die Querstreifen fort?

Querstreifen sind ein allgemeines ‘Mittel’ der Kunst, kein ‘Trend’, also sind die nicht totzukriegen – Rallyestreifen scheinen aber, sieht man von der Szene der Autoverzierer einmal ab, eher in das Stadium ihrer Selbstironisierung getreten zu sein (es gibt heute sogar Toaster oder sonstwas mit Rallyestreifen). In der Kunst spielen sie, soweit ich sehe, keine Rolle mehr.

Sie haben mit ihrem Vortrag an die Geschichte der Rallyestreifen erinnert. Warum ist diese Erinnerung wichtig?

Wir Kunsthistoriker beklagen uns mitunter, dass uns die Selbstsicht einer vergangenen Epoche entgleitet, schon weil die Zeitzeugen schwinden: Meine Erfahrung mit Studierenden der Kunst oder Gestaltung ist, dass das leider auch für kaum vergangene Dezennien gilt, denen die universitäre Kunstgeschichte meint, sich gar nicht oder nur hinsichtlich gewisser Highlights oder Stars widmen zu müssen. Und wenn wir nicht nachforschen, verstehen wir schon das kürzlich Vergangene nicht mehr: Der explizite oder eben auch nur implizite Formengebrauch entsprechender Zeiten erscheint uns dann recht bald als kontingent oder opak – wir kapitulieren und überlassen es einer Life-Style-Geschichte, uns hinterher zu erzählen, wie die Dinge damals lagen. Ich denke, die Kunstgeschichte hat hier viel zu tun; wer, wenn nicht wir Kunsthistoriker, sollte zuständig sein für die ‘Formschicksale’?!

Vielen Dank für das Gespräch.