Buchrezensionen

Annette Seemann: Ich bin eine befreite Frau. Peggy Guggenheim, Ebersbach & Simon 2018

Eine der wohl einflussreichsten Frauen in Sachen Kunst war Peggy Guggenheim. Die exzentrische Amerikanerin war mit zahlreichen Künstlern der Bohème befreundet, scheute sich nicht genau die Künstler zu stützen und zu kaufen, die den Nazis als »entartet« galten und baute eine bedeutende Sammlung auf. Andreas Maurer hat Annette Seemanns Buch über »La Peggy« unter die Lupe genommen.

Wer den Namen Guggenheim hört, denkt unweigerlich an Museen, an Kunst und: an Peggy Guggenheim. Sie war Mäzenin, Ikone und die wohl bedeutendste Galeristin des 20. Jahrhunderts. Bücher über ihren ausschweifenden Lebensstil, geprägt von Schicksalsschlägen, turbulenten Ehen, leidenschaftlichen Affären und Beziehungen zu einigen der größten Künstler ihrer Zeit füllen beinahe ein ganzes Regal. Pünktlich zum diesjährigen 120. Geburtstag der weltberühmten Sammlerin ist nun auch Annette Seemanns Publikation von 1998 neu aufgelegt worden.

Auch ihr dient Peggy Guggenheims Autobiografie »Out of this century« als prominenteste Informationsquelle. Doch Seemann strebt nach mehr, will hinterfragen und interpretieren, vor allem, was das Selbstbild der Sammlerin betrifft. Dazu konfrontiert sie Aussagen der kunstbesessenen Exzentrikerin mit Schriften von Zeitzeugen und Sekundärliteratur und versucht so der »wahren« Peggy auf die Spur zu kommen.

Als Tochter des reichen Industriellen Benjamin Guggenheim und Nichte des Kunstsammlers Solomon R. Guggenheim wächst Peggy Guggenheim in New Yorks bester Gesellschaft auf. Die Idylle trübt sich, als der Vater an Bord der Titanic geht, die Leiche wird nie gefunden. Im Leben und auch in der Persönlichkeit der damals 13jährigen Peggy klafft fortan eine große Lücke, auch finanziell. Zudem ist ihr das Rollenbild eines braven Mädchens von Anfang an zuwider und auch sonst lässt sich die Rebellin in keine der gesellschaftlichen Schablonen zwängen. Später gilt sie als enfant terrible der Familie: geschieden, ausschweifend und vor allem gar nicht so reich wie man es heute glauben möchte.

Ihre Flucht vor der Langeweile treibt sie schließlich in die Arme (und in die Betten) der Pariser Bohème und damit zur Avantgarde. Nur mäßig gebildet bewundert sie naturgemäß die Intellektuellen der Szene, allen voran die Künstler. Marcel Duchamp übernimmt ihre Kunsterziehung, schnell lernt sie, Qualität zu erkennen, und beginnt mutig, zu sammeln. Was die Nazis in München als »entartet« beschimpfen, wird gekauft. 1938 eröffnet sie in London eine Galerie, in der sie europäischen Surrealisten eine Plattform bietet. Cocteau, Kandinsky und Tanguy sind nur einige der Namen, mit denen sie ihr Portfolio bestückt. Später sollen noch Picasso, Giacometti, Klee, Mirò und viele mehr dazukommen. Die Werke sind billig zu haben, denn der heraufziehende Krieg zwingt viele der Künstler nach Übersee. Einigen ihrer »Freunde« hilft sie bei der Ausreise bis sie, aufgrund ihrer jüdischen Abstammung, schließlich selbst mit ihren Bildern die Flucht in die USA antreten muss.

Jackson Pollock gibt Guggenheim dort den Auftrag für ein Wandbild – heute ist »Mural« der Inbegriff der abstrakten Malerei. In Tonbandaufnahmen, die kurz vor ihrem Tod entstanden, bezeichnet sie die Entdeckung Pollocks als die größte Leistung ihres Lebens. Erst an zweiter Stelle steht die Sammlung. Der »Art-addict« Peggy Guggenheim sieht aber in der Kunst mehr als bloßen Raumschmuck oder Wertanlage, nein, in den Gemälden findet sie einen Lebenssinn. So wie sie erotische Abenteuer mit Anerkennung gleichsetzt, wird die Sammlung zum Medium, das ihre eigenständige und einzigartige Persönlichkeit untermauern soll. 1948 kehrt sie nach Europa zurück. Als sie auf der Biennale in Venedig ihre Sammlung zeigt, verliebt sie sich in La Serenissima. Der Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande wird ihre neue Basis und Ausstellungsfläche; in seinem Garten liegt sie gemeinsam mit ihren Lhasa-Dogs auch begraben.

Allen voran ist es die Widersprüchlichkeit von »La Peggy«, welche Annette Seemann in ihren Bann gezogen hat, ihr Wechselspiel zwischen Geiz und Großzügigkeit; und ihr Hunger nach Leben, der sie trotzdem immer wieder ins Unglück stürzte. Was sich in Peggy Guggenheims Autobiografe als legendenumwobene femme fatale, als »befreite« Frau des beginnenden 20. Jahrhunderts präsentiert, wird von Seemann auf etwa 140 Seiten auf eine zutiefst verwirrte Seele reduziert. Laut Klappentext beleuchtet das Buch den unkonventionellen Lebensweg der Mäzenin, gefühlt rast die Autorin aber mit dem Schnellzug durch Peggys Biografie. Schwindel stellt sich schon im ersten Kapitel ein, denn die Beschreibung der Familiengeschichte der Guggenheims lässt all den Glamour des beginnenden Jahrhunderts vermissen und schrumpft auf eine Aneinanderreihung von Namen und Daten zusammen. Bereits nach den ersten Seiten drängt sich die Frage auf, was dieses Buch eigentlich sein will: ein tabellarischer Lebensablauf, eine Zusammenfassung Peggy Guggenheims eigener Autobiografie oder doch ein Psychogramm der Exzentrikerin? Das Problem des Buches scheint zu sein, dass es alle Leserschichten zufrieden stellen will und daher an keiner Station wirklich Halt macht. Das nimmt dem wechselvollen Lebensweg Guggenheims seinen Reiz.

Spannung kommt erst auf, wenn sich die Autorin das eine oder andere Mal von der reinen Nach- und Aufzählung entfernt und romanhafte Passagen aufpoppen – etwa, wenn Seemann sich dem Untergang der Titanic widmet oder Peggys Beziehung zu Samuel Becket beschreibt (denn der Schriftsteller war es, der ihr den Rat gab sich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen). Zwischen sterilen Zahlen und Fakten entstehen in diesen Textabschnitten plötzlich Bilder einer anderen Zeit sowie reale, fühlende Personen, mit denen man gerne weiter auf die Reise geht.

Zwar stützen sich Seemanns Bausteine allesamt auf Peggy Guggenheims eigene Aussagen, vielfach wirken sie aber leicht aus dem Zusammenhang gerissen. Obwohl es sich bei dieser Publikation explizit um keine aus dem wissenschaftlichen Sektor handelt, wären hier doch Zitate und entsprechende Quellenhinweise sicher hilfreich gewesen. Während die Autobiografie der Sammlerin von farbigen Anekdoten rund um ihre Künstlerbeziehungen und lebhaften Beschreibungen ihrer Gemäldeankäufe nur so strotzt, vermisst man solche Bilder in Seemanns Buch schmerzlich. Sympathien für die Protagonistin kommen so auch trotz der Illustration durch einige Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Familienalbum der Guggenheims keine auf. Der sterile Ton, den die Autorin dazu noch anschlägt, macht es nicht unbedingt leichter.

Verwunderlich ist auch, dass Seemann, trotz eines mehr oder weniger analytischen Zuganges, Peggy Guggenheims eigene Worte allesamt für bare Münze nimmt und ihre Erkenntnisse beinahe allein darauf aufbaut oder wenigstens nicht zu erkennen gibt, inwieweit sie hier vielleicht andere Quellen herangezogen hat.

Jedoch: Kann man jemanden, der so exzentrisch war und auf Inszenierung so viel Wert legte wirklich glauben? Wer die »wahre« Peggy Guggenheim wirklich war bleibt einem wohl auch nach der Lektüre dieses Buches verborgen. Dass man sich aber heute noch immer an sie erinnert und sich Gedanken über ihre komplexe Persönlichkeit und ihr außergewöhnliches Frauenleben macht, hätte »La Peggy« sicher gefreut.