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Call for Papers: Bogen, Pendel, Waage. Figuren des Äquilibriums, vom 22. bis 24. Juni 2017 in Hamburg

Symbole des Ausgleichs will die vom Warburg-Haus an der Universität Hamburg organisierte Tagung diskutieren. Interdisziplinär zwischen Kulturtheorie, Ideengeschichte und Wissensgeschichte will sie Bilder vom Gleichgewicht und ihre Bedeutung für ästhetische Konzepte diskutieren. Einsendeschluss für Abstracts: 31. August 2016.

Seit seinen frühen Studien zur Kunst der Renaissance stellt Aby Warburg die Leistungen der Kunst in den Rahmen einer ›Ausgleichspsychologie‹, die nicht nur auf einen ›ethischen Gleichgewichtszustand›, sondern auch auf den Ausgleich zwischen magischem und mathematischem, körperlich-affektivem und rationalem Weltverhältnis zielt. Im Bild vom ein- und ausschwingenden Pendel und der geometrischen Form der bipolaren Ellipse, nach der Warburg den Lesesaal der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg hat anlegen lassen, haben diese Ausgleichsvorgänge rhetorische und architektonische Gestalt gewonnen.

Konzepte des Ausgleichens und Aufwiegens, Balancierens und Kompensierens, aber auch die vielfältige Artikulation einer tiefsitzenden Angst vor dem Verlust des Gleichgewichts gehören ins Basisrepertoire kultureller Reflexion. Prästabilierte Harmonie, Krafterhaltung und balance naturelle, Kultur als Kompensation der Natur, balance of powers und ausgleichende, soziale, selbst ‚poetische‘ Gerechtigkeit, Eukrasie und seelisches Gleichgewicht, Harmonie und Proportion – die Denkfigur des Ausgleichs verbindet die Felder der Theologie, Naturphilosophie, Physik, Anthropologie, Politik, Soziologie, Ökonomie, Recht, Medizin, Psychologie, Ethik und Ästhetik. Der weit ausgespannte semantische Fächer der Rede vom vollendeten Gleichgewicht bzw. dem gelungenen Ausgleich betrifft gleichwohl keineswegs nur vor- oder gegenmodernes Wunschdenken, diverse Varianten des ‚Klassischen‘ oder visionäre Konzepte im Sinne der Hoffnung auf den Eintritt der Menschheit in das „Weltalter des Ausgleichs“ (Max Scheler), die sich mit der Verabschiedung göttlich gesicherter Heilsökonomien bzw. dem Verblassen von Utopien erledigt hätten. Wie die heute ubiquitäre Rede vom zu erhaltenden ökologischen Gleichgewicht oder von einer inständig umworbenen Work-Life-Balance, vom demokratischen Interessenausgleich oder dem außergerichtlichen Vergleich zeigt, gehören das Interesse an Balancierungen und an Kulturtechniken des Äquilibriums ins Arsenal zeitgenössischer Problemlagen und der Strategien zu deren Bewältigung – bis hin zur ‚Körperarbeit‘ sedentärer Angestellter bei Yoga und Thai-Chi.

Aus der Perspektive kulturwissenschaftlicher Forschung ist es dabei erstaunlich zu sehen, dass die Rede vom Gleichgewicht und die Sorge um dessen beständig drohenden Verlust bisher keine umfassende theoretische Reflexion auf sich gezogen haben. Der reichen Überlieferung und der Omnipräsenz von Ausgleichskonzepten mit ihren Träumen von antigraver Existenz steht das weitgehende Fehlen diskurshistorischer oder metaphorologischer Konzeptualisierungen der Rede von der Balance gegenüber. Dieser Erschließung möchte sich die Tagung widmen. Zu erwägen wäre die Hypothese, ob die zwischen Motiv und Begriff schwingende Rede vom Einstand, die ihr uraltes Emblem in der Waage und ihren subtilen ästhetischen Inbegriff in der Idee der Grazie gefunden hat, zu den Basiselementen kultureller Selbstverständigung gehört wie etwa die von A. O. Lovejoy rekonstruierte Great Chain of Being.

In der Auseinandersetzung mit dieser These verbindet die Tagung kulturtheoretische, ideengeschichtliche und wissensgeschichtliche Begriffsrecherchen mit der Untersuchung der Modelle und Verfahren, in denen ausgeglichene Zustände oder Ausgleichsvorgänge gedacht und ins Werk gesetzt bzw. deren Verlust betrauert werden. Denn Äquilibrium und Balance sind kaum je gegeben, sondern bezeichnen meist Zielstellungen, denen man sich durch komplizierte Techniken des Abwägens, Abmessens, Vergleichens, Verhandelns und Austarierens zu nähern hat. Ihren Archetypus besitzen diese Mühen im Erlernen des aufrechten Gangs, der eine beständig zu erneuernde Balancierungsleistung darstellt. Das Rätsel der Sphinx avanciert zur Kurzgeschichte des Gleichgewichts. Der Erfolg von Ausgleichsversuchen bleibt indes ungewiss; jeder Schritt des aufrecht gehenden Menschen ist nach Schopenhauer ein aufgeschobener Fall. Können Spannungen überhaupt aufgehoben werden, oder werden sie verschwiegen in die Latenz verschoben, um in den Ausgleichsleistungen stets wieder virulent zu werden? Was garantiert die Äquivalenz, also die Vergleichbarkeit des im Tauschakt Angebotenen: Bleibt nicht vielen Ausgleichsleistungen – Ersatzbildungen wie Prothesen, Surrogate, Supplemente oder Entschädigungen – der auszugleichende Mangel, die aufzuhebende Unwucht mit ihrem Missklang eingeschrieben? Verlangt jede Steuerung nach der nächsten, insofern Ausgleichsversuche Eingriffe in bereits fragile bestehende Gefüge bilden, die ihrerseits fortlaufend ausgeglichen werden müssen?

Zu diskutieren ist dabei insbesondere die auffällige Affinität von Ausgleichsfiguren zu ästhetischen Konzepten. So meint Harmonie etwa im Leibniz’schen Theodizee-Entwurf nicht nur, dass alles gut ist oder irgendwann gut sein wird, sondern dass – aus der überlegenen Perspektive Gottes gesehen – alles gut aussieht. Denn Leibniz’ Vorstellung einer prästabilierten Harmonie beruht auf dem ästhetischen Argument, dass jede Harmonie der Dissonanz bedarf, um zu gefallen. Die Verteidigung des Übels als notwendigen Bestandteils dieser Harmonie macht die göttliche Auswahl der besten aller möglichen Welten zur Stilfrage. Zur Debatte stehen deshalb zunächst die Apparate, Versuchsanordnungen und Bilder wie etwa Waage, Pendel, Bogenschlag oder Seiltanz, die zur Modellierung von Ausgleichsvorgängen entwickelt werden. Von hier aus wären einschlägige Texte ästhetischer Theorie zu befragen, wie etwa Winckelmanns Geschichte der Kunst des Altertums, in der die Schönheit antiker Kunst als ›Zunge an der Waage des Ausdrucks‹ bestimmt wird.

Zu diskutieren sind schließlich die künstlerischen und literarischen Verfahren, in denen Modalitäten des herzustellenden Ausgleichs vorgeführt oder bebildert werden. Die Prozessualität von Mangel, Verlust, Übertretung oder Übermaß, die ‚irgendwann‘ ausgeglichen werden sollen, verlangt etwa nach unterschiedlichen Verlaufsbeschreibungen. Sei es als Häufung von Unglücksfällen, die um eines in Aussicht gestellten Ausgleichs willen zu ertragen sind, sei es als Verschuldung, die sukzessive abgetragen wird – gelingender Ausgleich als Modus auch ‚poetischer Gerechtigkeit‘ wird erst in entsprechenden Narrativen darstellbar, die in der Literatur erprobt und für theoretische Modellierungen bereitgestellt werden. Mit der Frage, was sich womit vergleichen lässt, hatten Theorien der übertragenen Rede (Tropen, Metaphern, Vergleiche) schon seit ihren antiken Grundlegungen in der Rhetorik und Poetik umzugehen. Das Vergleichen, von Descartes als kognitive Grundoperation bestimmt, avanciert in der Komparatistik zur kardinalen methodologischen Operation. So erweisen sich Kunstgeschichte, Ästhetik, Poetik, Rhetorik, Narratologie und Literaturtheorie als Kammern eines Wissens-Archivs, das für die Rekonstruktion kultureller Konzepte des Ausgleichs erschlossen werden kann.

Bitte senden Sie Ihr Abstract (max. 300 Wörter) mit einem kurzen CV bis zum 31.8.2016 an sekretariat.zumbusch@uni-hamburg.de