Ausstellungsbesprechungen

Der springende Punkt. Ted Green und Sven Jirka in der Galerie Lisa Kandlhofer in Wien

Der Bouncy–Ball, Superball, Dotzball, Querball, Dopsbal oder im Volksmund einfach Flummi verdankt seinem Namen seiner Eigenschaft. Der mittelharte Gummiball, lässt sich mit großer Energie werfen und hüpft von nahezu jeder Oberfläche wieder zurück. Ted Green und Sven Jirka, beide Studenten der Akademie der bildenden Künste Wien, haben ihn zum Kunstobjekt erhoben, Nostalgie und Kindheitserinnerungen inklusive. Mark Napadenski und Martina Genetti waren für PortalKunstgeschichte vor Ort.

Ted Green und Sven Jirka. Der springende Punkt - © Mark Napadenski
Ted Green und Sven Jirka. Der springende Punkt - © Mark Napadenski
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In den großen Räumlichkeiten der Galerie Lisa Kandlhofer in Wien erstreckt sich ein Teppich aus Gummibällen: Über 3000 in Farbe getauchte Flummis – in Reih und Glied und doch nicht perfekt – liegen unbewegt am Boden. 
Selbst auf den Gemälden (manche hängen an den Wänden, andere lehnen wie in einem Atelier in einer Nische nebeneinander) wurde der natürliche Bewegungsdrang der kleinen Bälle eingefroren. Den Malvorgang erklärt ein ausgestelltes Video: Unzählige in Farbe getauchte Flummis fallen auf eine am Boden liegende Leinwand, springen und rollen darauf herum. Sorgfalt und Zufall bilden zusammen das Endprodukt: eine »vollgekleckste« Leinwand, ähnlich einem ästhetischen Zitat der Action Paintings aus den 50er Jahren.
In den Räumlichkeiten der Galerie befindet sich zudem auch die Produktionsstätte in welcher die beiden Künstler Ted Green und Sven Jirka die Bilder hergestellt haben. Der Moment der Produktion wird so durch Ort, Videodokumentation und Flummi–Installation sichtbar gemacht.

Doch was verschafft dem Flummi überhaupt die Ehre einer Ausstellung?  Das unscheinbare und für viele doch nostalgisch konnotierte Objekt findet seinen Weg in die Ausstellung, vordergründig als das was es ist: als Spaßobjekt.
So darf »Der springende Punkt« gerne ironisch, wenn nicht sogar als Parodie auf die Malerei oder als Ausstellungs–Persiflage verstanden werden.

Ted Green und Sven Jirka haben sich lange und intensiv mit der Entstehungsgeschichte des Flummis sowie dessen historischer Verwendung in Film, Musik und Wissenschaft auseinandergesetzt und im Rahmen der Vorbereitung sogar den Erfinder des Flummis, Norman Stingley, kontaktiert. Ihre Recherche wird in der Ausstellung jedoch nur im Detail sichtbar: jede an der Ausstellung beteiligte Zahl ist symbolisch zu sehen und steht etwa für chemische Verfahren, Druckmengen, Winkel, Geschwindigkeiten u.v.m.
Die Gemälde kosten daher nicht zufällig jeweils 1964 Euro. Es ist das Jahr, in dem der Flummi erfunden wurde.

Dieser spielerisch ironische Ansatz gipfelte am Eröffnungsabend: Während der Vernissage fand in den Räumen der Galerie ein Tischtennisturnier der etwas anderen Art statt –
Gespielt wurde aber nicht mit klassischen Tischtennisbällen, sondern mit Flummis. Anstelle der Tischtennisschläger kamen Essstäbchen zum Einsatz, mit denen der Flummi gefangen und zurückgeworfen werden sollte (#ChopstickChallenge). Schnell stellte sich jedoch die Unmöglichkeit dieses Vorhabens heraus und die Besucher*innen der Ausstellung übernahmen die Eigeninitiative und brachten etwa Kunstbücher als Schläger ins Spiel. Und wie aus dem Nichts tauchten plötzlich Bälle auf. Schließlich entwickelte sich diese absurde Chopstick Challenge doch zu einem klassischen Turnier.

Dennoch: Die ansonsten oftmals stark codierten Verhaltensmechanismen innerhalb des White Cube der Galerieräume wurden durch das spielerische Moment und die Ironie vom Publikum aufgebrochen. Im Fokus der Ausstellung stehen daher nicht nur das Kunstwerk an sich, sondern gleichzeitig der Produktionsprozess des Flummis und dessen Eventcharakter. Konzentration und Ordnung, Gefühle und Erinnerungen, allesamt verdichtet in einem »springenden Punkt«.