Buchrezensionen

Eva Streit: Die Itten-Schule Berlin. Geschichte und Dokumente einer privaten Kunstschule neben dem Bauhaus, Gebr. Mann Verlag 2014

Zum Wintersemester 1919 führte Johannes Itten am Bauhaus in Weimar den legendären Vorkurs ein. Damit wurde er zu einer der prägenden Gestalten in den frühen Jahren dieser bedeutendsten Reformkunstschule der Zwischenkriegszeit und zum Vollstrecker eines Kerngedankens der sogenannten Kunstschulreform. Dass er 1926, drei Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Bauhaus, in Berlin eine eigene Kunstschule begründete, die manchmal sogar als zweites Bauhaus« tituliert wird, ist allerdings weniger bekannt. Eva Streit hat in der Schriftenreihe »Zoom. Perspektiven der Moderne«, in der inzwischen vier Bände erschienen sind, als Band 1 eine profunde Studie zu diesem privaten Ausbildungsinstitut vorgelegt. Rainer K. Wick hat es unter die Lupe genommen.

Im Jahr 1963 erschien im Otto Maier Verlag Ravensburg Johannes Ittens Buch »Mein Vorkurs am Bauhaus. Gestaltungs- und Formenlehre«, dessen Titel die Vermutung nahelegte, es handele sich um einen bilanzierenden Rückblick des Künstlers und Kunstpädagogen auf seine Lehrtätigkeit am Staatlichen Bauhaus in Weimar in den frühen 1920er Jahren. Tatsächlich finden sich in dem Buch aber zahlreiche Abbildungen von Schülerarbeiten, die auch aus dem Unterricht des Künstlers an dessen privater Kunstschule in Berlin stammen. Es ist das Verdienst von Eva Streit, sich mit ihrer breit angelegten Studie »Die Itten-Schule Berlin« eines blinden Flecks in der Itten-Forschung angenommen und herausgearbeitet zu haben, inwieweit Johannes Itten in seinen Berliner Jahren von 1926 bis 1934 einerseits an seinen Bauhaus-Unterricht anknüpfte und ihn andererseits inhaltlich abwandelte und pädagogisch neu positionierte.

Die Untersuchung, die als Dissertation am Lehrstuhl für Kunstgeschichte in Regensburg entstand und im Gebr. Mann Verlag erschienen ist, besteht aus zwei Großkapiteln: erstens einer Geschichte der Itten-Schule und zweitens einer Darstellung des dortigen Unterrichtsgeschehens. Abschließend behandelt die Autorin kurz die Itten-Schule im Kontext anderer progressiver Kunstschulen der 1920er Jahre und ihre Stellung zwischen Akademie und Avantgarde.

Bevor Eva Streit ausführlich auf das Berliner Schulprojekt zu sprechen kommt, beleuchtet sie zunächst die »Vorgeschichte« der Jahre bis 1926. Sie beginnt mit der Feststellung, dass Itten »nicht in der Tradition der akademischen Künstlerausbildung« steht, sondern dass seine Pädagogik sich »aus der liberalen pädagogischen Reformbewegung der Jahrhundertwende« (S.15) speist, durch die er im Rahmen seiner Lehrerausbildung in Bern maßgeblich geprägt wurde. Im Rahmen seiner Ausbildung an der Kunstakademie in Genf 1911/12 lernte er in einem Kurs von Eugène Gilliard die besondere bildnerische Bedeutung der geometrischen Elementarformen Quadrat, Kreis, Dreieck kennen und bezeichnete im Rückblick die Kontrastübungen mit diesen Formelementen als grundlegend für seine späteren ungegenständlichen Gestaltungen. Größten Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung hatte dann in den Jahren 1913 bis 1916 die Lehre von Adolf Hölzel, jenes behutsamen Avantgardisten, der an der Akademie in Stuttgart lehrte und dort als der progressivste aller Lehrer galt. Von ihm bezog Itten maßgebliche Grundeinsichten in den künstlerischen Schaffensprozess und übernahm dessen allgemeine Kontrastlehre (und damit auch dessen Farbenkontrastlehre), ferner die Praxis der Bildanalysen, das Experimentieren mit abstrakten Collagen (Materialmontagen) und das sogenannte automatische Zeichnen. 1916 ging Itten nach Wien, wo er eine private Kunstschule eröffnete. Hier konnte er die bei Gilliard in Genf und Hölzel in Stuttgart gemachten Erfahrungen im Zusammenspiel von eigenem künstlerischen Tun und pädagogischer Praxis erproben und erweitern.

Im Jahr 1919 wurde er von Walter Gropius an das Staatliche Bauhaus in Weimar berufen, wo er nicht nur die künstlerische Leitung mehrerer Werkstätten übernahm, sondern den sogenannten Vorkurs einführte, der zum festen Bestandteil des Bauhaus-Curriculums wurde. Nach unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten mit Gropius über den zukünftigen Kurs der Schule – Itten schwebte eine »Hochschule der musischen Künste mit einer neuen Erziehungsgrundlage« vor, Gropius setzte auf die Kooperation mit der Industrie – schied Johannes Itten Ostern 1923 aus dem Bauhaus aus, um sich dann bis 1926 in Herrliberg bei Zürich der Mazdaznan-Tempel-Gemeinschaft anzuschließen und dort die »Ontos-Kunstschule« für Naturstudium, Komposition, Form- und Farblehre und Graphik sowie die »Ontos-Werkstätten« für Handweberei, Smyrna-Teppichknüpferei und Gobelins zu gründen. Schon früher hatte er sich auf der Suche nach einer neuen Geistigkeit intensiv mit philosophischen und religiösen Fragen auseinandergesetzt und mit östlichen Lebensweisheiten beschäftigt. Hatte er am Bauhaus vergeblich versucht, die auf der altpersischen Zarathustra-Religion fußende synkretistische Mazdaznan-Lehre zu etablieren, versenkte er sich nun verstärkt in die asiatische Gedanken- und Geisteswelt, aus der er für seine künstlerische Praxis wie für sein kunstpädagogisches Tun entscheidende Impulse empfing. 1926 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er in Berlin seine private Kunstschule eröffnete und seine Vorstellungen eines umfassenden, ganzheitlich konzipierten Kunstunterrichtes, der an Konzeptionen seiner Wiener Privatschule und seines Vorkurses am Bauhaus anknüpfte, zu realisieren suchte.

In ihrer auf reichem Quellenmaterial gestützten Darstellung zeichnet Eva Streit die Geschichte der Berliner Itten-Schule von der Gründung im Januar 1926 bis zu ihrer durch die Nationalsozialisten erzwungenen Schließung am 1. April 1934 nach. Die ersten Kurse fanden in den Räumen der Galerie »Der Sturm« in der Potsdamer Straße 134 statt, also in der berühmten Expressionismus-Galerie von Herbert Walden, der Itten schon 1916 eine Einzelausstellung eingerichtet hatte. Angeboten wurde neben einem »Zeichenkurs« auch ein »Atemkurs« auf der Grundlage der Mazdaznan-Lehre, auf die aber schon wenig später – nach dem Umzug in neue Räumlichkeiten am Nollendorfplatz im August 1926 – jeder Hinweis fehlt, vermutlich deshalb, weil ihr esoterischer Touch mit dem Image einer »modernen Kunstschule« kaum vereinbar war. Itten trat »nun nicht mehr als Mazdaznan-Anhänger auf, sondern als Kunstunternehmer und Kunstpädagoge.« (S.43) Zu seinen unternehmerischen Strategien gehörte eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, u.a. mit Vorträgen und Ausstellungen, die zu einem deutlichen Anstieg der Schülerzahlen führte und im September 1927 einen erneuten Umzug in größere Räume, nun in die Potsdamer Straße 75, erforderlich machte. Im Frühjahr 1929 begannen die Bauarbeiten an einem Geschäftshaus in der Konstanzer Strasse 14 in Berlin-Wilmersdorf, deren drittes und viertes Obergeschoss sowie das Dachgeschoss als Schul- und Atelierräume für die Itten-Schule vorgesehen waren. Schon am 1. Dezember desselben Jahres wurde der Neubau, an dessen Planung Itten, soweit es die Schulräume betraf, mitwirken konnte, eingeweiht. Mit dem Einzug in dieses Gebäude, das in der Formensprache des sogenannten Neuen Bauens auftrat, war die Itten-Schule in der Moderne angekommen. Reichlich ausufernd versucht Eva Streit, den Bau des Berner Architekten Ernst Walter Ebersold, der in Berlin vorwiegend Bauten des Verkehrs realisiert hat, in den Kontext der Architekturmoderne des frühen 20. Jahrhunderts und insbesondere der 1920er Jahre zu stellen und beschränkt sich dabei nicht nur auf Berlin – sie geht vor allem auf Otto Rudolf Salvisberg ein –, sondern spannt den Bogen bis nach Moskau mit Melnikow und anderen. Das mag im Rahmen einer akademischen Qualifikationsarbeit als Nachweis, breit aufgestellt zu sein, akzeptabel sein, trägt zum Verständnis der Ittenschen Ausbildungsinstituts aber herzlich wenig bei.

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Substanzielles in dieser Hinsicht bieten die folgenden Teilkapitel »Leitbild und Ausbildungsziel« und »Die Ausbildung: Angebot und Struktur«. Die Autorin stellt fest, dass »Itten an die pädagogischen Ideale seiner Lehrzeit [gemeint ist ›Zeit als Lehrer‹ oder ›Lehrtätigkeit‹ – der Verfasser] am Bauhaus« anknüpfte, aber dass »das pädagogische Ziel der kreativen Selbstfindung« nun keine Erwähnung mehr fand und »zugunsten einer pragmatischen Ausrichtung« verschwand. Aus »der ›Lebensschule‹ [wurde] eine berufsorientierte Ausbildungsstätte.« (S.59, 61) Bedenkt man Ittens lebenslanges Engagement für eine ganzheitliche Menschenbildung, die über die bloß fachliche Ertüchtigung entschieden hinausging, wird man diese Einschätzung allerdings nicht unwidersprochen hinnehmen können. – Das breit gefächerte Curriculum der Itten-Schule bot nach der Grundlehre Studienmöglichkeiten in den Lehrgebieten Malerei, Schrift, Reklame, Mode, Fotografie und Architektur. Der Lehrkörper rekrutierte sich teilweise aus ehemaligen Angehörigen des Bauhauses und wurde durch die Anstellung eines japanischen Tuschmalers, der die Tradition der fernöstlichen Kunst in die Schule einbrachte, komplettiert.

Das alles hat Eva Sturm im zweiten Hauptkapitel ihres Buches mit dem Titel »Unterricht« in gut dokumentierten Einzelanalysen ausführlich dargestellt. Mit mehr als siebzig Seiten nimmt dabei der Unterricht von Johannes Itten den breitesten Raum ein. Zunächst skizziert die Autorin die aus unterschiedlichsten Quellen gespeiste Erziehungsphilosophie Ittens und hebt in diesem Zusammenhang neben reformpädagogischem Gedankengut vor allem die – spekulative – Temperamentenlehre nach Otoman Z. Hanish, dem Begründer der Mazdaznan-Bewegung, hervor. Danach werden drei Persönlichkeitstypen unterschieden, der materielle, der spirituelle und der intellektuelle, die sich nach Itten auch in deren künstlerischen Hervorbringungen in mehr oder minder reiner Form als impressives, expressives und konstruktives Gestalten manifestieren. Die pädagogische Aufgabe bestehe darin, unter Berücksichtigung der Schülerpersönlichkeit die je nach Typ unterschiedlich ausgeprägten Anlagen durch gezielte Interventionen zum Ausgleich zu bringen. Es gelingt der Autorin zu zeigen, wie Itten das im Einzelnen durch ein durchdachtes, hochgradig differenziertes und komplex strukturiertes Unterrichtsprogramm zu erreichen suchte. »Metaprinzipien« (S.117) der Gestaltungslehre Ittens sind Kontrast und Bewegung, ihnen untergeordnet sind grundlegende Kategorien wie Hell-Dunkel, Proportion und Rhythmus. Eva Streit rekonstruiert minutiös die entsprechenden Unterrichtssequenzen und unterstützt ihre Analysen durch zahlreiche Abbildungen von Übungsarbeiten der Berliner Schüler, die zum großen Teil zum Bestand der Johannes-Itten-Stiftung im Kunstmuseum Bern gehören. Dabei wird deutlich, dass angesichts des Vordringens konstruktivistischer Tendenzen in der Kunst der zweiten Hälfte der 1920er Jahre auch im Berliner Itten-Unterricht das geometrisch-konstruktive Gestalten im Vergleich mit der Dominanz des Expressiven am frühen Bauhaus deutlich an Gewicht zunahm. Misslich ist, dass der Autorin gelegentlich Schlüsselbegriffe der Pädagogik wie Didaktik und Methodik durcheinander geraten oder etwa die Temperamentenlehre gar als »Lehrmethode« (S.110, 112) bezeichnet wird, was dem Umstand geschuldet sein mag, dass sie sich als Kunsthistorikerin zum Teil doch auf fachfremdem Terrain bewegt.

An die elaborierte Rekonstruktion des in Berlin von Itten selbst erteilten Unterrichts schließen sich kurze, aber informative Darstellungen der Lehrveranstaltungen anderer Dozenten an – fast durchgängig ehemalige Kollegen oder Schüler Ittens am Bauhaus –, die aber weder über eine so ausgefeilte Erziehungsphilosophie wie der Gründer und Leiter der Berline Schule verfügten noch über dessen professionelle Erfahrung als ausgebildeter Lehrer. Behandelt werden der Grundkurs bei Georg Muche, Gyula Pap und Boris Kleint, gefolgt von Maltechnik bei Max Bronstein und Tuschmalerei bei Yumeji Takehisa, Architektur bei Fred Forbat und Ernst Neufert, Schrift und Reklame bei Maximilian Debus und Fotografie bei Umbo (Otto Umbehr) und Lucia Moholy.

Obwohl Itten am Bauhaus in Weimar neben der Durchführung des Vorkurses als »Formmeister« auch mehrere Werkstätten künstlerisch betreut und in Herrliberg die »Ontos-Werkstätten« gegründet hatte, gab es an seiner privaten Kunstschule in Berlin keinen Werkstattunterricht, da nach seiner Auffassung – abweichend von der Position des Bauhaus-Gründers Walter Gropius – »Handwerk und Kunst weder in enger Verbindung, noch in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. [...] Den zentralen Lerninhalt der Berliner Schule bildet fast ausschließlich die Gestaltungslehre Ittens, die über die gesamte Studiendauer gelehrt wird.« (S.258, 259) Im Jahr 1930 erschien diese Gestaltungslehre unter dem Titel »Tagebuch« im Eigenverlag der Schule. Sie liest sich als Resümee oder Bilanz einer fünfzehnjährigen kunstpädagogischen Praxis und stellt ein Destillat dessen dar, was Itten an der Kunst für lehrbar hielt. So signalisiert auch der Untertitel »Beiträge zu einem Kontrapunkt der bildenden Kunst« den Anspruch, in Analogie zur Musik zumindest ansatzweise ein Regelwerk des Bildnerischen zu sein, das dem Lernenden im Bereich der Gestaltung als Orientierungshilfe und Grundgerüst dienlich sein kann. Dabei war sich Itten allerdings immer der Tatsache bewusst, dass keine noch so umfassende und elaborierte Bild- oder Gestaltungslehre eine Garantie für die Entstehung von Kunst bietet: »Regeln und Gesetze. Sie sind an und für sich gar nichts und nur dazu da, dem Schwachen eine Hilfe zu sein. [...] Sie sind nur Nahrung für den Suchenden, solange er [ihrer] bedarf, aber nicht das zu Suchende.«

Mit ihrer sorgfältig erarbeiteten und faktenreichen Studie, die deutlich das eigenständige Profil der Berliner Schule auch im Kontext anderer Reformkunstschulen der Zwischenkriegszeit – etwa des Bauhauses in Dessau – herausstellt, hat Eva Streit eine lange klaffende Lücke nicht nur in der Itten-Forschung, sondern auch in der Historischen Kunstpädagogik geschlossen. Insofern kann trotz einiger kritischer Einwände des Rezensenten die Lektüre des Buches nur als gewinnbringend bezeichnet werden.