Ausstellungsbesprechungen

Helden − Ein neuer Blick auf die Kunst Afrikas, Museum Rietberg, Zürich, bis 3. Juni 2012

Künstler in West- und Zentralafrika schufen über Jahrhunderte Bildnisse von verehrten Monarchinnen und Monarchen, Kriegshelden und Staatsgründern, um sie so für die Nachwelt zu erhalten. »Helden« ist die erste Gesamtschau einzigartiger Skulpturen, die die frühe Geschichte Afrikas sichtbar macht. Kurz vor Tore Schluss vermittelt Günter Baumann einen Eindruck der imponierenden Werke.

Der englischsprachige Originaltitel wagte sich nicht so weit aus dem Fenster der Sensation wie das Züricher Museum Rietberg mit ihrer Schlagzeile. Das Metropolitan Museum of Art in New York zeigte die Schau, die in der Schweiz ihre zweite und letzte Station hat, im Herbst und Winter 2011/12 und titelte mit »Heroic Africans – Legendary Leaders, Iconic Sculptures«. So betonten die Ausstellungsmacher einen heroischen Zug in der Kunst Afrikas insofern, als sie das stammesgeschichtliche Führungspersonal zum Thema hat, und das alles unter dem Vorbehalt einer traditionell verwurzelten Ikonologie.

Diese Elemente reduzieren sich in Zürich auf das Wort »Helden«, gefolgt von dem »neuen Blick« auf diese Kunst. Hält sie, was sie verspricht? Die historischen Königreiche im Kongo und in Angola, Benin und Akan ziehen sich am westlichen Rand des Kontinents entlang, zusammen machen sie allenfalls einen minimalen Teil des riesigen Gesamtraums aus. Hier ein Bild von der (womöglich einen) Kunst zu vermitteln, ist nahezu unmöglich. Andrerseits ist unsere Sicht auf den sogenannten Schwarzen Kontinent noch immer eurozentrisch geprägt, und was die Rezeption in der Kunst angeht, auch vom mal kolonialen, mal rassistischen und mal idealistisch verklärten Klischee des Primitivismus bestimmt, was wohl an der Zeit der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts liegt, als die expressionistischen Maler der Brücke und die Kubisten, namentlich Pablo Picasso die afrikanische Kunst für sich entdeckten. Wenn Zürich nun (und zuvor Washington) die vorkoloniale Zeit in Zentralafrika unter die Lupe nimmt, und das mit über 100 hochkarätigen Stücken, darf man tatsächlich getrost von einer neuen Perspektive reden. Hier lässt sich trefflich spekulieren, wie sich der Expressionismus entwickelt hätte, wenn dessen Vertreter diese Figurenbilder gesehen hätten: deren anmutige Stilisierung, deren gleichzeitig überraschender Naturalismus mit fein nachempfundenen Details. Es ist sicher das erste Mal, dass der Europäer derartige Kunst in einer solchen Fülle zu Gesicht bekommt.

Insbesondere die Maskenhaftigkeit und die kulturelle Fremdwahrnehmung hat die afrikanische Kunst eng mit ihrem rituellen Gebrauch verknüpft. Das war nicht falsch, im Gegenteil: Es hat lange gebraucht, bis die Kunsthistoriker zur Kenntnis nahmen, dass in Afrika keine der Renaissance vergleichbare Individualisierung stattgefunden hat, die von der kultischen Ur-Bedeutung des kreativen Schaffens wegführte. Kein Wunder, dass sich die Ethnologie der Materie annahm, über die wichtige Erkenntnisse in der Symbolforschung auf die europäische Philosophie zurückfiel. Die Ausstellung im Rietberg-Museum zeigt, dass die Zeit reif ist für einen neuen Blick der Kunstwissenschaftler auf den noch immer weitgehend unbekannten Kontinent.

Einer Anekdote zufolge fand der Ethnologe Leo Frobenius im Jahr 1910 im südwestlichen Nigeria Porträtplastiken, die er einer antik-europäischen Kolonie zuordnete – auf die Vorstellung, es könnten doch originäre Schöpfungen der angestammten Kultur sein, kam er nicht. Besonders die nigerianische Ife-Kultur schuf zwischen dem 10. und 16. Jahrhundert Werke, die nach unserem von der klassischen Moderne geprägten Verständnis als absolut schön, wenn nicht vollkommen gelten können. So haben sich die Medien, sofern sie von der Ausstellung Kenntnis genommen haben, recht einhellig zum Weltklasse-Niveau der frühen westafrikanischen Plastik geäußert. Die New Yorker Schau wurde euphorisch bejubelt, und es schadet nicht, diese Begeisterung auch für die Züricher Station der Ausstellung zu zitieren: «Wenn Sie denken», so stand in der amerikanischen Presse, »afrikanische Kunst sei nicht so Ihr Ding, dann gibt es jetzt eine Ausstellung, die Ihre Meinung ändern könnte. Sie ist so schön anzuschauen, wie es eine Ausstellung nur sein kann« (Holland Cotter).

Das Überraschende dieser vorwiegend als Grab- und Altarkunst entstandenen Bildnisse ist der Ausdruck der Persönlichkeit, der die gängigen Klischees über Bord wirft. Dabei darf man freilich nicht vergessen, dass es hier meist um die Huldigung eines Königs oder um höfische Kontexte geht, die das Bild von der maskierten Unnahbarkeit nicht überflüssig macht. Wenn man nicht dem Wahn verfällt, Parallelen zur neueren europäischen Kunst zu ziehen, kann man in der Tat auch hier von einer Individualisierung sprechen, die jedoch in der Fixierung jugendlicher Schönheit gipfelt. Die Ausstellungsmacher scheuen allerdings nicht davor zurück, die römische Antike als Referenzwerke mit in das Konzept einzubinden. Damit machen sie deutlich, dass im vorkolonialen Afrika durchaus ähnliche Denkweisen existierten. Der Heroenstatus eines Kaisers Augustus ist da keineswegs so weit weg vom Heldenbild in Zentral- und Westafrika, ganz zu schweigen von der eigenständigen Pharaonendarstellung im alten Ägypten, das für die Westafrikaner kaum näher – oder ferner – war als Rom. Der Gipsabguss eines Augustus-Porträts fand sich nachweislich in Accra. Auch die Antike hatte ihre Globalisierung, die heute übrigens – genauso wie in Europa – ihre künstlerischen Schattenseiten hat: Die heutigen Stammesoberhäupter in Afrika lassen sich lieber fotografisch verewigen, als dass sie die schöne bildhauerische Tradition aufrechterhalten. Geblieben ist der Wille, die Würde des Herrschers aufs Bild zu bannen und die Vergangenheit (weniger die Vergänglichkeit) zu ehren – ein vornigerianisches Yoruba-Sprichwort sagt: »Zu sterben bedeutet, göttlich zu werden – niemand verehrt eine lebende Person«.

Die Ausstellung macht deutlich, dass eine solch hohe Kunst wie etwa die Ife-Terrakotten so weltkulturfähig sind wie die Schöpfungen in China oder dem alten Europa. Und das moderne Europa? Im wunderbar gestalteten Katalog, der bei Scheidegger und Spiess in Zürich publiziert wurde, steht ein Zitat von Henri Matisse vorneweg, das nicht auf Afrika gemünzt war, aber die Stimmung beschreibt, in der mutmaßlich auch die im Rietberg-Museum präsentierte Kunst entstand: »Bei der Zeichnung eines Gesichts kommt es nicht auf die Richtigkeit der Proportionen an, sondern auf ein geistiges Leuchten, das sich in ihm spiegelt.« Wer den Fauvismus von Matisse im positivsten Sinne für primitiv hält, kann die Vokabel auch für die afrikanische Kunst beibehalten. Wer Matisse als Vertreter einer neuen Ästhetik sieht, wird sich von dem Wort abwenden und dafür ein anderes setzen, das kulturübergreifend gilt: »schön«.

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