KunstGeschichten

Karriereplattform Internet

Eine Kurzgeschichte von Erich Wurth. Unser Autor aus Wien hat sich diesmal der "Netzkunst" angenommen, unter dem Pseudonym Anselm Zenith startet ein junger Anstreicher eine bemerkenswerte Karriere als Internetkünstler...

Der häufigste Familienname in Österreich lautet gemäß den Angaben von Statistik Austria „Fischer“. Auch der erste Mann im Staat, der derzeitige Bundespräsident, trägt diesen ehrbaren und durchaus bodenständigen Namen.

Keith Fischer stand natürlich in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zum Präsidenten und er war mit seinem etwas eigenwilligen, teilweise angelsächsischen Namen durchaus nicht einverstanden. Diese Abneigung war während der Schulzeit entstanden, weil er in seiner Hauptschulklasse im Alphabet gleich nach „Armbruster, Thomas“ aufschien und daher jedes Mal, wenn die Schüler alphabetisch aufgerufen wurden, der Zweite war. Er beneidete den Mike Zabranski um die Zeit, welche dem immer blieb, bevor der Lehrer ihn aufrief. Zeit, die man nutzen konnte um noch schnell den Schummelzettel zu konsultieren .

Mit seinem Vornamen war er ebenfalls nicht glücklich. Seine Eltern, ein biederes, grundehrliches Paar, Vater Werner LKW-Fahrer und Mutter Monika Textilverkäuferin, hatten sich für Keith entschieden, weil es gerade modern war, seine Kinder mit angelsächsischen Namen zu versehen und damit Sympathie für die Weltmacht USA zu demonstrieren. Die Welle der „Markuse“ beziehungsweise „Marcs“ war soeben erst abgeebbt, die „Kevins“ hatten zwar immer noch Saison, aber „Keith“ fand insbesondere die Mama Fischer ausgefallener und somit interessanter, besonders weil man durch das nicht leicht korrekt auszusprechende „TH“ am Ende zeigen konnte, wie weltoffen man war. Offenbar blieb ihr Gedankengang kein Einzelfall, denn in Keiths Klasse gab es außer zwei Kevins auch einen zweiten Keith, was Keith Fischer ziemlich ärgerte.

Und zwar ärgerte es ihn deshalb, weil Keith erstens über ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl verfügte und zweitens davon überzeugt war, etwas ganz Besonderes zu sein. Seine Intelligenz und seine Fähigkeiten konnte man allerdings lediglich als durchschnittlich bezeichnen und sein Vater gab sich keinen Illusionen darüber hin, dass sein Sohn weder als Politiker noch als Fußballer Chancen auf eine glänzende Karriere hatte. Folglich brachte er seinen Sohn als Lehrling bei einem Maler und Anstreicher unter, da keinerlei Aussichten darauf bestanden, dass Sohn Keith auf höherer Ebene würde reüssieren können.

Keith stellte sich für das Handwerk als durchschnittlich begabt heraus, war aber willig und freundlich, was ihm eine gewisse Wertschätzung seitens seines Lehrherren Meisters Hagenbart eintrug. So absolvierte er die Lehre und blieb hinterher als Geselle bei Meister Hagenbarts Betrieb. Seinen Beruf übte er nicht ungern aus und war mit seiner Stellung ganz zufrieden, sofern junge Leute überhaupt zufrieden sein können.

Denn Keith fühlte sich zu Höherem berufen. Tatsächlich entwickelte er ein spezielles Talent, das allerdings bei seiner Generation nicht als ungewöhnlich angesehen werden kann. Er war, wie so viele in seinem Alter, ein Computerfreak. Allerdings kein Freak in dem Sinn, dass ihn die Elektronik fasziniert hätte, oder dass er beim Programmieren von Computern geglänzt hätte, sondern es machte ihm einfach Spaß, seinen PC zu handhaben und vor allem, im Internet zu surfen. Außerdem hatte er durch Zufall, beim Spielen mit dem mitgelieferten Zubehör, ein grafisches Programm entdeckt, mit dessen Hilfe man geometrische Figuren erstellen und diese auch farblich ansprechend ausgestalten konnte. So produzierte er immer wieder Dateien, die auf dem Bildschirm ganz hübsch und interessant aussahen, obwohl sie im Grunde nichts anderes waren, als ineinander greifende Kombinationen von farbigen Rechtecken, Kreisen und Ellipsen, mitunter unterbrochen von Rhomben oder unregelmäßigen Vielecken.

Eines Tages nahm er einen Ausdruck seines neuesten Werkes zur Arbeit mit und der Zufall wollte es, dass Meister Hagenbarts Tochter das bunte Blatt sah. Sandra Hagenbart war Studentin der Wirtschaftswissenschaften, weil Meister Hagenbart, wie so viele Väter, seinen Ehrgeiz drein setzte, dass es die Tochter „einmal leichter haben sollte im Leben“. Als sie das Blatt des Lehrlings Keith zu Gesicht bekam, betrachtete sie es lange und dann sagte sie bewundernd: „Megacool!“

Keith freute sich darüber wie ein Schneekönig. Die Tochter seines Chefs, mit ihm etwa gleichaltrig, war bisher für ihn zwar nicht besonders interessant gewesen, denn Keith war von seinen Eltern dazu erzogen worden, den Chef und alles, was mit ihm zusammenhing, als Autorität zu respektieren. Obwohl Sandra ein recht hübsches Mädel war, das glücklicherweise wenig Ähnlichkeit mit seinem Vater hatte, war sie von Keith bislang als außerhalb seiner Reichweite betrachtet worden. Aber mit dem „Megacool!“ gab Sandra zu erkennen, dass sie Verständnis auch für die Mitarbeiter ihres Vaters aufzubringen imstande war. Von diesem Moment an war Sandra für den Lehrling Keith durchaus interessant!

Schon zwei Tage später nahm Sandra eine mit Respekt und der gebotenen Schüchternheit von Keith ausgesprochene Einladung zum Discobesuch an. Und nachdem ihnen die bei ihrer Generation so hoch geschätzten Schreihälse mit dem von ihnen produzierten, als Rap, Pop und Hip Hop bezeichneten Lärm die Ohren voll gedröhnt hatten, unterhielten sich Sandra und Keith noch in Sandras kleinem, alten Renault. Denn Papa Hagenbart hatte seiner Tochter (aus Gründen des Standesbewusstseins) natürlich gleich nach der Matura ein gebrauchtes Auto zur Verfügung gestellt, während Keith nur über ein Motorrad mit 125 Kubikzentimetern verfügte, ein Fahrzeug, dass Sandra als nicht besonders geeignet zum Knutschen einschätzte.
Aber Keith war immer noch zu sehr davon beeindruckt, dass die Tochter seines Chefs es nicht unter ihrer Würde gefunden hatte, mit einem einfachen Anstreicher auszugehen und dem – von Keith selbstverständlich ebenfalls angestrebten – Knutschen ging ein erstaunlicherweise recht verhalten geführtes, aber durchaus fruchtbares Gespräch voraus.

Keith gestand, dass er das Zeug zum Designer in sich verspüre. Als Beweis führte er den von Sandra als „megacool“ bezeichneten Computerausdruck an. Sicher, Maler und Anstreicher wäre eine erstrebenswerte Grundlage, aber warum sollte er, Keith Fischer, nicht nach Höherem streben, als den Kunden die Scheißhauswände anzustreichen? Sandra zeigte volles Verständnis für Keiths Ambitionen und bot ihm sogar ihre Hilfe an. Sie habe da vor kurzem ein Buch in die Finger gekriegt, „Das Internet als Instrument zur Erschließung neuer Märkte“. Deshalb wäre sie überzeugt davon, dass mit Hilfe des Computers solche Grafiken, wie sie eine bereits gesehen habe, nicht nur erstellt, sondern auch vermarktet werden könnten. Ob sich Keith nicht mit ihr zusammentun wolle?

Und ob Keith wollte!
Insgeheim nahm er zwar nicht an, dass Sandra ihm tatsächlich den Weg in künstlerischer Hinsicht würde ebnen können, aber er nahm sehr wohl an, dass die Vereinbarung einer Zusammenarbeit den Weg zu einem ausgiebigen und intensiven Knutschen, wenn nicht sogar mehr, frei machen würde. Die Zusammenarbeit wurde zunächst einmal mit einem Küsschen besiegelt und darauf folgte eine Knutscherei, wie sie sich Keith in seinen kühnsten Träumen nicht hatte vorzustellen gewagt.


Gleich am nächsten Tag ging man an die Arbeit. Zunächst brauchte Keith eine Trade Mark, denn Sandra hatte rasch erkannt, dass ohne Markenzeichen im Internet kaum etwas laufen würde. Also erfand Keith einen Künstlernamen und da er sich über den Namen Keith Fischer so geärgert hatte, entschied er sich dafür, erstens einen wirklich ausgefallenen Vornahmen zu wählen und zweitens einen Nachnamen, der mit dem letzten Buchstaben des Alphabets beginnen sollte. Das Ergebnis war: Anselm Zenith. Anselm deshalb, weil laut Internet in Wien dieser völlig aus der Mode gekommene Name seit geraumer Zeit nicht mehr amtlich eingetragen worden war und Zenith, weil das laut Sandra symbolisch den Höhe- und Scheitelpunkt der computergestützten Grafik bedeuten würde.


Dann wurde eine Biografie für Anselm Zenith entwickelt.  Eine, die es in sich hatte! Demnach hatte Anselm im Paris Kunst studiert, hatte dann als Grafiker bei Karl Lagerfeld gearbeitet, seine Kunstwerke würden vor allem von Hollywoodstars hoch geschätzt und erzielten bei Auktionen sagenhafte Preise. Sandra erstellte einen Artikel über Anselm Zenith für Wikipedia und verlinkte den Artikel mit allen anderen, die sie auf der Plattform finden konnte und die mit moderner Grafik zu tun hatten. Und die Webmaster von Wikipedia hüteten sich, den Artikel rauszuschmeißen, einfach deshalb, weil sie einen Anselm Zenith nicht kannten. Woher sollten sie auch?

Sandra erwies sich außerdem als sehr einfallsreich, was die weiteren Maßnahmen zur Bekanntmachung des Genies Anselm Zenith betraf. In allen möglichen Chats und Foren deponierte sie Hinweise auf diesen einzigartigen und so innovativen Künstler. Keith richtete eine Homepage ein und stellte einige seiner Grafiken ins Netzt, nicht ohne zu erwähnen, von welchem Prominenten das Stück erworben worden wäre. Und so konnte man auf www.Anselmzenith.at nachsehen, welche seiner Blätter in den Wohnzimmern von George Clooney, Julia Roberts, Brad Pitt, Madonna, Angelina Jolie und anderen Stars hingen.
Und es dauerte gar nicht lang, da kam die erste Anfrage.
Ein Journalist eines in Wien sehr populären Revolverblattes war im Zuge einer Recherche über eine demnächst geplante Ausstellung skandinavischer Grafik auf einen Link zum Namen Anselm Zenith gestoßen und in der Folge auch aus dessen Homepage.

Keith bot dem Journalisten per E-Mail ein Blatt an und tags darauf hatte er seinen ersten Verkauf abgeschlossen. Die Karriere des Anselm Zenith konnte beginnen. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Keith hatte mittlerweile herausgefunden, dass es ziemlich viel Arbeit war, so ein buntes Blatt mit Ellipsen, Dreiecken und Kreisen herzustellen. Und überdies verfügte er im Grunde nicht über ein besonderes Talent für grafisches Gestalten. Viel lieber verbrachte er seine Freizeit mit Sandra in diversen Discotheken – und nach dem Verkauf des ersten Blattes an den Journalisten nun auch in Hotels, denn die Eltern, sowohl die Fischers als auch die Hagenbarts ging die Beziehung der beiden jungen Leute nichts an! Möglicherweise wäre es Vater Hagenbart nicht recht gewesen, was seine Tochter da nächtens alles unternahm. Und das mit seinem Gesellen!

Wieder war es Sandra, die Abhilfe betreffend Keiths Zeitmangel wusste: Einer ihrer Kommilitonen, ein gewisser Jenö Fazekas, befasste sich mit dem Programmieren von Personalcomputern und da dieser Jenö bereits seit längerer Zeit vergeblich versucht hatte, die Sandra „einzubraten“, lieferte er auf deren Bitte innerhalb von zwei Tagen ein kleines, auf einem Zufallsgenerator basierendes Programm, das die grafischen Dateien mit farbigen Ellipsen, Kreisen und Vielecken automatisch erstellen konnte. Keith brauchte also nur mehr aufs Knöpfchen zu drücken und die Ergebnisse auszuwählen. Sicher, viele Blätter, die so entstanden, entsprachen keineswegs seinen Erwartungen. Aber die konnte man ja innerhalb von Sekunden einfach löschen. Das neue Hilfsmittel erleichterte die Produktion von Kunstwerken ungemein!

Die zweite Anfrage für ein Kunstwerk kam von einem Industriellen, der prompt bedient wurde. Die dritte und vierte Anfrage kamen aus dem Ausland, nämlich aus der Schweiz und Südtirol, aber die fünfte stammte von Melanie Zeininger. Melanie war noch keine zwanzig Jahre alt, aber bereits manchmal in den Klatschspalten der heimischen Presse aufgetaucht. Sie war verwandt mit einem bekannten Schauspieler, der über erstklassige Beziehungen zum Fernsehen verfügte – und da man in Österreich, besonders in Wien, mit „Vitamin B“ (B wie „Beziehungen“) viel erreicht, war Melanie bereits mehrmals bei einer privaten TV - Anstalt beschäftigt worden. Man konnte sie also als so etwas wie ein „Fernsehsternchen“ bezeichnen, wobei sie selber den Ausdruck „Star“ allerdings wesentlich lieber hörte. Was Melanie auszeichnete, war weniger das Talent. So etwas setzt man in Österreich einfach voraus, sofern man mit einem Publikumsliebling verwandt ist, denn so etwas „muss ja in der Familie liegen“. Aber das nicht gerade überragende Talent wurde bei Melanie durch ein überaus ansprechendes Aussehen mehr als wettgemacht. 

Auch Sandra kannte die Melanie Zeininger. Erst freute sie sich ungemein über deren Anfrage, ob ein Kunstwerk für sie verfügbar wäre, aber dann entdeckte sie, dass die Melanie in ihrem E-Mail an Anselm Zenith um einen persönlichen Besuch gebeten hatte, um das zu ihr am besten passende Kunstwerk auszuwählen.
„Da gehst mir net hin!“, bestimmte Sandra.
„Warum denn?“, protestierte Keith.
„Weil die mit dir ins Bett will! Und außerdem bleibst am besten der Geheimnisvolle.“
„Warum sollt die mit mir ins Bett wollen? Die kennt mi ja gar net!“
„Eben drum!“
Nun, mit seiner Sandra wollte sich Keith natürlich keinen Ärger einhandeln und so sagte er: „Na, geh i halt net hin.“

Aber insgeheim hatte er doch vor, die Bekanntschaft des Jungstars Melanie zu machen. Schon allein deshalb, weil über sie in der Presse berichtet worden war. Für Keith war es gar nicht einfach, sich einmal einen Abend von Sandra freizumachen. Junge Leute, die Gefallen aneinander gefunden haben, neigen dazu, ihre Freizeit ausnahmslos gemeinsam zu verbringen. Aber dann benutzte er einen nicht existierenden Onkel als Ausrede und so erhielt er von Sandra doch einen Abend „Urlaub“.

Als er dann auf seiner Hundertfünfundzwanziger zu dem Altbau im achtzehnten Bezirk knatterte, wurde er verfolgt von einem alten, kleinen Renault. Unvorsichtigerweise hatte er einmal in einem Gespräch mit Sandra erwähnt, weder Onkel noch Tanten zu besitzen und somit nicht auf eine Erbschaft hoffen zu können – und Sandra hatte sich das blöderweise gemerkt.  Sandra erwies sich als geschickte Verfolgerin. Es gelang ihr sogar festzustellen, an welchem Haustor Keith geklingelt hatte. Eine Inspektion der Namensschilder an der Torsprechanlage des gediegenen, soliden Altbaus nahe der Schnellbahnstation Gersthof ergab, dass eine gewisse Melanie Zeininger dort wohnte.

Sandra war „auf tausend“ und beschloss, zu warten.
Sie wartete beinahe zwei Stunden, dann kam Keith aus dem Haus und kriegte ohne Vorwarnung eine geknallt.
„Hurenbock! Casanova! Don Juan! Mistkerl! Undankbares Monster! Nudelaug!“, zischte Sandra in höchster Wut, ließ Keith verdattert stehen und rauschte ab.
Keith war so „von den Socken“, dass er ihr nicht einmal nachfuhr. Er fuhr heim zu seinen Eltern, wo er immer noch wohnte, und verfasste ein E-Mail an Sandra, in dem er ihr erklärte, dass der Besuch bei Melanie Zeininger ausschließlich beruflich – künstlerische Ziele verfolgt hatte, dass nichts, absolut gar nichts gewesen sei und dass Sandra sich nicht wie eine Tussi  aufführen solle, der man „ins Hirn g’schissen“ habe. Eine Stunde später hatte er die Meldung auf dem Bildschirm, dass sein E-Mail nicht gelesen gelöscht worden war.


Keith fluchte auf Sandra, auf alle Weiber im Generellen und auf eifersüchtige Weiber im Speziellen. Und, um sich ein bisschen abzulenken und aufzubauen, sah er sich nochmals den Eintrag bei Wikipedia über Anselm Zenith an. Offenbar war Sandra in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Denn da stand plötzlich: „Anselm Zenith – Pseudonym eines Wiener Hochstaplers, der sich für einen talentierten Grafiker ausgibt, sich seine ‚Arbeiten’ hoch bezahlen lässt, diese aber mit Hilfe eines gestohlenen Computerprogramms herstellt. Käufern, die Anselm Zenith reingefallen sind, wird empfohlen, Klage wegen Betruges zu erheben.“
Keith spuckte Gift und Galle. Er schickte ein SMS an Sandra, in welchem er sie „rachsüchtige, blöde Trutschen“ nannte, „eifersüchtiges Trampelweib“ und noch einige weitere Liebenswürdigkeiten in dieser Art einflocht. Dann arbeitete er lange Zeit verbissen an dem Wikipedia – Eintrag, um den ursprünglichen Text zu rekonstruieren.

Am nächsten Tag, als er zur Arbeit erschien, stellte ihn der Meister zur Rede.
Seine Tochter habe ihm erzählt, Keith habe sich ihr unsittlich genähert und sie wolle nun, dass Keith unverzüglich rausgeschmissen werden solle. Was denn an der Sache mit der Unsittlichkeit dran wäre?

Keith, der sehr kurz (wegen der Schweinearbeit an Wikipedia) und sehr schlecht geschlafen hatte, kriegte beinahe einen Anfall. Unsittlichkeit? Ob der Meister tatsächlich so naiv wäre, zu glauben, mit zwanzig hätte seine Tochter noch keine einschlägigen Erlebnisse gehabt? Die hätte doch bereits im Kindergarten die Pille gefressen und von Sandras Erfahrungen könne sogar die älteste Praterhure noch profitieren! Meister Hagenbart beantwortete Keiths Rechtfertigungsrede mit der fristlosen Entlassung.

Keith war wie vor den Kopf geschlagen. Sein Meister, auf den er doch glaubte, zählen zu können, schmiss ihn raus! Wegen dieses Flittchens Sandra! Und das grad jetzt, wo Keith auf der Suche nach einer eigenen, kleinen Wohnung und auf sein Einkommen angewiesen war!
Als er tief betroffen auf seiner Hundertfünfundzwanziger heim zur elterlichen Wohnung knatterte, überlegte er sich, wie die Werkstatt Meister Hagenbarts am effektvollsten abzufackeln wäre. Denn Rache musste sein! Wozu hatte er die Filme im Fernsehen gesehen? Die mit Charles Bronson, in denen es jede Minute mindestens einen Toten gab? In der Werkstatt lagerte immerhin genug brennbare Farbe, das musste ein hübsches Feuerwerk geben!

Als er sich dann zu Haus vor den Computer setzte, hatte er sich etwas beruhigt, sein Blutdruck stieg aber wieder beträchtlich, als er feststellte, dass Sandra wieder auf Wikipedia tätig gewesen war! Der ganze Scheiß mit dem Betrug, den er gestern rausgelöscht hatte, stand wieder drin! Keith war so wütend, dass er sich, obwohl er mit Alkohol nichts am Hut hatte, an Vaters sorgsam aufbewahrten Rotwein vergriff. Sein Vater trank berufsbedingt sehr selten Wein, hatte aber für besondere Anlässe einige wenige, erlesene Bouteillen im Keller. Eine davon musste jetzt dran glauben. Und, im Hirn die Wut, im Bauch den Blaufränkisch, begann Keith, zu malen.

Nicht mit dem verdammten Computer! Immerhin trugen der Blechtrottel und das verdammte Grafikprogramm die Schuld an Keiths Misere! Nein, diesmal griff Keith zu Pinsel und Farbe. Das dafür nötige Werkzeug hatte er noch aus der Schulzeit. Was ihn dazu bewog, in dieser Situation zu den Wasserfarben zu greifen, hätte er selbst nicht sagen können. Offenbar war es ein im Wesen des Menschen begründeter Drang, seelische Bedrängnisse irgendwie „raus zu lassen“. Vielleicht liegen darin die Wurzeln aller künstlerischen Tätigkeiten.

Als Mama Fischer aus dem Warenhaus heim kam, hatte Keith ein Aquarell fertig, das seiner Mutter einen Ausruf der Bewunderung entlockte. Es war ein abstraktes, fast vollständig in Rottönen gehaltenes Bild, das, ohne einen konkreten Gegenstand abzubilden, auf berührende Art Zorn und Verzweiflung ausdrückte
„Keith! Seit wann malst’ denn Bilder? Das schaut ja richtig gut aus!“
Keith sah seine Mutter mit vom ungewohnten Alkohol geröteten Augen traurig an – und dann brach plötzlich sein Weltschmerz über ihm zusammen und er erzählte der Mami alles: Dass der Chef ihn „kokoschiert “ hätte, weil er dessen Tochter „geschnackselt“ habe, dass die Sandra ein eifersüchtiger Trampel wäre, die Sache mit den Computergrafiken, eben alles, was ihm auf der Seele lag.

Die Mami versuchte ihren schon so großen Sohn, der heulte wie ein Schulbub, so gut als möglich zu trösten. Job werde er schon wieder einen finden, ein anderes Mädel auch – und die Computergrafiken solle er vergessen, wenn er doch so gut malen könne!
„Findest das wirklich gut?“, fragte Keith und so etwas wie Hoffnung regte sich in seiner Stimme.
„Das is a Hammer!“, bestätigte die Mami.
Da schnäuzte sich Keith ausgiebig und sagte entschlossen: „Dann wird Anselm Zenith in Zukunft a Maler!“
„Und jetzt gehst schlafen“, sagte die Mami. „Morgen kauf i dem Papa a neue Bouteillen und jetzt red’ ma nimmer düber.“

In der Nacht träumte Keith von Melanie Zeininger, die ihn anlässlich seines Besuches bei ihr doch ziemlich beeindruckt hatte. Es war zwar tatsächlich „nichts gewesen“, aber Melanie hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie nichts dagegen gehabt hätte, wenn doch „etwas gewesen“ wäre! Am nächsten Tag hätte Keith natürlich sofort mit der Jobsuche beginnen sollen. Er fühlte sich aber dazu nicht imstande, sondern seine Gedanken kreisten um Melanie. Das war schon ein verflucht hübscher Käfer! Und dass „was drinnen gewesen wäre“, davon war Keith überzeugt. Also eine verpasste Gelegenheit, noch dazu eine, für die er trotzdem Konsequenzen zu tragen hatte, geradeso als ob er die Chance nicht verpasst hätte!
Himmel, Arsch und Zwirn, vielleicht konnte man den Unterlassungsfehler ausbügeln? Er rief sofort Melanie an.

Die war offenbar nicht zu Hause. Also nützte Keith die Gelegenheit, noch ein zweites Bild für Melanie zu malen. Und damit er dazu in die richtige Stimmung kam, rief er im Internet wieder einmal „Wikipedia“ auf, Stichwort Anselm Zenith. Er wollte sich wieder so richtig ärgern, das hatte sich als Stimulans bewährt. Zu seiner maßlosen Überraschung sah der Artikel genau so aus, wie Sandra und er selbst ihn seinerzeit entworfen hatten! Nichts mehr von Hochstapler und Empfehlung einer Klage! Was war da passiert? War Sandra nicht mehr „angefressen“?

Um zu verstehen, was Sandra bewogen hatte, den ursprünglichen Text wieder ins Netz zu stellen, muss man wissen, wie es ihr in den letzten beiden Tagen ergangen war.
Sandra hatte geschäumt vor Wut auf Keith. Dieser treulose Drecksack! Weil diese Zeininger ein Fernsehsternchen war, hatte er sie „abeg’haut “mit der schamlosen Hure! Sandra war es völlig ernst damit, den Keith ein für alle Mal „in den Krieg“ zu schicken. Am Tag nach Keiths heimlichem Besuch bei Melanie besuchte Sandra eine Vorlesung zum Thema „Interpretation von Wirtschaftsstatistiken“ und Jenö Fazekas war auch im Hörsaal. Während der Vorlesung konnte sich Sandra nicht konzentrieren, dachte pausenlos an ihre Demütigung durch Keith, verdrückte ein paar Tränen der Wut und musste sich mehrmals schnäuzen. Jenö kriegte das mit und legte Sandras Tränen völlig korrekt als die Folge einer Krise mit ihrem derzeitigen Freund Keith aus.

Nach der Vorlesung „fischte“ sich der Jenö die Sandra und tatsächlich gelang es ihm, aus dem Mädel die ganze Geschichte herauszuholen: Der Keith, dieses miese Arschgesicht, wäre mit einer Hure vom Fernsehen ins Bett gehüpft. Und das, nachdem er von ihr, Sandra, und dem Jenö so unterstützt worden wäre hinsichtlich des Computerprogramms. Er witterte Morgenluft und legte sich gehörig ins Zeug, um die Sandra dem Keith „auszuspannen“, was ihm erfreulicherweise ausnehmend gut gelang und dazu führte, dass Sandra schließlich mit dem Jenö in seine Studentenbude mitkam. Als dann hinterher Sandras Kopf auf Jenös nackter Schulter lag, sagte sie plötzlich: „Ab sofort bist du der Anselm Zenith!“
„Wie bitte?“
„Na, der Keith hat dein Programm verwendet, jetzt verwendest du sein Pseudonym“, erklärte Sandra.
„Das is aber unfair!“, wandte Jenö ein.
„Der Keith war auch unfair! Du bist auf jeden Fall aus’m Schneider, weil’s ein’ Anselm Zenith ja gar net gibt! Und die Rotzpipen hat’s verdient, wenn’st ihm das G’schäft wegnimmst. Weil die Grafiken macht eh der Computer. Mit dein’ Programm! Also is das dein G’schäft, net sein’s!“
Jenö war viel zu glücklich und zufrieden, als dass er Sandra weiter widersprochen hätte. Also blieb es dabei und Sandra änderte am nächsten Tag den Wikipedia – Artikel neuerlich, wobei sie wieder den alten Text einfügte.

Als Keith nun den abermals geänderten Eintrag zu Gesicht bekam, rief er Sandra natürlich sofort am Handy an und tatsächlich nahm Sandra, die grade in Eile war und nicht aufs Display gesehen hatte, das Gespräch entgegen.
„Sandra, Schatzi, hast eing’sehn, dass i unschuldig bin?“, fragte Keith voller Hoffnung.

„Hupf in Gatsch und schlag Well’n, du Nudeldrucker“, riet Sandra und legte auf. Daraufhin beschloss der verwunderte Keith, sich doch lieber um einen Besuch bei Melanie zu bemühen und der „Gurken“ Sandra nicht mehr nachzurennen.

Er erreichte Melanie erst am Abend. Sie war beim Rundfunk gewesen, hatte dort einen neuen Vertrag über die Moderation einer kleinen, billig zu produzierenden, halbstündigen Vorabendsendung unterschrieben und befand sich in einer etwas ausgelassenen Stimmung. Sofort erzählte sie dem jungen Grafiker, der sie einigermaßen beeindruckt hatte, von ihrem Erfolg und lud ihn zu einem Glas Sekt bei ihr ein. Keith warf sich daraufhin sofort „in Schale“, nämlich in ein „Outfit“, das seinen Vorstellungen von Festlichkeit entsprach: Ausnahmsweise frisch gewaschene Jeans und ein knallrotes Hemd.

Der Abend bei Melanie war für Keith ein Abenteuer, das ihn mehrmals in arge Verlegenheit brachte. Einerseits war er bemüht, sich betont „cool“ zu geben, andererseits war er davon ziemlich beeindruckt, dass er da eine Berühmtheit vor sich hatte. Denn für Keith zählten Menschen, über die bereits in der Presse berichtet worden war, eindeutig zu den Berühmtheiten. Folglich benahm sich Keith doch etwas gehemmt. Und Melanie fand diese Unsicherheit des jungen Mannes, gepaart mit gespielter „Megacoolness“ einfach süß. Die üblichen Sprüche seiner Generation gingen dem Keith nur schwer von den Lippen und mehrmals an diesem Abend erwartete er, dass ihn Melanie rausschmeißen würde, weil er sich zu viel heraus genommen hatte. Deshalb verpasste er auch mehrmals günstige Gelegenheiten, mit dem Mädchen einfach in den Clinch zu gehen und eine Knutscherei anzufangen.

Es blieb Melanie nicht anderes übrig, sie musste selber die Initiative ergreifen.
Wenn vorhin erwähnt wurde, dass das schauspielerische Talent der Melanie nicht gerade Burgtheaterniveau hatte, so ist das zweifellos richtig. Über das natürliche erotische Talent einer jungen Frau, die sich noch dazu zu einem jungen Mann hingezogen fühlt, verfügte sie allerdings in völlig ausreichendem Maß, obwohl zu diesem auch eine gehörige Portion mimisches Geschick gehört. Und nachdem sie diesbezüglich alle Register gezogen und die beiden Aquarelle des Keith in höchsten Tönen bewundert hatte, gab sie ihm einen Kuss, dass Keith Hören und Sehen verging.

Keith hätte sicherlich noch jahrelang an einem Trauma gelitten, wenn er dieses so eindeutige, unmissverständliche Startsignal nicht zum Anlass genommen hätte, die Melanie „abzubusseln“, dass sich die Balken bogen. Und natürlich landeten sie schließlich in Melanies exquisit eingerichtetem Schlafzimmer.
Für Keith war das eine völlig neue Erfahrung. Kein billiges Hotelzimmer und auch nicht die Enge von Sandras kleinem Auto, sondern ein luxuriöses Ambiente und eine Partnerin, die man bereits zur Prominenz zählen konnte. Keith tankte an diesem Abend eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und Melanie war hingerissen von dem jungen Nachwuchsmaler.
Drei Tage später hatte Keith eine neue Anstellung. Als Assistent des Bühnenbildners einer Wiener Bühne, zu der der Verwandte Melanies, der ihr auch zum Fernsehen „die Rutschen gelegt“ hatte, über ein gewisses Nahverhältnis verfügte. Das „Vitamin B“ hatte sich wieder einmal bewährt.

Keith war selig! Und seine Seligkeit wirkte sich auch auf seine künstlerische Tätigkeit aus. In kurzer Folge entstanden Bilder, denen zweifellos ein gewisses künstlerisches Potenzial innewohnte.
Daneben betrieb Keith weiterhin das „Geschäft“ mit den Computergrafiken des Anselm Zenith. Nur, dass es kein Geschäft mehr war. Die Bestellungen, die kurz vor Melanies erstem Kauf begonnen hatten einzugehen, blieben aus. Keith überprüfte den Artikel im Rahmen der „Wikipedia“. Er war nach wie vor unverändert, Sandra hatte offenbar diesbezüglich nichts mehr gegen ihn unternommen. Aber dann, als Keith eben die Seite wieder schließen wollte, fiel ihm eine Kleinigkeit auf.

Nur eine Kleinigkeit, aber eine gravierende:
Sandra hatte die Seite mit www.anselmzenith.com verlinkt anstelle von www.anselmzenith.at. Damit landeten eventuell interessierte User auf Sandras mittlerweile erstellter, eigener Homepage, nicht auf jener des Keith!

Keith rief Sandras Seite auf und musste erfahren, dass sich Anselm Zenith entschlossen habe, aus der Anonymität heraus zu treten und seine Identität preiszugeben. Es handle sich um einen gewissen Jenö Fazekas, einen jungen Österreicher mit ungarischen Wurzeln, Student der Wirtschaftswissenschaften mit besonderer Begabung für grafisches Gestalten. Mit keinem Wort erwähnt wurde die Tatsache, dass Jenö gar nichts gestaltete, sondern diese Tätigkeit das von Jenö entwickelte Computerprogramm übernahm. Keith hatte wieder einmal die Wut, die er benötigte, um ein besonders aggressiv wirkendes Aquarell zu produzieren. Aber außerdem produzierte er auch eine erkleckliche Anzahl von Verbalinjurien, die er auf Sandras Mobilbox sprach, da sie seinen Anruf diesmal nicht entgegennahm.

Melanie, von dieser bodenlosen Gemeinheit von Keiths Verflossener und deren neuem Lover unterrichtet, ließ Keith ihre eigene, persönliche Art von Trost angedeihen, was Keith zwar sehr genoss, der an seinem Hass auf Sandra und ihrer penetranten Schießbudenfigur Jenö aber nichts änderte. Fürderhin wälzte Keith Pläne besonderer Art und schwärmte Melanie wiederholt vor, welch himmlisches Vergnügen es ihm bereiten würde, der Sandra eine „Wendeltreppe ins G’nack“ zu beißen, beziehungsweise dem Jenö „ein Aug auszusaufen“ und ihm die Nase „auf dreiviertel Zwölf“ zu drehen. Schließlich bekam Melanie Angst, ihr Keith könnte sich da tatsächlich „in etwas hinein theatern“ – und dieses „Etwas“ könnte möglicherweise nicht ganz mit der geltenden Rechtsordnung konform sein.

Es erwies sich als Segen, dass sich Melanie bei der Gestaltung ihrer wöchentlichen Fernsehsendung ein gewisses Mitspracherecht ausbedungen hatte, was deren Programmgestaltung betraf. Ihre Sendung war billige Unterhaltung, eine „Talk Show“ mit Gästen, die besonders die junge Generation ansprachen und die gedacht war, als Rahmenprogramm für Werbung, die sich an junge Käuferschichten wandte. Vor allem nutzten die konkurrierenden Mobilfunker Melanies Talk Show, aber auch Musikproduzenten und die Freizeit- und Sportindustrie.

So gelang es Melanie, auch den Jenö Fazekas einzuladen. Als junger Grafiker mit einem florierenden Vertrieb seiner Werke über das Internet war der „Anselm Zenith“ geradezu prädestiniert für ihre Sendung und Keith empfand das größte Vergnügen darüber, denn er konnte sich ausmalen, wie Sandra auf den Fernsehauftritt bei der „geilen Kuh“ Melanie Zeininger reagieren würde. Gegen die hegte ja die Sandra einigen Groll, seit Keith damals heimlich bei ihr gewesen war…

Die Differenzen zwischen Jenö und Sandra hielten sich aber tatsächlich im Rahmen, weil Sandra mittlerweile von der Vermarktung der Werke des Jenö in schönem Ausmaß profitiert und nichts gegen eine kostenlose, zusätzliche Werbung im Fernsehen einzuwenden hatte. Jenö musste nur schwören, „dem orgasmussüchtigen Trampel Melanie“ nicht auf den Leim zu gehen. Diesbezüglich bestand dann aber gar keine Gefahr. Denn Melanie zauberte im Verlauf des Gespräches mit Jenö plötzlich einen zweiten „Anselm Zenith“ aus dem Ärmel und die Sache wurde für die Zuseher plötzlich durchaus interessant.

„Herr Fazekas, dieser junge Mann, Keith Fischer, behauptet, schon vor Ihnen das Grafikprogramm zur künstlerischen Gestaltung benutzt und auch das Pseudonym „Anselm Zenith“ verwendet zu haben. Was sagen Sie dazu?“
Jenö war erst ziemlich perplex, als Keith plötzlich im Studio auftauchte.
„Was? Der Wichser? Der Nasenbohrer?“, stammelte er.
„Kennen Sie einander?“, bohrte Melanie weiter.
„Klar“, sagte Keith. „Der ungarische Flachlandtiroler is’ der G’schamsterer  von meiner Exfreundin Sandra. Und weil er schon dabei war, hat er si net nur mein Hasen unter’n Nagel g’rissen, sondern aa mein Grafikstil.“
„Sie bezichtigen also Herrn Fazekas des geistigen Diebstahls?“, hakte Melanie nach.
„Naa“, dehnte Keith. „Net wirklich. Die Sandra, den Trampel, kann er si am Bauch hauen, der Pusztag’scherte ! Und den Grafikstil, den er mir g’happt hat, aa. I brauch kein’ Blechtrottel, i kann selber malen.“
„Malen? Ja, Scheißhaustüren kann er anmalen“, höhnte Jenö. „Oder Ostereier, der kindische Halbdebile! Der hat ja kaa Ahnung, was a Pemstel  is!“
Worauf Keith eines seiner Aquarelle auspackte.
Jenö sah das Blatt misstrauisch an. „Des is von dir, du Limonadenjunkie? Des hast wo g’fladert !“
„Bitte, halt einmal“, bat Keith, drückte Melanie das Aquarell in die Hand und dann „pantschte“ er dem Jenö eine, dass ihm die Zähne wackelten. „So a Saubauch, so a depperter“, kommentierte er dabei.

In einem Fernsehstudio ist genügend Personal vorhanden, um die Schlägerei zweier Jugendlicher verhindern zu können. Und dieses Personal griff nun auch ein, während der Bildregisseur alle Hände voll zu tun hatte, die günstigste Kamera auf Sendung zu schalten. Zum ersten Mal bei Melanies Talk Show gab es „echte Action“. Und das in einer Sendung, die Kunst zum Gegenstand hatte!

Na ja, nicht wirklich. Denn auch bei Kunst interessiert das einfache, breite Publikum mehr das, was an Menschlichem dahinter steckt. Ob der Künstler mit seinem Modell „was hatte“, interessiert mehr, als der Stil und der künstlerische Wert eines Werkes. Und die Medien wären blöd, wenn sie das nicht ausnützen würden! Jedenfalls verschaffte die gerade noch verhinderte Prügelei sämtlichen Beteiligten ungeheure Popularität. Der Journalist, der das erste Werk Anselm Zeniths erstanden hatte, führte am nächsten Tag ein Interview mit Keith Fischer. In diesem gab Keith bekannt, dass er sich von seinem Pseudonym verabschieden würde. In Zukunft würde er seine Aquarelle mit „Zacharias Azimut“ signieren, was, wie erster und zweiter Buchstabe der beiden Namen leicht erkennen lassen, wieder so eine Buchstabenspielerei darstellte.

Die Computerspielereien mit dem Grafikprogramm könne dieses bucklige Hundsviech Jenö gern unter dem Namen Anselm Zenith weiter vertreiben, mit Kunst habe das eh nix zu tun, höchstens mit der Selbstinszenierung eines grenzdebilen Bubis, das glaube, die Öffentlichkeit wäre auf der Nudelsuppe daher geschwommen.
Dieses Interview bedeutete zwar nicht ganz das „Aus“ für Jenös Internetgeschäfte, seine Verkäufe stagnierten allerdings.

Und Zacharias Azimut wurde nicht nur ein gefragter Maler, sondern auch ein Bühnenbildner, der besonders von innovativen Regisseuren viel beschäftigt wurde, insbesondere nachdem ein aufstrebender Jungregisseur den Hamlet in einer Dekoration hatte spielen lassen, die eine öffentliche Bedürfnisanstalt darstellte, mit von Zacharias Azimut bemalten Klomuscheln.

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