Buchrezensionen

Katrin Dyballa: Georg Pencz. Künstler zu Nürnberg, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft 2015

Er war einer der drei »Gottlosen Maler von Nürnberg« und löste Albrecht Dürer als DEN Nürnberger Maler nach dessen Tod ab: Georg Pencz. Ein großer Name also, der aber in der Kunstgeschichte bisher kaum ausreichend gewürdigt wurde. Katrin Dyballa ändert das nun mit ihrer Untersuchung zu Leben und Wirken des Nürnbergers. Ulrike Schuster hat das Werk mit Freuden gelesen.

Wer war Georg Pencz? Das fragt die vorliegende Publikation, fragen sicherlich auch viele kunstinteressierte Leserinnen und Leser. Der Meister aus Nürnberg zählt zu den großen Unbekannten der Kunstgeschichte. Völlig zu Unrecht wie Katrin Dyballa befindet! Um diesem Manko abzuhelfen, legt sie einen prachtvoll-opulenten Bildband vor, das Porträt eines ausgesprochen vielseitigen Künstlers.

Die Basis zu ihrer umfangreichen Monographie bilden umfangreiche Studien, Dyballas Magisterarbeit, sowie ihre 2010 abgeschlossene Dissertation an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Über viele Jahre hinweg hat die Verfasserin akribisch Fakten zusammengetragen und einen kritischen Werkkatalog erstellt – das erste umfassende Inventar des Künstlers. Das bildnerische und druckgraphische Œuvre sowie schriftliche Quellen aus den Archivalien des Nürnberger Stadtarchivs sind im Katalogteil wiedergegeben. Die Verfasserin arbeitet nicht nur an der Rekonstruktion der Künstlervita, sondern drängt auch auf die Revision einer Reihe von Mutmaßungen und Legenden über Georg Pencz.

Zu seinen Lebzeiten war er ein hochgeschätzter und offenbar auch viel beschäftigter Künstler. Über seine Herkunft und das genaue Geburtsdatum ist wenig bekannt, doch kam er in jungen Jahren nach Nürnberg und wurde dort 1523 in die Bürgerschaft aufgenommen. Die ältere Kunstgeschichtsschreibung hätte ihn deshalb gerne als Schüler von Albrecht Dürer gesehen. Doch die Autorin widerspricht der populären These: Es fehlten handfeste Beweise für eine Ausbildung in der Dürer-Werkstatt!

Vielfach dokumentiert ist dagegen die Freundschaft des Protagonisten zu den Malerbrüdern Barthel und Hans Sebald Beham. Diese wiederum wäre Pencz um ein Haar zum Verhängnis geworden, im Zuge des sogenannten Gottlosenprozesses von 1525. Eine Gruppe von jungen Künstlern, darunter die Genannten, wurden beschuldigt, Anhänger der radikalen Ideen von Thomas Münzer und Karlstadt zu sein. Die Angeklagten wurden inhaftiert, mehrfach vernommen und schließlich der Stadt verwiesen. Dank eines prominenten Fürsprechers, Melchior I. Pfinzing, Probst von Sankt Sebald, durften die Abtrünnigen jedoch kurze Zeit darauf bereits wieder in die Reichsstadt zurückkehren.

Pencz gelang im Anschluss daran, insbesondere ab den 1530er Jahren, eine äußerst erfolgreiche Karriere. Den Ruf als „gottloser“ Maler hatte er offenbar bald schon wieder abgelegt, arbeitete an kirchlichen, auch an katholischen Aufträgen und wirkte ab 1532 im Dienste des Nürnberger Magistrats. 1550 stand Pencz auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Albrecht von Brandenburg-Ansbach berief ihn als Hofmaler nach Königsberg. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Auf der Reise nach Königsberg verstarb er unter nicht näher bekannten Umständen in Breslau. Er dürfte um die fünfzig Jahre alt geworden sein.

Künstlerisch hat Pencz ein reichhaltiges, vielseitiges Œuvre hinterlassen. Als junger Künstler betätigte er sich vorrangig als Kupferstecher. Die lange schon geäußerte Vermutung, Pencz sei identisch mit dem Meister der Initialen IB, wird von Dyballa befürwortet und mit Bildvergleichen untermauert. Darüber hinaus war er ein virtuoser, vielgefragter Porträtist, reüssierte vor allem in der Schicht des neuen, aufstrebenden Bürgertums. Genauso souverän beherrschte er aber auch das Repertoire der Historienmalerei, der Allegorie, sowie ein für die damaligen Verhältnisse völlig neues Genre der Malerei: er entwarf illusionistisch-figürliche Deckenszenen mit perspektivisch verkürzten Architekturstücken.

Pencz fungierte während seines gesamten Schaffensprozess als Brückenbauer zwischen Spätgotik und Renaissance, zwischen nordischer Tradition und italienischen Einflüssen. Dementsprechend wurde immer wieder über mögliche Italienreisen des Künstlers spekuliert. Zwei an der Zahl sollen es gewesen sein, die letztere ihn angeblich bis nach Rom geführt haben, wo er Michelangelos Fresken aus der Sixtina kopierte. Doch auch in diesem Zusammenhang mahnt Dyballa zum kritischen Blick in die Quellen, denn für längere Aufenthalte des Künstlers in Italien fehlen einmal mehr stichhaltige Belege.

Vielmehr weist die Verfasserin darauf hin, dass der künstlerische Transfer diesseits und jenseits der Alpen in jenen Tagen bereits voll im Gange war. Die regen Geschäftsbeziehungen der Kaufleute sorgten für den Austausch von Zeichnungen, Druckwerken und Gemälden, und in Nürnberg hatte sich bereits eine Schicht von Kunstkennern und Sammlern etabliert. Viele Motive der italienischen Malerei gehörten in den deutschen Landen schon längst zum gängigen Repertoire. Pencz beschränkte sich jedoch nicht nur auf eine Übernahme oder das getreuliche Kopieren von Vorlagen. Er entwickelte ein eigenständiges Œuvre. Seine qualitätvollen Werke und sein Erfindungsgeist ließen ihn zu einem der meistgeschätzten Künstler seiner Zeit werden.

Wie konnte ein Maler und Zeichner von seinem Format einfach so in der Versenkung verschwinden? Vermutlich wurde es ihm einfach nur zum Verhängnis, dass sich zu Lebzeiten kein Biograf für ihn fand. Die Künstlerviten aus dem 16. Jahrhundert erwähnen Georg Pencz allerhöchstens am Rande. Erst über ein Jahrhundert später, in der »Teutschen Academie« des Joachim von Sandrart von 1675, fand sein Name Einlass, und damit zugleich die Legenden und Topoi, die nachfolgende Historikergenerationen ungefragt übernahmen. Die Charakterisierung als »Kleinmeister« ließ gleichfalls Interpretationsspielräume für Missverständnisse. Ein Meister im Kleinen war Pencz im Bereich seiner Kupferstiche, doch beherrschte er ebenso virtous die Komposition im Großen, bis hin zum Entwerfen von ganzen Deckengemälden! Die Wiederentdeckung dieses großen »Unbekannten« ist mehr als gerechtfertigt.