Buchrezensionen

Khanh Trinh, Matthew McKelway: Rosetsu. Fantastische Bilderwelten aus Japan, Prestel 2018

Nicht zuletzt durch seine außergewöhnlichen, eigenwilligen Maltechniken erlangte Rosetsu in seiner japanischen Heimat bereits zu Lebzeiten eine gewisse Bekanntheit. Eine Ausstellung im Museum Rietberg Zürich widmet sich dem Werk dieses Ausnahmekünstlers, der lange Zeit lediglich im Schatten seines berühmten Lehrers Maruyama Ōkyo betrachtet wurde. Susanne Gierczynski hat sich den Katalog zur Ausstellung genauer angesehen.

Nagasawa Rosetsu (1754-1799), japanischer Maler, unkonventionelle Persönlichkeit, begabt und rebellisch zugleich, mit einer kühnen Verwendung des Pinsels und einem Einfallsreichtum der Kompositionen, der seinesgleichen sucht, wird mit mehr als 50 Arbeiten im Begleitkatalog der Ausstellung „Rosetsu. Fantastische Bilderwelten aus Japan» erstmals monografisch dem europäischen Publikum vorgestellt.

Rosetsus Auftragsarbeiten, die sich auf Stellschirmen, Bildrollen, Alben und Fächern präsentieren, sind Malereien, die für Tempel und Privatpersonen geschaffen wurden. Rosetsus Empathie für spielende Kinder, Hunde, Vögel und Insekten äußert sich ebenso in seiner Malerei wie sein Sinn für Dramatik in Landschaften oder für Begegnungen zwischen Löwen und Drachen.

Mit einer zunehmenden Abkehr von der realistischen Manier seines Lehrers Maruyama Ōkyo (1733-1795) verwendete Rosetsu auch weniger gebräuchliche Techniken und Werkzeuge, wie grobe Pinsel oder den Einsatz der Finger und Handflächen, beim Malen. Wie er selbst vermerkte, malte er auch in betrunkenem Zustand, was seinem zunehmenden Interesse an spontaner Malerei entsprochen haben dürfte. Er übte unter anderem die so genannte haboku-Technik aus (jap. haboku: gespritzte Tusche) und die unkonventionelle Methode des sekiga (wörtlich »vom Sitzplatz aus malen«).

Das Autorenduo Khan Trinh und Matthew P. McKelway hat sich Rosetsus Werk in zwei Aufsätzen gewidmet. 1782 begründete Rosetsu in Kyoto eine eigene Werkstatt, in eben dem Jahr, als eine sechsjährige Hungersnot in weiten Teilen Japans ausbrach. Erschwerend kam eine gestiegene Anzahl von Malschulen seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hinzu, die die künstlerische Konkurrenz auf dem Markt verschärfte. Rosetsu scheint ein geschickter und einfallsreicher „Manager“ seiner Kunst gewesen zu sein. Er unterhielt nicht nur einen langjährigen, wenn auch nicht konfliktfreien Kontakt zu seinem angesehenen Lehrer Ōkyo, sondern knüpfte Beziehungen zu den Priestern wichtiger Zentren des Zen-Buddhismus in Kyoto. Wie Khan Trinh aufschlussreich bemerkt, entsprach die Zen-Lehre Rosetsus eigenem Temperament, indem man strenge Regeln und Konventionen zurückwies, den Verstand mittels scheinbar paradoxer und unlogischer Denkprozesse schärfte und einen bodenständigen Humor pflegte. Die Entwicklung seiner Malerei legt davon beredtes Zeugnis ab.

Zugleich setzte sich mit zunehmender Reifung des Künstlers seine „Vorliebe für Neuartiges, seine technische Virtuosität und das Element der Überraschung“ durch. Matthew P. McKelway sieht in jener Charakteristik Rosetsus Erfolg insbesondere im Kyoto der Kansei-Ära (1789-1801) begründet. Rosetsus Landschaften jener Jahre wie „Der Berg Fuji und der Satta-Pass“ oder der „Nachi-Wasserfall“ reichen laut McKelway an surreal zu nennendes Formenvokabular heran, das ihn eindeutig von dem räumlich plausiblen Illusionismus seines Lehrers Ōkyo abgrenzt.

Zusehends entwickelte sich Rosetsus Technik zu einer umriss-freien Tuschezeichnung hin, in dem er mehrere Schichten von Lavierungen nacheinander auftrug. „Kraniche fliegen am Berg Fuji vorbei“ (1794) ist eine Tusche-Arbeit auf Seide für eine Hängerolle, die während Rosetsus Aufenthalt in Hiroshima entstand. Ein Aufenthalt, der sein längster und produktivster sein sollte. Rosetsu erzeugt die Illusion, als befände sich die Position des Betrachters weit oben in den emporsteigenden Nebeln, etwas erhöht über dem Vogelschwarm. Auch technisch zeichnet sich diese Arbeit durch eine hohe Raffinesse aus. Mit „Vögel, Tiere und Blumen“ (um 1794), einer weiteren Tusche-Arbeit auf Seide, schuf Rosetsu ein Werk „monumentalen Ausmaßes“, das seinen unterschwelligen Humor und sein hohes Maß an Einfühlungsvermögen in die Tierwelt bezeugt.

McKelway konstatiert einen spürbaren Umbruch im Stil Rosetsus nach seiner Rückkehr aus Hiroshima. Strenge, fast gleichberechtigte Linien, die dem Motiv Dynamik verleihen, zeugen von Rosetsus Verlangen, „das visuelle Drama auf seinen Höhepunkt hin zu treiben“. Der wohl durchdachte, naturalistische Ansatz seines Lehrers tritt in den Hintergrund. „Tiger und Drache“ (1786) legt Zeugnis von dieser Haltung des reifen Rosetsu ab. Ferner scheint Rosetsus Verbindung zu dem konfuzianischen Gelehrten und Maler Minagawa Kien (1734-1807) dazu beigetragen zu haben, dass sich seine individualistischen Tendenzen weiterentwickelten. Aus den letzten beiden Lebensjahren Rosetsus datieren vier Werke, „Yamauba“ und „Guan Yu“, sowie „Der Brand der Großen Buddha-Halle“ und „Fünfhundert Arhats“. Gemeinsam ist diesen Arbeiten das Groteske, Spontane oder in seinem Erscheinungsbild Erstaunliche.

Die spannende Entdeckung dieses künstlerischen Kosmos vermag der vorliegende Katalog in kongenialer Weise zu ermöglichen. Der Katalogteil mit zum Teil ausklappbaren Falttafeln bespricht mit Begleittexten ausführlich die hochwertig reproduzierten Abbildungen. Im Anhang werden neben der ausführlichen Bibliografie sowohl historische Texte, die Bezug auf Rosetsu nehmen, als auch ein Brief Rosetsus und ein Leitfaden zu seinen Signaturen und Siegeln dem Leser an die Hand gegeben.
Rosetsu gilt es lesen zu lernen, der vorliegende Katalog schafft beste Voraussetzungen dafür.

Titelangaben

Khanh Trinh, Matthew McKelway
Rosetsu. Fantastische Bilderwelten aus Japan
Prestel, ISBN: 978-3-7913-5725-6, Ladenpreis 49,00 €