Buchrezensionen

Roger Fayet, Regula Krähenbühl, Bernhard von Waldkirch (Hrsg.): Wissenschaft, Sentiment und Geschäftssinn. Landschaft um 1800, Scheidegger & Spiess 2017

2012 richtete die Ausstellung »Adrian Zingg – Wegbereiter der Romantik« den Blick auf einen etwas vergessenen Künstler, der insbesondere die Landschaft der Sächsischen Schweiz bekannt machte und mit seinen Bildern wohl als einer der Väter der Romantik gelten kann. Ihm und dem Umgang mit der Landschaft um 1800 widmete sich auch eine Tagung. Andreas Maurer hat den Tagungsband gelesen.

Zeitreise in das Jahr 2012: Damals fand nicht nur die Ausstellung »Adrian Zingg – Wegbereiter der Romantik« (eine Zusammenarbeit des Kunsthaus Zürich mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) statt, sondern in Kooperation mit beiden Institutionen auch eine Tagung unter dem Titel: »Wissenschaft, Sentiment und Geschäftssinn. Landschaft um 1800«. Ziele der Schau und des Kolloquiums waren diese wenig beachtete Epoche der Landschaftsdarstellung in neues Licht zu rücken, sie neu zu definieren und darüber hinaus insbesondere die Leistungen des Schweizer Künstlers Adrian Zingg in einen kunsthistorischen Kontext einzubetten. Der nun vorliegende Sammelband bündelt die Vorträge und Erkenntnisse, in ergänzter und überarbeiteter Form, für die kunsthistorisch interessierte Gegenwart.

Das ist freilich für das Auge hübsch aufbereiteter Ausstellungskatalog, sondern ein wissenschaftliches Werk, welches bei seiner Leserschaft das mit der Materie verbundene Randwissen voraussetzt. Als Belohnung winken dafür Texte, die wesentlich zu einem neuen Verständnis von Landschaftsdarstellungen an der Epochenschwelle um 1800 beitragen. Vielleicht um sich auch optisch von anderen Publikationen zu diesem Thema abzugrenzen, wurde bei diesem Druck sogar auf ein medienwirksames Umschlagbild verzichtet. Der Klappentext selbst, nach außen gestülpt, zeichnet hier mit Worten das Porträt der »kunsthistorischen Landschaft« – ein spannender Einfall!

Dahinter verbergen sich nicht weniger als vierzehn Beiträge, allesamt verfasst von namhaften Autorinnen und Autoren (Bernhard von Waldkirch, Matthias Oberli, Andrea Bell, Martin Kirves, Oskar Bätschmann, Werner Busch, Andreas Rüfenacht, Anke Fröhlich–Schauseil, Sabine Weisheit–Possél, Steffen Egle, Saskia Pütz, Christian Féraud, Frauke V. Josenhans und Tobias Pfeifer–Helke). Für die Herausgabe des Druckwerkes sowie Konzept und Organisation der Tagung von 2012 waren beim Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft (SIK–ISEA) Direktor Roger Fayet und die Leiterin des Wissenschaftsforums Regula Krähenbühl besorgt (beide schrieben auch das Vorwort zur Publikation). Vom Kunsthaus Zürich zeichnete der Kurator der Grafischen Sammlung Bernhard von Waldkirch (er verfasste einen einführenden Text) verantwortlich.

Nicht nur die Autorenschaft, auch die inhaltliche Gliederung des gegenwärtigen Buches folgt ganz dem Kolloquium von 2012 und gliedert sich in zwei große Bereiche: Auf der einen Seite »Konzepte und Sehweisen der Landschaft«, auf der anderen die wissenschaftliche Aufarbeitung von »Medien, Produktion und Markt«. Der zweite Teil nimmt dabei vermehrt Bezug auf das Werk und die Arbeit Adrian Zinggs, davon ausgehend auch auf die Entwicklung der Landschaftsvedute sowie ihre wechselwirkende Beziehung mit dem um 1800 aufkeimenden »neuen« Tourismus und dessen Wunsch nach optischen Souvenirs und speziellen Bildtypen.

Möglicherweise erklärt Wissenschaftlichkeit der Texte auch das Fehlen ganzseitiger Abbildungen. Die abgedruckten Beispiele und Vergleichsbilder lassen beim Leser dennoch keinen Wunsch offen – nicht nur die selektive Auswahl der Illustrationen ist sehr gut gelungen, sondern handelt es sich hierbei auch um gestochen scharfe Auflösungen, größtenteils in Farbe.

Angehängt an die jeweiligen Beiträge finden sich weiterführende Informationen, darunter auch eine deutsche Kurz–Zusammenfassung des englischen Textes von Andrea Bell. Ans Ende der Publikation setzte man zwei Register, eines mit den in den Kapiteln erwähnten Personen, Ortsnamen und geografischen Bezeichnungen, angereiht ein weiteres mit Kurzbiografien der Beitragenden. Vergeblich sucht man jedoch nach einem weiterführenden Literaturverzeichnis – einerseits verständlich bei einer straff organisierten wissenschaftlichen Herausgabe, nett wäre es aber dennoch gewesen.

Inhaltlich bleiben dafür beinahe keine Fragen offen: Es geht um die Entdeckung der heimischen Landschaft, deren reale und subjektive Wahrnehmung aber auch um die Betrachter im Bild. Man behandelt Einflüsse von Zeichenschulen neben jenen von optischen Hilfsmitteln wie Fernrohr und Claude–Glas. Reproduzierbarkeit und Vermarktungsstrategien von Landschaften um 1800 zählen genauso zu den Themen wie das Motiv an sich.

»Kunstproduktion und Tourismus«, »Entdeckung neuer Landschaften«, »Wiedererkennbarkeit landschaftlicher Motive«, »Anleitungsbücher zur Landschaftskunst« (von Ferdinand Kobell, Jakob Philipp Hackert und Adrian Zingg), »Popularisierung einer neuen Landschaftsauffassung«, »Schreckensbild Gletscher« – all diese Themen, und etliche mehr, werden innerhalb des dreihundert Seiten starken Sammelbandes angeschnitten oder im Detail ausgearbeitet.

Wie bei der Tagung und der dazugehörigen Ausstellung von 2012 widmet sich ein großer Teil des Buches dem Werk und Wirken von Adrian Zingg, seiner Lehrtätigkeit, aber auch seiner Dresdener Werkstatt, die ihrerseits eine ganze Generation von Landschaftszeichnern zu prägen vermochte (darunter Zinggs Schüler Ludwig Richter). Schweizerische und deutsche Landschaftsdarstellungen vom Ende des 18. Jahrhunderts galten im Vergleich mit den Meisterwerken des 17. Jahrhunderts oder der Romantik noch bis vor wenigen Jahren als »kleinmeisterlich« und wurden dementsprechend lange vernachlässigt. Vielleicht war dies ein Grund dafür, dass man Zingg, der unbestritten zu den wohl einflussreichsten Vertretern der Landschaftsdarstellung zwischen europäischer Aufklärung und Dresdener Frühromantik gezählt werden kann, erst 2012 die erwähnte Aufmerksamkeit schenkte. Mit seinem Schweizer Landsmann und Künstlerfreund Anton Graff dokumentierte er in zahlreichen Ansichten die Landschaft des Elbsandsteingebirges, die seither als Sächsisch–Böhmische Schweiz bekannt wurde. Zinggs großformatige Sepiablätter beeinflussten eine ganze Generation bis hin zu Caspar David Friedrich. Seine Motivwahl und Landschaftsauffassung prägten darüber hinaus die Souvenirproduktion des frühen Tourismus.

Jedoch: Erst in jüngerer Vergangenheit setzte ein Umdenken ein, das diese Epoche als Forschungsfeld für die Kunstwissenschaft erschloss. Wie eingangs erwähnt, war es ausgesprochenes Ziel der Tagung, nicht nur Zinggs, sondern die Bedeutung der gesamten Landschaftsdarstellung um 1800 vor dem Hintergrund der gewonnenen Erkenntnisse neu zu definieren und gemeinsam mit den Leistungen des schweizerischen Malers und Kupferstechers in einen kunsthistorischen Kontext einzubetten. Mit dieser Publikation scheint es gelungen. Warum aber zwischen Tagung und Druck fünf Jahre vergehen mussten, bleibt ein Rätsel.