Ausstellungsbesprechungen

Achim Kubinski, Angelika Wiesenthal - Zeichnungen

Zunächst drei Fragen an die Leserschaft: Erstens: Wer kennt das Museum Ludwig nicht? Aha, wenige. Zweitens: Wer kennt die Simultanhalle in Köln nicht? Aha, viele! Drittens: Und wer hätte gedacht, dass die Künstlerin Angelika Wiesenthal, die in den 1970er Jahren für Furore sorgte, gar keine Künstlerin ist, sondern nur ein Gedankenkonstrukt, ein Konzept von Achim Kubinski? Aha, Verwirrung…

Zur Klärung dieser Verwirrung stellt die Simultanhalle, die seinerzeit als Modellbau für das Museum Ludwig fungiert hatte, in Köln-Volkhoven eine Auswahl aus dem schier unermesslichen Bilderschatz von Achim Kubinski aus. Die Angelika Wiesenthal-Zeichnungen bescherten der vermeintlichen Künstlerin Ende der 1970er Jahre beeindruckenden Erfolg. Im Alter von 21 Jahren schien sie schon alles erreicht zu haben:

eine Förderkoje auf dem Internationalen Kunstmarkt Düsseldorf 1980 und den Kunstpreis der Jugend, sowie einen Katalog und eine Ausstellung mit dem Maler Christian Brügge.

 

Was damals allerdings kaum jemand ahnte: Angelika Wiesenthal und Christian Brügge – ebenso der Bildhauer Stefan Ravena – waren an ihrer Kunst urheberrechtlich so sehr beteiligt wie manch bekannter Superstar an der Komposition seiner Liedchen. Achim Kubinski hatte schlicht und ergreifend Kunst im Namen fiktiver Personen vermarktet und auf diese Weise dem Kunstmarkt ein Schnippchen geschlagen. Der allerdings merkte davon wenig und biss sofort an! Hin und weg von Charme und Erscheinung der jungen Künstlerin Wiesenthal lag es fern zu vermuten, dass hier eine Art Betrug vorlag.

# Page Separator #

Ihre Zeichnungen sind nun noch bis zum 9. Juni in der Simultanhalle zu sehen, und wirken als seien sie für genau diese Ausstellungshalle gemacht worden. Die großformatigen Papierbögen mit dem bunten »Gestrichel« treten in dem kubusähnlichen Raum mit den weißen Mauerwänden gleichermaßen hervor und passen sich unauffällig seiner Weitläufigkeit an.

 

Zu sehen gibt es auf den ersten Blick nicht allzu viel, denkt man. Die Zeichnungen sind teilweise stark beschädigt, zerknittert, an manchen Stellen eingerissen und nicht gerahmt. Mit Nägeln sind sie an die Wände montiert, nur wenige kleinformatige Werke befinden sich in schlichten Wechselrahmen. Mit den Blitzen, Zickzackmustern und Dreiecken erinnern die Grafiken ein wenig an die Rollläden in Kinderzimmern der 1980er Jahre. Mal größer, mal kleiner, mal bunter, mal monochromer erscheinen die vielfarbigen Zeichnungen, die wie Telefongekritzel anmuten. Tatsächlich entstanden die Bilder nach und nach in zufälligen Situationen: In einem Café kritzelt Kubinski etwas, knüllt das Papier in die Hosentasche, findet es später wieder und setzt die Zeichnung fort. Ein unkoordinierter Schaffensprozess für ein durch und durch überlegtes System.

# Page Separator #

Kubinskis Zeichnungen trafen den Nerv der Zeit. Dieses Wirrwarr, dieses Wilde, dazu die schöne Angelika Wiesenthal – ein Plan, der aufging und heute wieder fasziniert, da man sich fragt: Wie kommt man auf so eine absurde, witzige Idee? Einer wie Achim Kubinski, der in den 1970er Jahren mit seinen Künstlererfindungen den Kunstwahnsinn und das explodierende Interesse an allem, was mit Kunst zu tun haben könnte, aufs Glatteis führte, fügt sich da hervorragend in dieses off-Broadway-Bestreben.

 

Kein Aufsehen zu erregen scheint die Botschaft dieser Bilder zu sein, die einst den Kunstmarkt aufmischten. Alles scheint an der Präsentation der Wiesenthal Zeichnungen schlüssig: Fernab der Kölner Innenstadt, des Museums Ludwig, dem Kunstverein, der artothek und den sich eng aneinander reihenden Galerien der Szeneviertel stößt man im Stadtteil Volkhoven inmitten von Autobahnzubringern und Bahnhöfen im 1960er Jahre-Betonfuturismus auf die Simultanhalle. Sie ist eine nicht-kommerzielle Ausstellungshalle, die bei all der Verwandtschaft zum Museum Ludwig so viele Unterschiede aufweist: Das junge Organisatorenteam bestehend aus Kunsthistorikern und Künstlern tut das, was heute im Kunstbetrieb eine echte Seltenheit geworden ist: Es bemüht sich um sein Publikum. Bei Vernissagen werden Getränke und Schmalzschnittchen gereicht, es gibt Musik, Tanz und Lagerfeueridylle. Alles ist handgemacht, die Kuratoren sind zu gleichen Teilen für die Hängung der Bilder als auch für das Schrubben des Fußbodens zuständig.

 

Im Jahr 1982 hat Achim Kubinski die Werke der fiktiven Künstlerin in eine Kiste gepackt und seitdem nicht wieder angerührt. Jetzt sind die Angelika Wiesenthal Zeichnungen in der Simultanhalle in Köln-Volkhoven zum ersten Mal wieder zu sehen. Und zum ersten Mal unter dem Namen des wirklichen Künstlers.

 

Öffnungszeiten

Samstag 14-18 Uhr
und nach Vereinbarung

 

Diese Seite teilen