Ausstellungsbesprechungen

Adam Elsheimers "Flucht nach Ägypten" in der Alten Pinakothek München

Im Schutz der Dunkelheit fliehen Joseph und seine Familie vor den Häschern des Herodes, der auf den neu geborenen, geweissagten König eifersüchtig ist und um seine Macht fürchtet. »Stehe auf«, hatte ein Engel dem Joseph befohlen, wie das Matthäusevangelium berichtet, »und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und flieh nach Ägyptenland und bleib allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, dass Herodes das Kindlein suche, dasselbe umzubringen.

Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich nach Ägyptenland.« (Mt. 2,13f.) Das Thema wurde unzählige Male in der Kunstgeschichte aufgegriffen, doch dass es ganz nach dem Bibeltext mitten in die Nacht verlegt wurde, ist ein Novum zu Beginn des 17. Jahrhunderts (das Nachtbild wird im selben Jahrhundert noch manche Highlights hervorbringen, besonders in den Niederlanden). Und kaum einer hat die Szene so ergreifend aus der knappen Textvorlage übertragen wie Adam Elsheimer.

 

Sein Gemälde »Flucht nach Ägypten« ist nun Mittelpunkt einer der schönsten Ausstellungen dieses Winters. Irgendwie war es den regelmäßigen Besuchern der Alten Pinakothek, zu deren Grundbestand das Bild gehört – es kam 1805/06 nach München -, immer bewusst, dass es sich um einen besonderen Schatz handelt: Während Altdorfers große »Alexanderschlacht« in unmittelbarer Anschauung immer fast enttäuschend klein wirkte, so war man überrascht über das winzige Format von Elsheimers Kupferplatte – das Bild misst nur 31 x 41 cm. Dennoch fiel es bereits nach seiner Entstehung 1609 auf, was die vielen Kopien und Repliken beweisen, darunter immerhin Arbeiten von Rubens und Rembrandt.

 

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Schön und gut, wird so mancher denken: warum nun eine solche Schau um das Bild? Die Antwort mag verblüffen: weil es eine Sternstunde für die Kunstgeschichte zu dokumentieren gilt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Faszinierend ist der Sternenhimmel Elsheimers allemal, und den Mond, der im Bild nur eine von vier Lichtquellen ist (neben seinem eigenen Spiegelbild im Wasser, dem Feuer des Hirten und der Fackel in Josephs Hand), hat spätestens die Romantiker in seinen Bann gezogen. Doch wenn man bisher bei aller Begeisterung auch die Freiheit der Kunst vor der naturwissenschaftlichen Erkenntnis festhielt – bei einem solchen Vollmond würde der Himmel nie so sternensatt übertupft sein, dass man die Milchstraße erkennen könnte - , so kann man nun mit Fug und Recht genau diesen nach wie vor stimmigen Sachverhalt überbieten. Der Kurator der Ausstellung, Marcus Dekiert, der auch für den fulminanten Katalog verantwortlich zeichnet, tritt den Beweis an, dass Adam Elsheimer wissenschaftlich seiner Zeit voraus war, oder besser gesagt, dass er wohl über ein Instrument verfügte, von dem die Welt außerhalb der Studierstuben erst 1610 – ein Jahr nach dem Bild - Kenntnis nahm: das Fernrohr.

Eifrige Zählfinger haben den Nachthimmel auf dem Gemälde beackert und rund 1200 Sterne ausgemacht. Und das Sensationelle ist, dass Elsheimer nicht nur die Milchstraße klar und deutlich darstellte – wo viele Zeitgenossen noch die Milch aus der Göttinnenbrust bemühen mussten - , sondern dem Mond auch Krater einprägte, die mit bloßem Auge kaum erkennbar gewesen sein dürften. Dekiert bat die Astrologen des Deutschen Museums in München um Schützenhilfe. So kam ein wunderbares Zusammenspiel in Gang und das Ergebnis war überwältigend: Elsheimer hatte seine »Flucht nach Ägypten«, gezeichnet auf der Rückseite »Roma 1609«, in der Nacht des 16. Juni dieses Jahres vor Augen, den Himmel hatte er um 21.45 Uhr auf seiner Linse! 

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Galileo Galilei war kaum früher dran mit seiner Himmelsbeobachtung, und es scheint sicher zu sein, dass Elsheimer durch eigene Anschauung erfasst haben musste, was der Wissenschaftler im Folgejahr publizierte. Es ist selten der Fall, dass einen die Gänsehaut überzieht beim Betrachten einer Ausstellung. Doch die Einbindung des singulären Kunstwerks in die kunsthistorische Umgebung des Elsheimerschen Oeuvres (»Der Brand von Troja« u.a.) und das seiner malenden Kollegen (von Brueghel bis Rubens u.a.m.) sowie in den wissenschaftlichen Kontext der Zeit (mit wertvollen astronomischen Instrumenten aus dem Deutschen Museum) und den heutigen Kenntnisstand über Fotoaufnahmen der Milchstraße macht diese kleine Schau zu einem Augenschmaus.

Als Zugabe kann man die Foto-Arbeiten des Düsseldorfer Künstlers Thomas Ruff (geb. 1958) im Kabinett 1 der Alten Pinakothek verstehen, der sich – wie beispielsweise auch die Stuttgarter Malerin Ute von Heubach (d.i. Ute Zeller, geb. 1962) – aus heutiger Sicht dem Thema des Sternenhimmels nähert. Ruff hat in seiner Serie von insgesamt etwa 140 Werken vorgefundenes Fotomaterial verfremdet, um so dem nüchternen Sternenverständnis die atmosphärisch anrührenden Zugänge nicht zu verschließen. Nichts anderes hatte ja auch Adam Elsheimer im Sinn, wenn er die Himmelskörper einen Kick zu groß, und die Konstellation einen Dreh anders malt, als er sie gesehen hat – schließlich ging es ihm ja um ein religiöses Thema unendlicher Tragweite. 

Und noch ein letztes, eine Zugabe am Rande, die den Rahmen für die schöne Schau gibt und inszenatorisch geschickt gewählt ist: Zeitgleich wurde nämlich das alte Klenze-Portal am Ostflügel der Alten Pinakothek mit den nun von dort zugänglichen neuen Ausstellungsräumen eröffnet. Der beauftragte Architekt war Volker Staab.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Täglich außer MO 10.00 - 17.00

DI 10.00 - 20.00

 

Eintritt

6,- EURO / erm. 4 EURO

Jugendliche unter 18 Jahren 2,- EURO

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