Ausstellungsbesprechungen

Adolph Friedländer: Lithographien und Plakate, TheaterFigurenMuseum Lübeck, bis 9. Juni 2014

In eine halbvergessene Welt entführt den Besucher eine Ausstellung im Lübecker TheaterFigurenMuseum, das einem erfolgreichen Marionettentheater angeschlossen ist. Sie zeigt Plakate aus der Werkstatt Adolph Friedländers, eines zu seiner Zeit weltweit erfolgreichen Lithografen. Stefan Diebitz hat die Ausstellung besucht.

Das TheaterFigurenMuseum in Lübeck versteckt sich in einer kleinen Gasse ganz in der Nähe des Holstentors und überrascht mit einer erstaunlichen und bunten Fülle von Puppen und Marionetten, Musikinstrumenten und Kulissen aus buchstäblich aller Welt. Die ständige Ausstellung ist nicht allein aus künstlerischen Gründen interessant, sondern auch eine Fundgrube für jeden ethnografisch interessierten Besucher.

Außerdem finden sich zahlreiche Plakate im Fundus des Museums. Daraus werden in diesem Frühjahr in einer kleinen, aber äußerst intensiven Ausstellung 29 schöne Plakate Adolph Friedländers gezeigt, eines in Hamburg tätigen Lithografen, der mit seinen Arbeiten für das Varieté, den Zirkus oder das Theater warb. Friedländer hatte eine sehr solide Druckerausbildung genossen (in Berlin und später auf einer Wanderschaft durch ganz Deutschland), und als er nach dem Tod seines Vaters eine alte Steindruckpresse erbte, konnte er mit großem Erfolg sein Geschäft aufbauen. Er lebte und arbeitete auf St. Pauli und druckte zunächst Etiketten für Kolonialwarengeschäfte. Aber die enge Nachbarschaft zu Varieté und Kleinkunst veränderte seinen Kundenstamm, zumal er die schwierige Technik der Lithografie virtuos beherrschte und seine Arbeiten auch höheren Ansprüchen genügen konnten.

Zunächst belieferte er Marionettentheater oder Bauchredner, aber später kamen besonders die großen Kunden nicht mehr allein aus St. Pauli, sondern aus der ganzen Welt – die Druckerei lieferte bis nach Japan, Australien oder Nordamerika. Eine besonders enge Beziehung bestand stets zu der Familie Schichtl, die seit dem 17. Jahrhundert Marionettentheater betrieb. Ihr letzter Repräsentant war Xaver Schichtl, dessen Nachlass 1990 in das Lübecker Museum gelangte. Darin befinden sich auch etliche Plakate Friedländers, von denen zwanzig in der Ausstellung gezeigt werden.

Der Jude Adolph Friedländer (1851 – 1904) gründete 1872 seine Druckerei, die von 1904 bis 1935 von seinen Söhnen weitergeführt wurde. Anfangs zeichnete er noch selbst für die Gestaltung der Plakate verantwortlich, schon bald aber ließ er Künstler für sich arbeiten. So findet sich in der Lübecker Ausstellung auch eine Arbeit von Heinrich Zille. Der Antisemitismus in den 1930er Jahren zwang Friedländer dazu, seine Druckerei 1935 zu schließen. Eine ihrer letzten Arbeiten, auf der aber bereits das typische Friedländer-Signum, die »Judenkirsche«, fehlte, warb für den Stockholmer Vergnügungspark Djurgården und wird ebenfalls in der Ausstellung gezeigt.

Die Plakate Friedländers waren anfangs viel weniger plakativ als die ungefähr gleichzeitigen Arbeiten von Toulouse-Lautrec, sondern überraschend kleinteilig, bunt und entsprechend interessant – aber eben auch weniger auffallend. Man musste nah herangehen, um die gelegentlich schon filigranen Details zu studieren. Vielleicht konnten sie auch deshalb so gestaltet sein, weil es nur wenige bunte Reize auf oder an den Straßen gab? Schließlich fanden sich kaum Plakate, sondern allenfalls Anschläge, von bunter Leuchtreklame oder beleuchteten Schaufenstern ganz zu schweigen. Die Druckerei selbst arbeitete mit nur vier Farben – mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz –, aber die bunten Bilder müssen angesichts dieser Umstände trotzdem sensationell gewirkt haben.

Fortsetzung von Seite 1

Erst später wurden die Motive größer, aber so schreiend wie heutige Werbung waren sie eigentlich nie. Besonders exotisch waren natürlich jene Plakate, die für Völkerschauen warben, in denen Afrikaner oder Asiaten zusammen mit ihren heimischen Tieren wie im Zoo vorgeführt wurden, wenn es nicht gleich ein Zirkus war. In der Ausstellung wird eines dieser Plakate gezeigt. Es könnte auch jederzeit als Buchumschlag von Karl Mays »Durch die Wüste« durchgehen, so schön lagern sich Beduinen und Kamele im vom Mondlicht versilberten Wüstensand. Wirkungsvoll war zweifellos auch jenes Motiv, das einen etwas überdimensionierten Löwen auf einem Elefanten zeigt und so die Tourneen des Zirkus Hagenbeck bewarb, mit dem der Hamburger Friedländer über die Jahrzehnte hinweg eng zusammenarbeitete. Auf manchen dieser Blätter locken auch erotisch angehauchte Motive, und gelegentlich lugt sogar der Teufel hervor. So wirken die Plakate an keiner Stelle kindisch oder kindlich.

Auffällig ist auch, dass sich auf buchstäblich keinem einzigen Plakat Marionetten oder Puppen finden, obwohl sie doch sehr oft gemeint sind – schließlich handelte es sich um Marionettentheaterreklame. Vielmehr sieht man richtige Menschen, oft allerdings mit Schnüren, die im Hintergrund irgendwie nach oben führen und so das wahre Wesen des beworbenen Theaters andeuten. Aber das Marionettenhafte wird auf den Blättern durchweg ausgeblendet – es kommt schlicht nicht vor. Offenbar wurde das Marionettentheater als ein richtiges, wenngleich kleines und verhältnismäßig wohlfeiles Theater angesehen.

Ähnlich steht es um die Bauchrednerwerbung, auf denen die Puppen wie richtige Menschen dargestellt werden: nicht kleiner als die Bauchredner und damit viel zu groß, dazu keinesfalls steif oder hölzern. Die Varietékünstler dagegen waren stets sehr elegant, so dass ein Witzbold meinen konnte, wenn sie nicht wie Grafen aussähen, dann doch wenigstens wie Oberkellner. Auf jeden Fall wurde diesem Arme-Leute- oder vielleicht auch Mittelklasse-Vergnügen mittels der Plakate ein vornehmes Image angeheftet, das deutlich über ihren eigenen Charakter wie über den sozialen Stand des Publikums hinauswies.