Ausstellungsbesprechungen

Agrippina. Kaiserin aus Köln, Römisch-Germanisches Museum Köln, bis 29. März 2016

Ihr Ruf war, gelinde gesagt, nicht der beste. Sie galt als machthungrig, herrschsüchtig, intrigant und skrupellos. Um ihre Ziele zu erreichen, war ihr jedes Mittel recht, Mord eingeschlossen. Die Rede ist von Agrippina der Jüngeren (Agrippina minor), der römische Autoren wie Tacitus, Sueton oder Cassius Dio ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt haben. Nach ihrem gewaltsamen Tod fiel sie offiziell der »damnatio memoriae«, der Tilgung ihres Andenkens, anheim. In ihrer Geburtsstadt Köln aber blieb die Erinnerung an Agrippina bis heute lebendig und wird immer wieder wachgehalten. So auch jetzt mit der Sonderausstellung im Römisch-Germanischen Museum am Fuße des Kölner Doms. Rainer K. Wick ist dort gewesen.

Geboren wurde die jüngere Agrippina vor 2000 Jahren, im November 15 n. Chr., in der von Kaiser Augustus gegründeten Ubierstadt (Oppidum ubiorum) als Tochter des Germanicus und dessen Ehefrau Agrippina der Älteren (Agrippina maior). Germanicus stand damals mit seinen Legionen am Rhein, um nach der für die Römer desaströsen Varusschlacht erneut im rechtsrheinischen Germanien Fuß zu fassen. Doch schon ein Jahr später wurde er nach Rom zurückberufen, wo er mit einem Triumph geehrte wurde, um danach in politischer Mission nach Kleinasien zu gehen. Als Agrippina drei Jahre alt war, starb ihr Vater Germanicus unter nie ganz geklärten Umständen im syrischen Antiochia. Mit dreizehn Jahren heiratete sie einen römischen Senator, mit dem sie einen Sohn, den späteren Kaiser Nero, hatte. Im Jahr 41. n. Chr. wurde die nur vierjährige tyrannische Herrschaft ihres Bruders Caligula durch Mord beendet. Nachfolger Caligulas wurde Claudius, als dessen zweite Ehefrau Agrippina zur Kaiserin und »Augusta« aufstieg und großen Einfluss auf den als relativ schwach geltenden Imperator ausübte. So konnte sie es durchsetzen, dass ihre Geburtsstadt am Rhein in den Rang einer Colonia, einer römischen Bürgerkolonie, erhoben wurde. Fortan hieß sie nicht mehr Ubierstadt, sondern Colonia Claudia Ara Agrippinensium (kurz CCAA). Erst später wurde aus dem lateinischen Colonia Coellen (es gab auch andere Schreibweisen), dann Cöln und zuletzt Köln. Von der Durchsetzungsfähigkeit Agrippinas zeugt unter anderem, dass es ihr gelang, Claudius dazu zu veranlassen, ihren Sohn zu adoptieren, um ihm die Nachfolge als römischer Kaiser zu sichern. Nachdem sie im Jahr 54 n. Chr. ihren Mann vergiftet hatte, war dann tatsächlich für den Sohn die Bahn frei, um als Kaiser Nero die Herrschaft antreten zu können. Da Agrippina dem zum Kaiser avancierten Nero jedoch bald zu dominant wurde — sie erscheint anfänglich sogar zusammen mit ihrem Sohn auf römischen Münzen (wie zuvor auch schon zusammen mit Claudius) — kam es schon ein Jahr später zum Bruch, und im Jahr 59 n. Chr. ließ Nero seine Mutter ermorden und ihr Andenken tilgen. Ihr Name blieb aber in der lateinischen Ortsbezeichnung für Köln lange über ihren Tod hinaus lebendig, und für die Kölner spielt die »Kaiserin aus Köln« bis heute eine ganz besondere Rolle.

Da die Erinnerung an Agrippina offiziell gelöscht wurde, ist es nicht verwunderlich, dass die bildliche Überlieferung der Kaiserin in Form von Porträtplastiken und Ganzfigurenbildnissen vergleichsweise gering ist. Die meisten Skulpturen, die Agrippina zeigten, wurden zerstört, und ob alles, was in der Kölner Ausstellung als Agrippina betitelt ist, tatsächlich die Tochter des Gemanicus, Frau des Claudius und Mutter Neros darstellt, lässt sich nicht sicher beantworten. Klarheit herrscht aber hinsichtlich der überlebensgroßen, aus dunkler Grauwacke, einem extrem harten Gestein, gearbeiteten Figur, die im Zentrum der Schau im Römisch-Germanischen Museum steht. Agrippina präsentiert sich als Betende (»orans«), möglicherweise als Priesterin im Kult des Claudius — also des von ihr vergifteten Gemahls, der nach seinem Tod als »divus« vergöttlicht wurde. Schon seit dem späten 19. Jahrhundert gilt der Kopf, der als Leihgabe aus der Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen nach Köln gekommen ist, unstrittig als Bildnis der Agrippina minor, doch erst seit 2004 ist die Zusammengehörigkeit des Kopfes mit dem aus zahlreichen Fragmenten zusammengesetzten Rumpf gesichert. Die mit einem Abguss des originalen Kopenhagener Kopfes rekonstruierte Statue der Agrippina aus der Centrale Montemartini, der Außenstelle der Kapitolinischen Museen an der Via Ostiense in Rom, dürfte in der frühen Regierungszeit Neros geschaffen worden sein und zeigt die »mater Augusti« mit ihrer charakteristischen »Frisur mit den eingedrehten Löckchen, die unmittelbar an den Mittelscheitel anschließend auf beiden Seiten bis zum Ohr reichen und jeweils den oberen Ohrrand berühren, das Ohr selber aber frei lassen« – so der Kölner Archäologe Dietrich Boschung. Über die ursprüngliche Aufstellung der Statue und ihre Funktion ist kaum etwas bekannt. Bekannt ist aber, dass ihre Reste — 41 Fragmente — 1885 in einer spätantiken (oder mittelalterlichen) Mauer entdeckt wurden, in der sie als Baumaterial Verwendung gefunden hatten. Vermutlich wurde die Skulptur nach dem Tod Agrippinas der Öffentlichkeit entzogen, in einem Depot gelagert und blieb zunächst unzerstört, bis sie für den Mauerbau in Stücke zerschlagen wurde. Erstaunlich ist der gute Erhaltungszustand des qualitätvoll gearbeiteten, ebenmäßigen Kopfes der Agrippina, der die Kaiserin in idealisierender Manier jugendlicher zeigt als es ihrem tatsächlichen Alter entsprochen haben dürfte.

Die Ausstellung im Römisch-Germanischen Museum gewinnt dadurch beträchtlich an Breite und Tiefe, dass die Kuratorin und stellvertretende Direktorin Friederike Naumann-Steckner ergänzend Porträtbüsten bedeutender Angehöriger der julisch-claudischen Dynastie präsentiert, so etwa von Augustus und Livia, den Urgroßeltern Agrippinas, von Caligula, ihrem Bruder, von Claudius, ihrem kaiserlichen Gemahl, von ihrem Sohn Nero als Kind und als Kaiser sowie von anderen ranghohen Persönlichkeiten aus ihrem Umfeld. Darüber hinaus erlaubt die Sonderschau einen Blick auf die Agrippina-Rezeption späterer Jahrhunderte. Erwähnt sei nur eine Stadtansicht Kölns von Anton Woensam aus dem Jahr 1531, ein Holzschnitt, in dem Agrippina über dem Eigelsteintor auf einer Wolke schwebend mit Winkelmaß und Schlegel als Baumeisterin der Stadt dargestellt ist. Abgerundet wird die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Italienischen Generalkonsulat und dem Italienischen Kulturinstitut Köln zustande kam, durch Ausschnitte aus Historienfilmen – vom italienischen Stummfilm »Agrippina« von 1911 über die britische TV-Serie »Ich, Claudius« von 1976 bis zur deutsch-französischen Produktion »Nero« von 2004.

Zur Ausstellung ist zum Preis von 12,95 € ein informatives kleines Begleitbuch erschienen, herausgegeben von Marcus Trier und Friederike Naumann-Steckner.