Buchrezensionen

Alain de Botton, John Armstrong: Wie Kunst Ihr Leben verändern kann, Suhrkamp 2017

Kunst als ist erhebend, anmutig, verstörend und beeindruckend - beste Voraussetzungen also, um unser Leben zu verändern. Das haben sich auch die Autoren dieses Buches gedacht und sie unter genau dieser Fragestellung betrachtet. Klingt nach einer spannenden Idee. Stefanie Handke wurde aber enttäuscht.

Das Bild ist klar: Man sieht ein Kunstwerk und – zack! – liegt alles klar vor einem. All das, was man bisher übersehen hat, all das, was man falsch gemacht hat – passé. Stattdessen weiß man genau, was man tun muss, um glücklich zu werden.

So die Theorie. Alain de Botton und John Armstrong stellen die ihrer Meinung nach lebensverändernde Wirkung von Kunst freilich anders dar. Sie schreiben ihr das Potenzial zu, unseren Blick zu schärfen, zu innerem Gleichgewicht zu finden und und und. Das versuchen sie in insgesamt fünf Kapiteln zu beweisen. Nun gut, begeben wir uns hinein in das Abenteuer und lassen einmal von der Kunst unser Leben verändern. Spannend klingt der Ansatz allemal!

Die Autoren backen keine kleinen Brötchen. Unter der Überschrift der »Methodologie« wird bereits nach dem Sinn von Kunst gefragt, ausgeführt, was als gute Kunst gilt und natürlich: »Wie sollten wir uns mit der Kunst beschäftigen?« Die Antwort auf die letzte Frage führt dabei die Kunstgeschichte (bewusst?) vor: »Die Gelehrten sollten sich lieber fragen, was für eine Beziehung zwischen dem Geist des von ihnen bewunderten Kunstwerks und den psychischen Schwächen ihres Publikums besteht.« Spätestens hier beginnen die Bauchschmerzen beim Leser. »Gelehrte« - sind das nicht diese Leute, die von einer populistisch agierenden Öffentlichkeit gerne als weltfremd verunglimpft werden? Und warum bitteschön sollten Kunstwissenschaftler und -pädagogen nach der psychischen Konstitution ihrer Leser- und Besucherschaft fragen? Das wäre ein bedenklicher Eingriff in die Privatsphäre der Bildbetrachter! Alternativ müssen sie deren mögliche Defizite antizipieren – und stehen sodann einem Publikum gegenüber, das sie genau nicht erwartet haben. Nein, das kann nicht Aufgabe der »Gelehrten« sein. Ihre Aufgabe ist und bleibt doch die wissenschaftlich fundierte Beschäftigung mit dem Werk. Sie sind keine Therapeuten. Entsprechend schlagen die Autoren vor Kunst in den Museen nicht nach stilgeschichtlichen Fragestellungen zu ordnen, sondern danach, welche seelischen Krisen sie jeweils behandeln. Auch das – fragwürdig.

Nun denn, es gibt ja noch vier andere Kapitel: »Liebe, »Natur«, »Geld« und »Politik«. Aber auch im nächsten Kapitel erwartet den Leser ein Bauchschmerzmoment, wenn de Botton und Armstrong fragen, ob der Mensch in der Liebe besser werden könne. Zur Einführung zeichnen sie ein Szenario von unerfüllten Erwartungen, Verlangen und Missachtung statt von Vertrautheit und Erfüllung. Die Autoren setzen also per se ein Defizit voraus, das es zu beheben gilt – der Idealfall »glückliche und erfüllte Liebe« wird zur Ausnahme gemacht. So einfach machen sie es sich dann doch nicht, zum Glück. Vielmehr erlaubt doch die Kunst etwa den Blick für’s Detail zu schärfen, regt zur Neugier an oder dazu eine andere Perspektive einzunehmen. Hier haben sie nicht Unrecht, jedoch ist das auch nichts neues.

Vielleicht bringt aber die Beschäftigung mit der Natur Erhellendes. Auch hier ist die Beobachtung des Abgebildeten das bestimmende Moment. Jedoch widmen sich die Autoren auch der Faszination nord- und mitteleuropäischer Künstler für »den Süden«, sein Licht und seine Farben, aber auch für die Lockerheit, die man in der Neuzeit auf Bildungsreisen nach Italien dort genoss – kein Wunder also, dass Mittelmeer-Architekturen gern adaptiert wurden und werden. Aber auch der Gegenwartskunst weisen die Autoren eine Bedeutung für unseren Blick auf die Natur zu, insbesondere für den auf durch Technik und Wirtschaft veränderte Landschaften – Bernd und Hilla Becher oder Andreas Gursky dienen hier als Paradebeispiele.

Auch im nächsten Kapitel zum Thema Geld sind die Autoren wieder selbstbewusst: Das Buch will auf die entscheidenden Anhaltspunkte hinweisen, die die Kunst für eine Reform des Kapitalismus zu bieten habe. Die Autoren entwerfen dabei das Bild einer rein gegensätzlichen Denkweise: radikale Ablehnung von Geldsystem und Kapitalismus gegen Glorifizierung des Wirtschaftssystems. Beides sei freilich wenig nützlich, man brauche vielmehr eine ehrlichere Beziehung zum Geld. Aber worin besteht diese? Ganz einfach: Geschmacklose Casino-Architekturen, Trash-TV und Co. sind Produkt unserer selbst und sobald wir nicht mehr bereit seien unser Geld dafür auszugeben, wäre dies wie weggeblasen. Unser Geschmack ist schuld! Hier solle der Kunstkritiker ansetzen und mit seiner konsequenten Erziehung zum guten Geschmack auch Handlungsanweisungen für unser Wirtschaften bieten. Geschmack und Profitorientierung sollen schließlich in eins gehen – als Beispiel dient hier das Unternehmen Morris & Co., dessen Geschäftsmodell es war in Zeiten der Massenproduktion weiterhin handwerkliche Produkte zu schaffen. Ach so, und zur Berufsberatung taugt die Kunst auch noch!

Zu guter Letzt soll natürlich auch die politische Dimension der Kunst abgeklopft werden. Wir denken hier an Historienmalerei und Herrscherporträts, an repräsentative Bauten und kritische Werke. Auch hier schreiben de Botton und Armstrong selbstbewusst ob ihrer eigenen Gedanken: »Die Kunst kann genauso politisch missbraucht werden wie fast alles andere, und doch hat sie es allein schon aufgrund ihres Potenzials für das Gute verdient, auf theoretischer Ebene anerkannt und auf praktischer Ebene untersucht zu werden.« Ein schöner Allgemeinplatz! Auch sollte es Künstlern, sofern sie die Fähigkeit haben dem Einzelnen zu helfen, auch gestattet sein »Staaten zu kurieren«. Als Beleg für dieses Potenzial dienen sodann – absolut verständlich – Werke, die vor allem die Schwachen der Gesellschaft im Blick haben, etwa von Tino Seghal oder Sebastián Errázuriz. Aber auch Botschaftsarchitekturen als Sinnbild für das nationale Selbstverständnis und Designobjekte mit der gleichen Rolle sind Thema des Kapitels. Auch das – wenig neu. Spannend ist hier jedoch die Betrachtungsweise zur der beiden zur Zensur: diese, ästhetisch statt inhaltlich genutzt, kann auch positiv sein – als Beispiel dient eine fassadenhohe Parfumwerbung am Musée d’Orsay, die vielleicht tatsächlich vielen Betrachtern verboten deplatziert schien. Der Tenor dieser Betrachtung: »gute« Zensur ist möglich.

Was ein unterhaltsamer Spaziergang durch die Kunst und ihr seelenstreichelndes Potenzial sein könnte, hält leider gar nicht, was es verspricht. Große Teile des Buches lesen sich als das, was sie sind: ein Produkt des Zeitalters der Selbstoptimierung um jeden Preis und die Kunst ist für die beiden Autoren dabei nur ein Mittel zum Zweck. Ihre Schönheit oder Hässlichkeit, ihre inhaltliche Ausrichtung – allein die Frage nach deren Nutzen scheint ihre Berechtigung auszumachen. Die Freude am Schönen ist dabei nur ein Hilfsmittel zur Optimierung. Die Freude am Nutzlosen, das ebenfalls ein Aspekt der Kunst sein kann, geht Alain de Botton und John Armstrong völlig ab. Und das ist es, was das Buch zu einer Enttäuschung macht: im Grunde genommen stellen die Autoren Kunst in den Dienst einer Arbeitswelt, die Perfektion und Funktionalität von ihren Subjekten verlangt. Das ist nicht das Wesen der Kunst, so kann und soll sie nicht wirken, da kann man noch so viele Allgemeinplätze aneinanderreihen und noch so viele Themen suchen, für die man sich das Schöne zunutze machen kann, wenn man es nur durch die richtige Brille betrachtet.