Buchrezensionen

Alan Bennett: Alan Bennett geht ins Museum, Verlag Klaus Wagenbach 2017

Alan Bennett ist einer der bekanntesten britischen Dramatiker – und er sitzt im Stiftungsrat der National Gallery. Und obendrein liebt er die Kunst und freilich auch Museen. In seinem neuen Buch nimmt er den Leser mit auf einen Spaziergang durch letztere und blickt auf Werke, aber auch auf Besucher. Walter Kayser hat es gelesen.

Der Wagenbach-Verlag hat innerhalb der bundesdeutschen Verlagsgeschichte ein einzigartig markantes Profil. Betrachtet man dies genauer, so gewinnt man den Eindruck, dass es sich aus verschiedenen Schwerpunkten zusammensetzt, die sich letztlich auf Vorlieben und Neigungen zurückverfolgen lassen, die eng mit der Verlegerpersönlichkeit Klaus Wagenbach selbst zusammenhängen. Der subjektive Faktor als Garant für Glaubwürdigkeit und Erfolgsrezept. Fast möchte man sagen, dass Klaus Wagenbach wie ein Patriarch dem Verlag seinen Stempel aufgedrückt habe, wäre da nicht im Gegenteil der familiäre und auf kollektiven Konsens setzende Führungsstil gewesen: die Signalfarbe Rot, die nunmehr seit 30 Jahren auch so etwas wie ein politisches Bekenntnis ist, ist solch ein Markenzeichen – (nicht nur) der Geschenkbuchreihe SALTO (mit einem A, das auf dem Kopf steht, versteht sich). Klaus Wagenbach war ja eine Schlüsselfigur und seine Bücher ein Sprachrohr der vielen versprengten linken außerparlamentarischen Linken, die nun mit ihm in die Jahre gekommen oder längst gestorben sind. Erich Fried oder Wolf Biermann stehen dafür ebenso wie die Reihe »Freibeuter«, die im Titel und dem radikalen Querdenken Pier Paolo Pasolini entlehnt sind. Zu den Schwerpunkten des verlegerischen Programms zählte sicherlich Franz Kafka, über den Wagenbach bereits 1957 promovierte – zu einer Zeit also, als der noch keineswegs als herausragende Leitfigur der literarischen Moderne erkannt war. Daneben aber auch immer wieder Italien, Reiseführer der besonderen Art und nicht zuletzt Diskussionsbeiträge zur Kunsttheorie. War die politische Ausrichtung also undogmatisch links, so die Machart der Bücher im scheinbaren Widerspruch gediegen, ja exquisit und nobel. Die handlichen und schmalen Bändchen sind ungewöhnlich qualität- und liebevoll gemacht: Fadenheftung und Leineneinband, bester Druck auf bestem Papier, teilweise handgefertigt.

Der Engländer Alan Bennett ist ein Hausautor des Wagenbach-Verlags. Vor allem seit »Die souveräne Leserin« vor 10 Jahren zudem ein Bestseller. Sicherlich gehört er zu den bekanntesten Gegenwartsdramatikern der Insel und außerdem stellt er uns seine Landsleute immer wieder mit eben den Eigenschaften vor, die wir an ihnen besonders schätzen: mit schrulligen Humor und einem Sinn für alles denkbar Schräge, Spießige und Selbstironie.

Erfolg und unerschütterliches Selbstbewusstsein sind freilich auch die nötigen Voraussetzungen, um so über Kunst zu sprechen, wie man es hier aber sonst kaum findet. Nicht respektlos, neu, verstörend, aber völlig unvoreingenommen, sozusagen gegen den Strich. Allerdings ist es nicht so, wie der Begleittext des Verlags verspricht. Da heißt es: »Alan Bennett liebt die Kunst. Aber ob die Kunst ihn liebt, so wie er über sie spricht, ist ungewiss.« Das soll natürlich neugierig machen auf Ungewöhnliches, vielleicht sogar ungeheuer Originelles. Schön wär’s!

Schon das Cover dieses Büchleins lebt von der Doppeldeutigkeit. Man kann die Aufschrift getrennt lesen als Autorenname und Imperativ an die Leserschaft; oder aber, in Analogie zu etwa »Die Marx-Brothers in der Oper«, als einfachen Aussagesatz. Die zweite Lesart setzt voraus, dass jedermann weiß, wer Alan Bennett ist. Und genauso gibt sich der Autor. Er plaudert wie jemand, der alle Länder bereist hat und alle Welt kennt. Da er sich mittlerweile so im strahlenden Rampenlicht des Prominentenstatus sonnt, scheint er davon überzeugt zu sein, dass er zu allem und jedem ungeniert etwas Belangloses verkünden kann – es wird in einer von privater Geschwätzigkeit erfüllten Öffentlichkeit mit Sicherheit Gehör finden. Das ist dann an einigen Stellen unterhaltsamer Party-Smalltalk, von jenem offenherzigen Charme des kleinen Mädchens in Andersens Märchen von »Des Kaisers neuen Kleidern«. Oft aber gibt sich Bennett nur naiv und meistens die unverhohlen selbstgefällige Plaudertasche. Das ist dann weder erhebend noch sonderlich erhellend. Das geht dann etwa so: Angesichts eines Gemäldes von John Everett Millais beschäftigt den Betrachter vor allem ein Bein: »Es ist das Bein eines Balletttänzers – Nurejews Bein, wenn sie so wollen. Ich habe Nurejew nur einmal tanzen sehen, in Manon im Covent Garden. Sein Partner war Antony Dowell, der viel zarter gebaut ist […].« (S. 59)

Bennett inszeniert sich in erster Linie selbst. Kunst dient ihm dabei nur gelegentlich als Medium. Wie er gleich mehrfach stolz betont, gehört er mittlerweile zum Stiftungsrat der Londoner National Gallery, tut aber so, als hätte er von nichts eine Ahnung. Die Narrenkappe eröffnet ihm die Freiheit eines scheinbar unbedarften Eulenspiegels. Ein Museum ist ihm kein Musentempel und kein Andachtsraum, sondern ein gut beheizter, halb öffentlich, halb privater Rückzugsort, in den man sich für kurze Zeit, Gott sei Dank, nach wie kostenlos vor dem Londoner Dauerregen flüchten kann. Statt Gänsehautschauern vor unschätzbaren Werken, die den Himmel offen sehen lassen, Besuchermassen, die sich mit schmerzenden Füßen gegenseitig den Blick verstellen. Bennett, das macht ihn sympathisch, ist für den kostenlosen Eintritt und die Demokratisierung jeglicher Hochkunst. Er hat sich als unbedarfter Kunstflaneur E.M. Forsters Ausspruch zu eigen gemacht: »Nur was man nebenbei sieht, sinkt tief ein.« (S. 42) Er redet mit einer zur Schau gestellten Laienhaftigkeit dem zutiefst liberalen ästhetischen Genuss das Wort und wendet sich gegen jede Kanonisierung und elitäre Reglementierung der Kunstbetrachtung.

Doch betrachtet Bennett eigentlich Kunst – ohne Sockel, ohne Hemmungen und Ehrfurcht? Nur ganz selten. Im ersten der sieben Abschnitte des Buches wird kein einziges Werk genau in Augenschein genommen. Stattdessen geht es um biografisches Geplauder und die Art, wie Bennett, der bekennende Banause, empfunden hat, wie die Fachleute über Kunst redeten: im hohen Ton pathetischer Ergriffenheit oder mit der Ignoranz des exkludierenden Expertenjargons. Bennett konterkariert mit dem, was einen guten Dramatiker ausmacht: Er verwandelt die ehrwürdigen Gemälde bestenfalls in lebendige Szenen, lässt die eingefrorenen Figuren agieren und dialogisieren. Die Szene wird zum Tribunal, das Bild zur Bühnenaktion, in der gezielt gesetzte Pointen mit sicherem Kalkül zu zünden haben.

Die hier versammelten Texte sind kompiliert. Sie entstanden zwischen 2005 und 2016. Die Gattungsbezeichnung »Kurzgeschichten« ist absolut falsch und irreführend. Es handelt sich um ein Sammelsurium von autobiografischen Erinnerungen, Selbstzitaten, kurzen Aufschrieben aus Reisetagebüchern. Offensichtlich um das Buch zu füllen, wurde ein drittes Kapitel eingeschoben, das (man hält es nicht für möglich!) rein gar nichts mit Malerei zu tun hat. Es ist der Wiederabdruck eines Vorwortes, das Bennett 2009 zu seinem Theaterstück »The Habit of Art« geschrieben hatte. Darin geht es um ein fingiertes Zusammentreffen des Lyrikers W.D. Auden mit dem Komponisten Benjamin Britten. Von Kunst oder Museum keine Spur! Kein Wunder, wenn man so über Kunst spricht, dass es ungewiss ist, ob die Kunst einen dann liebt.