Ausstellungsbesprechungen

Albert Hien – Glückshafen, Galerie Rainer Wehr, Stuttgart, bis 12. November 2010 und Potz Blitz - Lichtkunst von Albert Hien, Kunstmuseum Celle, bis 27. März 2011

Bei der neuen Präsentation "Glückshafen“ von Albert Hien geht es um die zeitgenössische Annäherung an die rätselhaften Bildwelten des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (1450 – 1516). In "Potz Blitz" stehen Wortspiel und Lichtwitz im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeiten. Günter Baumann hat sich den Ausstellungen angenommen.

Wenn man heutzutage den Glückshafen beschwört, darf man getrost skeptisch sein, und gerade Albert Hien, der schon zwei Mal zur Documenta eingeladen war, ist weit entfernt, dem Betrachter Sand in die Augen zu streuen, zumindest keinen Traumsand – eher schon gröbere kristalline Formen – , auch verkündet er keine frohe Botschaft, sondern er haut uns gleich eine ›hardlight‹-Predigt um die Ohren. Dabei ist es einerlei, ob Hien sich zu einem Potz-blitz-haften Aufschrei leuchtender Omnipräsenz oder dem neonschrillen Verheißungsschrott der Werbeindustrie hinreißen lässt, immer ist er doppel-, ja mehrdeutig, und das nur mal in einem Segment seines Oeuvres betrachtet. Wie viele seiner Zeitgenossen gibt sich der Künstler nicht mit einem Stil zufrieden, den er zum Markenzeichen machen könnte – Karton oder Holz, Lack und Beize ist ihm ebenso lieb wie Neon. Allein bei Wehr in Stuttgart hatte Hien in den vergangenen Jahren drei Ausstellungen, bei denen er mit unbändiger Fantasie sich jedes Mal selbst neu erfand. Die Welt hat mehr Ecken und Kanten, als ein Kristall, sie hat mehr als nur die schwarzen und weißen Seiten, und sie bietet mehr Überraschungen, als in einem Medium, in einer Technik oder in nur einem Stil zu beschreiben wären. Nun arbeitet Albert Hien grade mit Vorliebe mit Neonröhren, mit Sprache und mit unserem ganzen Kulturverständnis.

Die Titel seiner Ausstellungen zeigen schon, dass Hien mit Wortwitz gesegnet ist, was ihn bei den offenen und verdeckt religiösen Themen zu einem ernstzunehmenden Satiriker macht. Liest man sich durch die Neonsätze, weiß man nie, ob schon die bunte Hohlheit unsrer Leuchtschriftkultur jene Botschaft ad absurdum führt, oder ob der kritische Unterton gar als Botschaft in unser Gewissen leuchtet. In Celle hat sich Hien die Museumswelt vorgenommen, bei Wehr in Stuttgart arbeitet er sich an den Kardinaltugenden ab. So weitgefächert dieses Œuvre ist, so doppeldeutig empfängt uns seine Kunst. »Ohne Fleiß kein Preis« – die Plattheit solcher Aussagen ist beabsichtigt, einmal weil die Neonkunst selbst für aphoristische Kürze nicht geeignet und mehr auf Schlagwörter fixiert ist, einmal weil die grellen Plattitüden sich ironischerweise selbst nicht ernst nehmen. Hiens Haltung liegt hier zwischen Ausrufe- und Fragezeichen, Symbolen, die er auch gern in seinen Neonobjekten integriert. In Stuttgart hat Hien allerdings die satztechnischen Unwägbarkeiten hinter sich gelassen. Tugendsam leuchten uns die rote »Liebe« und die blaue »Hoffnung« (in Form der Pop Art-Ikone »LOVE« in Begleitung von »HOPE«), der Glaube wird sprachlos übermittelt in Gestalt eines weißen Kreuzes. Faszinierend ist Hiens handwerkliche Hinterlassenschaft: Was bei Malern die Handschrift, ist hier die betont sichtbare Verschnürung der Leuchtstoffröhren am Metallgestell. Allegorisch legt bzw. hängt er den Tugenden wie den Lastern die Zahl Sieben zugrunde. Im Glückshafen prangt eine Sieben auf dem Boden, mit eingekerbten »Anlegestellen« für sieben Modellschiffchen. Bei dieser Arbeit kommt der Münchner Professor ganz ohne Neon aus, wie gesagt: Als technisch brillanter Zeitgeist wechselt er die Medien, ohne die übergreifenden, wenn man so will: metaphysischen Referenzen aufzugeben. Auch No-sense macht, recht verstanden, Sinn.