Ausstellungsbesprechungen

Alberto Giacometti – Der Ursprung des Raumes, Wolfsburg, bis 6. März 2011

Etwa 100 Arbeiten von Alberto Giacometti (1901–1966) – darunter sind nicht nur die rund 60 Plastiken, sondern auch malerische und zeichnerische Arbeiten – lassen einen ergriffen zurück: ergriffen deshalb, weil insbesondere das plastische Werk des Schweizer Künstlers den Menschen existentiell angreift, aber auch deshalb, weil dieses Werk selbst wie kein anderes den Raum ergreift, in den der Betrachter als stiller Teilhaber oder gar als Protagonist wider Willen gezogen wird. Günter Baumann hat die Ausstellung für Sie greifbar gemacht.

»Der Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen«, schrieb Giacometti 1949. Seine Figuren ließ er antreten, um den Raum zu definieren und je intensiver, auch entschiedener sie dies taten, desto mehr gingen sie darin unter: zunächst wurden sie kleiner dann erhoben sie sich, wurden aber immer dünner – was blieb, war der Raum. Diese existentialistische Sicht, welche die Plastik gegen den Augenschein fast konzeptionell auffasst (»Eine Plastik ist kein Objekt, sie ist eine Fragestellung«), hat den Begriff der Skulptur in einer Form erweitert, die erst gegen Ende seines Lebens, in den 1960er Jahren und später begriffen worden ist. Die Wolfsburger Ausstellung spürt dem Raumverständnis Giacomettis in dessen »reifem« Werk nach. Das beeindruckende Konzept lässt sich dabei nicht aus dem Titel ablesen, der eher eine konventionelle Giacometti-Schau verspricht: »Der Ursprung des Raumes« knüpft an frühere Ausstellungen an, die ja allesamt wussten, welch große Bedeutung der Raum für den Bildhauer hatte; der Untertitel – »Retrospektive des reifen Werkes« – suggeriert, dass eben mal (wieder) das Spätwerk zu sehen ist.

So richtig das alles ist, die aktuelle Ausstellung, die nach Wolfsburg auch noch in Salzburg zu sehen sein wird, ist mehr als das. Durch die Brille des Medienzeitalters betrachtet präsentiert sich Giacometti als Wegbereiter – die Ausstellungsmacher sprechen kühn von Erfinder – der virtuellen Räumlichkeit. Grund dieser These ist der Versuch des Künstlers, seinen Figuren einen eigenen Raum und eine eigene Zeit zu unter- bzw. zu hinterlegen. Das Kunstmuseum konnte die These durch ihre bis Ende Januar gezeigte Parallelausstellung stützen (ein Beleg ließe sich dadurch sicher nicht ableiten), die den Raum in der Gegenwartskunst vorführte – mit Arbeiten von Carl Andre, Andreas Gursky, Imi Knoebel, James Turrell oder Franz West. Nicht jeder wird anhand der Exponate, etwa dem »Großen schmalen Kopf«, gleich eine Verkörperung einer »stereometrischen Projektion zweier flacher Bilder wie im 3-D-Film« (so Markus Brüdelrin und Julia Wallner im Katalog) erkennen. In der Tat wirken aber die Arbeiten Giacomettis im Vergleich zu jüngeren Plastiken hochmodern, jedenfalls singulär. Suchte man direkte Anknüpfungspunkte, würde man sie eher in der Literatur, bei Sartre oder Beckett oder in der Lyrik allgemein finden als in der Kunst.

Doch vielleichte ist gerade das der Ansatz, der in die virtuelle Realität führt, weil man deren Raum über die Sprache als nächste Verwandte des Gedankens erst ›denken‹ muss, über die begreifbare Dreidimensionalität hinaus. »Jede Skulptur, die vom Raum ausgeht, als existiere sie, ist falsch«, so Giacometti, »es gibt nur die Illusion des Raumes«. Die Simultanität, Immaterialität und Nichtörtlichkeit, die den virtuellen Kosmos kennzeichnen, scheint nicht zuletzt im malerischen Werk Giacomettis durch, das in einem fahrig-zeichnerischen Stil Zufallsbilder generiert, die so flüchtig sind, als würden sie im nächsten Augenblick in klirrende Pixeln zerspringen. Seinen Skulpturen kann man sich zwar nähern, aber die Distanz zu ihnen lässt sich nicht überwinden. Zwölf Jahre hat es gedauert, dass Giacomettis Spätwerk nun wieder in Deutschland bzw. Österreich zu sehen ist. Die Ausstellung, die die Skulpturen in einer bestechenden Binnenarchitektur inszeniert, erschüttert zwar nicht gleich das Schaffen – und das symptomatische Bild von einem nach Albert Camus glückhaften Scheitern – des genialen und längst kanonisierten Bildhauers. Doch sie gibt einen neuen Blick auf einen Künstler frei, der so zeitgemäß ist, als habe er insgeheim ins 21. Jahrhundert geschaut. Und dort zählen Giacomettis Werke wie »L’homme qui marche I« zu den teuersten der Welt.

Wichtiger Hinweis:

Die Ausstellung ist außerdem im Museum der Moderne Mönchsberg, Salzburg vom 26. März – 3. Juli 2011 zu sehen.