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Alberto Giacometti – Die Frau auf dem Wagen. Triumph und Tod, Wilhelm Lehmbruck Museum, bis 18. April 2010

Die "Frau auf dem Wagen" stellt ein Schlüsselwerk der figurativen Neuorientierung des Bildhauers Giacometti dar. Die Arbeit entstand mitten im Zweiten Weltkrieg, als Giacometti Paris verlassen hatte und bis 1945 in Genf und Maloja arbeitete. Im Vergleich zu den winzigen, gleichzeitig entstandenen, fragilen Gipsfiguren blieb es auch Giacomettis einzige großformatige Arbeit aus dieser Periode. Sie markiert deutlich die Umbruchphase im Gesamtwerk des Künstlers, indem nun endgültig die surrealistischen Elemente zurückgenommen werden zugunsten der "Ganzheit einer Gestalt" (Giacomettil), in der sich Nähe und innere Vision zu einer schlanken und fragilen Figuration zusammenschließen. In Duisburg werden nun erstmals die vier existierenden Fassungen der "Femme au chariot" gemeinsam ausgestellt: der Duisburger Erstfassung werden zwei Gipsfiguren und ein Bronzeguss (1964) zur Seite gestellt. Unser Autor Günter Baumann hat sich mit der Plastik für PKG auseinander gesetzt.

Ist es das Gefährt einer Göttin? Dem Titel nach ist Alberto Giacomettis weibliche Aktfigur auf einem quaderförmigen Block, welcher wiederum auf einem schlichten Brett mit vier Rädern lastet oder ruht, eine »Frau auf dem Wagen«. Doch die Serienmäßigkeit in verschiedenen Fassungen, der Ernst der Szenerie und die Genese, die die ganze Werkgruppe mit zahlreichen Skizzen, Zeichnungen, Plastiken im Umfeld des Wagenthemas, lassen zumindest ahnen, dass der Bildhauer hier allemal einen erhabenen Augenblick darstellt. Ob auch den einer Göttin, sei dahingestellt – es geht um ein Schlüsselwerk des Bildhauers wie die großen schreitenden Figuren oder letztlich die verschwindend winzigen Standbilder. Das Duisburger Museum hat nun die vier Fassungen erstmals zusammengeführt, deren Präsenz nun noch gesteigert wird, so dass es dem Betrachter schier den Atem verschlägt. Das an sich absurde Zusammenspiel von Frau, Sockel und Rollbrett stellt Fragen über die Existenzialität des Menschen, ohne dass man wirklich eine Antwort erwartet:  Was tut das fragile Geschöpf, zumal diese zart bemalte und im Antlitz zeichnerisch bearbeitete, das heißt zaghaft individualisierte Figur der Duisburger Fassung, auf dem ungelenken, wenn nicht groben Wagen? Er symbolisiert eindeutig Mobilität, die aber in einem fast tragischen Unverhältnis zur Statik der Figur steht. Nahe liegt – zumindest nach den Kuratoren – ein kultischer Zusammenhang, assoziativ denkt man an archaische Kulturen, die ihre Heiligtümer in Prozessionen durch die Straßen trugen, oder auch an christliche Kontexte, seien es ebenfalls Prozessionsszenerien oder das geläufige Bild des auf Rollen gezogenen Christus auf dem Esel. In diesem Vergleich wäre die nackte Frau allerdings fast schon ein Skandalon, zumal sie eher Modelmaße hat, als dass sie Pölsterchen einer Fruchtbarkeitsgöttin aufweisen könnte – neue Forschungen gehen davon aus, dass Isabel Nicholas Modell stand, eine Freundin Giacomettis, doch das ist unerheblich angesichts der Wesenhaftigkeit des Menschen überhaupt.

Die Ausstellung bietet nicht nur das ganze Aufgebot an wesensverwandten Arbeiten, das immerhin rund 120 Plastiken, Zeichnungen und Fotos umfasst. Sie vermittelt auch die Forschungsergebnisse in bezug auf einige Röntgenuntersuchungen – offenbar legte der Künstler alles Greifbare in die Gipsmasse zur Stabilisierung, es finden sich weniger Eisenträger als Bildhauerwerkzeug, bis hin zum Bohrgerät. Daraus kann man den Schaffensrausch ablesen, der wahllos nach Gegenständen tasten ließ. Darüber hinaus muss man sich die Stellung der Wagen-Figur in Giacomettis Werk klarmachen: Er ging mit ihr zu nahezu lebensgroßen Formaten über, die zu den wegweisenden Plastiken der Moderne wurden. Faszinierend, weil noch nicht so deutlich im öffentlichen Bewusstsein angekommen, sind die malerischen und zeichnerischen Arbeiten, die zwar ganz auf die Skulpturen hin geschaffen wurden, aber den kongenialen Strich und das grandiose Denken in Farbnuancen des großartigen Bildhauers vermitteln. Der Katalog breitet in Texten einer internationalen Wissenschaftlerriege und mit zum Teil unveröffentlichten Dokumenten die Entstehungsgeschichte der Figur aus mit all den Veränderungen und Modifikationen der Skulptur in Gips und Bronze, die auch die Umbruchphase im Gesamtwerk des Künstlers markieren. Das Lehmbruck Museum zeigt auf vorbildliche Weise, wie man - ausgehend von einer Plastik (in vier Ausführungen) – eine zauberhafte Schau gestalten kann, und es verweist auf die »Ganzheit einer Gestalt«, die Nähe und transzendente Ferne sowie Triumph und Tod in einer existenziell fragilen Figuration zusammenfügen.

Im Zusammenhang mit der Ausstellung zeigt das Museum auch rund 30 Plastiken von Stephan Balkenhol, der zudem im Giacometti-Katalog mit einem persönlichen Essay vertreten ist.