Buchrezensionen

Albrecht, Uwe (Hrsg.): Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein. Bd.1, Verlag Ludwig, Kiel 2005.

Beim vorliegenden Band handelt es sich um den ersten Teil einer auf fünf Bände angelegten Reihe. Diese präsentiert die Ergebnisse eines DFG-geförderten Langzeit-Forschungsprojekts, das seit 1990 am Kunsthistorischen Institut der Kieler Universität läuft.

Der 2. Band hat die Sakralkunst der Lübecker Kirchen zum Thema und soll 2008 erscheinen. Die Bände 3 bis 5 (Herzogtümer Schleswig und Holstein) werden in Abständen später herauskommen und das Vorhaben komplettieren, den gesamten Bestand der in Schleswig-Holstein erhaltenen mittelalterlichen Holzbildwerke und Tafelmalereien lückenlos zu dokumentieren.

Der Erhebungsraum zwischen Nord- und Ostsee, Elbe und Königsau gehört, so der Herausgeber Uwe Albrecht, Kunsthistoriker und Mittelalterexperte an der Universität Kiel, »mit seinen mehr als 1.400 Werken zu den dichtesten Denkmälerkomplexen dieser Art in Mitteleuropa« (S. 7).

Wenn nun die anspruchsvolle Reihe, die im Kieler Verlag Ludwig einen angemessenen Partner gefunden hat, mit der Katalogisierung des Sammlungsbestands des Lübecker St. Annen-Museums beginnt, so ist mit diesem Anfang zugleich das Gravitationszentrum getroffen. Dieser Ausstellungsort gehört zweifellos zu den herausragenden und schönsten Museen für mittelalterliche Kunst in ganz Deutschland. Bei der Vorstellung des hier zu besprechenden Bandes meinte die Museumsleiterin Hildegard Vogeler, die selbst einen Aufsatz über die Geschichte der Sammlung beisteuerte: »Das beeindruckende Buch macht deutlich, welchen reichen und einzigartigen Bestand das St. Annen-Museum beherbergt und welche künstlerische Bedeutung Lübeck als norddeutsches, ja sogar nordeuropäisches Zentrum während des Mittelalters besessen hat. Der gewichtige Band zeigt, mit welchem Pfund die Stadt wuchern kann.«

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In den Gemäuern des 1502 gegründeten St. Annen-Klosters untergebracht, sind hoch- und höchstrangige Werke der vorreformatorischen Sakralkunst - vornehmlich aus der Hansestadt Lübeck selbst - versammelt, worunter eine stattliche Reihe imposanter gotischer Flügelaltäre die größte Anziehungskraft ausübt. Das Glanzstück ist ohne Frage der auch international gerühmte dreiansichtige »Passionsaltar« von Hans Memling (1491, Kat. Nr. 85) mit der Passion Christi auf der Mitteltafel. Hervorhebenswert sind weiterhin etwa der »Magdalenenaltar« mit der monumentalen Schnitzfigur der büßenden Sünderin im Haarkleid (1519, Kat. Nr. 161) oder auch der »Rosenkranzaltar« (um 1525, Kat. Nr. 166), dessen wundervolle Schnitzereien - wie auch die Figuren des Magdalenaltars - noch ihre prächtige Erstfassung bewahrt haben. Prunkwerke aus lauter glänzenden Farben und gleißendem Gold!

Insgesamt 249 Exponate aus den Ausstellungsräumen und aus dem Depot bringt uns dieser Katalog nahe, der schon auf den ersten Blick durch die brillanten Abbildungen besticht. In einem eigenen Beitrag schildert die Fotografin Annette Henning (Kunsthistorisches Institut der Uni Kiel) die unvorstellbar aufwendige Arbeit an Licht- und Kameratechnik. Zumeist wurde nach Anbruch der Dunkelheit fotografiert, um unliebsame Reflexe insbesondere auf der Goldfassung der Schnitzwerke auszuschließen. Schon angesichts von Auswahl, Anzahl und Qualität der Fotoarbeiten ist der Preis des Buches, das mit vielfältiger finanzieller Unterstützung hergestellt wurde, erstaunlich günstig.

Besteht also nach alledem guter Grund, ins Schwärmen zu geraten, so mahnen die Texte, die vom Herausgeber zusammen mit seinen Fachkollegen Jörg Rosenfeld und Christiane Saumweber verfasst wurden, zur unbedingten, man möchte fast sagen hanseatischen Sachlichkeit: Die Autoren sind nämlich Vertreter des »kunsttechnologischen« Ansatzes, der eher Material, Machart und Erhaltungszustand im Blick hat, als dass er sich aus- und abschweifend in weitläufigen Deutungsgefilden erginge.

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Albrecht selbst nennt das Werk einen »kritischen Katalog« (S. 9), was besagen will, dass bei der nunmehrigen wissenschaftlichen Erfassung der Objekte auch die ältere Literatur (insbesondere die Beschreibungen von Max Hasse (1964) und Jürgen Wittstock (1981)) einer eingehenden Revision unterzogen wurde.

Ein ausführlicher wissenschaftlicher Apparat nebst einem freundlichen Glossar und drei Registern (Orts- und Personenregister, Sachregister und Provenienzregister) schließen das Buch ab, das hauptsächlich professionelle Kunsthistoriker und Restauratoren als Leser - und notabene Betrachter - finden dürfte.

Der interessierte Museumsbesucher wird wohl kaum mit den zwei Kilogramm Buchgewicht durchs Lübecker St. Annen-Museum wandeln wollen. Er mag es zu Hause zur Vor- und Nachbereitung aufbewahren und sich an diesem Schatz gediegenster Dokumentation sakraler Kunst des Mittelalters freuen.