Ausstellungsbesprechungen

Albrecht Dürer - Genie, Marke, Vorbild, Galerie Stihl Waiblingen, bis 22. Januar 2012

Albrecht Dürer fasziniert als Ausnahmekünstler bereits seit über 500 Jahren Kunstbegeisterte wie auch Künstler. Die Galerie präsentiert in ihrer Ausstellung neben originalen Holzschnitten und Kupferstichen des Nürnberger Meisters zahlreiche zeitgenössische Künstler und zeigt, wie Bilderfindungen Albrecht Dürers vor allem seit den 1960/70er Jahren künstlerisch rezipiert werden. Günter Baumann hat es sich angesehen.

Albrecht Dürer war nicht nur ein genialer Künstler, sondern auch ein rechtskundiger Geschäftsmann, und er animiert bis heute Heerscharen von Kollegen zu Repliken auf sein Werk. Ersteres ist hinlänglich bekannt und akzeptiert – nur scheinen sich die Vorzeichen in der gegenwärtigen Forschung zu verschieben, was überraschenderweise auch zu manch neuer Sichtweise führt. Thomas Schauerte etwa, Leiter des Nürnberger Dürerhauses und zurzeit einer der besten Kenner dieses bekanntesten aller deutscher Künstler, hebt besonders das grafische Werk Dürers hervor, der gemeinhin eher als Maler eingestuft wird. Der Kunsthistoriker ist Mitautor des Katalogs zur Waiblinger Ausstellung mit druckgrafischen Meisterwerken – in Kürze erscheint auch eine fulminant geschriebene biografische Betrachtung, die nach Rolf Vollmanns »Dürer-Verführer« von 2011 zeigt, wie spannend es ist, sich grade mit den Stichen und Holzschnitten des Meisters zu befassen.

So wäre es völlig verfehlt zu glauben, die Präsentation der grafischen Arbeiten in der Galerie Stihl Waiblingen sei eine hinlänglich bekannte »Neuauflage« zahlreicher früherer Ausstellungen zum Thema. Freilich sind die bekannten Holzschnittmotive aus der »Apokalypse«, der »Großen Passion« und aus dem »Marienleben« zu sehen, wie auch die Meisterstiche »Ritter, Tod und Teufel« (der eigentlich »Der Reuther«, d.i. Reiter, heißen sollte), das geheimnisvolle Blatt zur »Melancholie« (d.h. »Melencolia I«) sowie »Hieronymus im Gehäus«. Doch sind die Kontexte durchaus interessant. Albrecht Dürer führte einen der ersten dokumentierten Rechtsstreitfälle der Kunstgeschichte: Schon zu Lebzeiten berühmt oder zumindest begehrt, kopierten andere Künstler viele Arbeiten inklusive der bekannten Signatur – dem »A« mit dem eingeschriebenen »D«. Marcantonio Raimondi, der im Atelier Raffaels arbeitete, überführte Dürers Holzschnitte in die öfters reproduzierbare Tiefdrucktechnik des Kupferstichs. Streng genommen war das vielleicht keine Fälschung, sondern eine infame Geschäftemacherei. Als Dürer den italienischen Künstler auf die Anklagebank der Signoria in Venedig brachte, ging es denn auch nicht um den Vertrieb, sondern um das Kürzel. Raimondi durfte fortan die Marke AD nicht mehr verwenden. Immerhin, der Vorgang ist ein Beweis, dass die Signatur schon zu Dürers Zeit ein Markenzeichen war, und zwar über die deutschen Grenzen hinaus.

Auch die Prozesse um Urheberrechte sind längst in der Literatur nachzulesen, aber dass das 15. und 16. Jahrhundert schon mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte wie Künstler im Computerzeitalter, und dass Imagewerbung keine Erfindung der Moderne ist, sind schon Fakten, die man nicht oft genug betonen kann. Darüber hinaus lohnt sich ein Besuch der Waiblinger Schau wegen der Reminiszenzen, denn auch das zeugt von der Modernität und dem Genie Albrecht Dürers: die bereits im 16. Jahrhundert einsetzende Renaissance, die sich nicht allein im Dürer-Kult ausdrückt, sondern auch in der grandiosen Rezeptionsgeschichte. Neben den 65 Originalen Dürers zeigt die Galerie Stihl 20 Arbeiten aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die an europäischen Höfen kursierten und sich mit dem Dürerwerk nachahmend oder auch in Varianten auseinander setzten. Für den Besucher attraktiv dürften auch die 40 Werke seit den 1960er Jahren sein, die eine Verbeugung vor dem Genie und eine kritisch-ironische Beschäftigung mit dem Geniekult sind. Aus dem nahezu unerschöpflichen Schatz holte sich das Waiblinger Museum Arbeiten ins Haus von Moritz Baumgartl, Joseph Beuys, Felix Droese, HAP Grieshaber, Alfred Hrdlicka, Horst Janssen, Rune Mields, Michael Mathias Prechtl, Klaus Staeck, Rosemarie Trockel und anderen mehr.