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Albtraum und Befreiung - Max Ernst in der Sammlung Würth, Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall, bis 2. Mai 2010

Max Ernst (1891-1976) zählt zu den anregendsten und einflussreichsten surrealistischen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts ohne das öffentliche Bewusstsein eines Salvador Dali. Er ist ein Grenzgänger und Meister des Zwischenreichs. Mit seiner subtilen Destruktion der so genannten Realität und der vorsätzlichen Uneindeutigkeit seiner (alb-)traumartigen Bilderfindungen erschüttert Ernst die Gewissheit, dass Reales nur in seiner alltäglich erlebten Form existiert, so nachhaltig, dass sie noch heute zutiefst provozieren. Denn im Gegensatz zu Sigmund Freud, der den Traum rationalisieren wollte, belässt ihn Ernst in seiner Anarchie (Werner Spies). Günter Baumann hat sich mit dem Meister des Unbewussten für PKG beschäftigt.

Verglichen mit dem ungebremsten Ansturm auf Impressionistenausstellungen hält sich das Interesse für Surrealisten noch immer in Grenzen, sieht man von der durchaus merkwürdigen Anziehungskraft von Salvador Dali einmal ab. Auch die Expressionisten – aktuell etwa Ernst Ludwig Kirchner aus dem Brücke-Umfeld, der Blaue Reiter sowieso – erfreuen sich hierzulande einer stets wachsenden Beliebtheit, was immerhin ein Zeichen sein könnte, dass sie den Deutschen näher sind als die Meister des Unbewussten, die offensichtlich eher in Paris zu Hause sind. So einleuchtend das wäre, so bedauernswert ist es insbesondere im Hinblick auf Max Ernst, der bei allem Respekt und bei aller relativen Berühmtheit noch nicht als einer der wichtigsten, vielseitigsten und interessantesten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts ins öffentliche Bewusstsein eingegangen ist. Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall hat einen mutigen Schritt getan, um das zu ändern, mutig deshalb, weil die Sammlung zwar nicht auf viele malerische Hauptwerke zurückgreifen kann wie etwa »Die Horde« von 1927, wohl aber auf einen spektakulären Bestand an selten gezeigten Künstlerbüchern und obendrein Grafiken, die gemeinsam mit ergänzenden Gemälden und Plastiken einen Blick auf den ganzen Ernst erlauben. Dass dafür auch der herausragende Kenner Werner Spies als Berater und »Begleiter« (wie es liebenswert in der Pressestelle heißt) gewonnen werden konnte, garantiert die qualitative Höhe der Schau, die rund 430 Arbeiten vereint. Gut und gern 280 davon haben sich in der hauseigenen Kollektion angehäuft, die somit als eine der größten privaten Sammlungen in Sachen Max Ernst gilt.

Das Schwergewicht der Schau liegt auf den Arbeiten auf Papier, was man nicht gering einschätzen darf bzw. nicht hoch genug einschätzen kann: Hier ist der Surrealist ganz in seinem Element – die Weiterentwicklung der Collage, die Erfindung der halbautomatischen Frottage (Durchreibeverfahren) und Grattage gehen auf seine Kappe, weshalb man mit Fug und Recht, aber auch mit Augenzwinkern behaupten kann: Max Ernst dürfte zu den Künstlern gehören, die zumindest unbewusst jedem Kindergartenkind vertraut sein müsste. Umso mehr verwundert, dass viele sich im Erwachsenenalter schwerer mit ihm tun, wahrscheinlich, weil er sich den Kategorien entzog, die man später gern über Künstlerwerke stülpt. Die Ausstellung ist jedoch souverän – in der Einteilung wie der Ausstellungsarchitektur – auf eine Entdeckungstour angelegt, ohne die bildungsbeflissenen Erkenntnisse außer Acht zu lassen: Als Erbe der Romantik ist sein Weltbild gleichsam offen zur ironischen Brechung hin, wie es die düstere Seite kultiviert. Dabei flossen ohne Frage Kindheitserlebnisse (der Tod seines Vogels) wie kriegstraumatische Erlebnisse mit ein. Im Ergebnis dieser Weltsicht entstanden die grandiosen Collageromane, die man selten so intensiv wahrnehmen konnte wie in Schwäbisch Hall. Daneben entfaltet sich ein Panoptikum von Kreaturen, die einer unbändigen Phantasie entsprungen sind. Erfreulich ist, dass in dieser Ausstellung der Weg dahin vorwiegend über das Medium Buch führt. Reinhold Würth, der Hausherr, dem der »komplexe Kosmos« des studierten Philosophen, Kunsthistorikers (und künstlerischen Autodidakten) Max Ernsts wohl bewusst ist, meinte dazu: »Ernst war ein Mann der Bücher, einer, der zeitlebens einen enzyklopädischen Hunger nach Texten besaß, für den kein Tag verging, an dem er nicht las, und kaum ein Jahr, in dem er sich nicht als Illustrator … literarischer Texte … betätigte.« Dass es um weltliterarischen Rang geht, liegt an der Fluchtlinie des Exilanten: 1922 zog Max Ernst noch in die Metropole Paris, 1941 floh er in die USA, von wo er 1953 nach Europa zurückkehrte, nicht nach Deutschland, sondern nach Paris, wo er 1976 starb. Ein ereignisreiches Leben, ein fulminantes Werk, das auch heute noch an den Widerspruchsgeist appelliert – den gegen eine konfektionierte Wirklichkeit und gegen die Leichtgläubigkeit.