Ausstellungsbesprechungen

Alex Katz – Der perfekte Augenblick, Museum Ostwall, Dortmund, bis 9. April 2012

„Perfekte Augenblicke“ sind es, die der US-amerikanische Künstler Alex Katz in seinen Bildern festzuhalten versucht. Ob in seinen Landschaftsbildern oder seinen Porträts: Stets geht es darum, ein eindringliches Motiv, einen Moment der Schönheit festzuhalten. Günter Baumann hat es sich angeschaut.

Die Albertina in Wien inszenierte im vergangenen Jahr die Alex-Katz-Renaissance mit der Druckgrafik des Künstlers, die bei Würth in Schwäbisch Hall durch Gemälde noch erweitert wurde. Nun zieht Dortmund nach und präsentiert die Kunst von Katz unter dem Titel »Der perfekte Augenblick«. Im jüngsten Retrobewusstsein für die 1960er und 70er Jahre gerät auch Katz erneut ins Visier der figurativen Vorbildkünstler. Kaum ein Künstler grenzt die Dominanz der Oberfläche so deutlich von der achtlosen Oberflächlichkeit ab wie Alex Katz. Was uns wie eine coole Dekorationsästhetik anmutet, bezieht seine Tiefe aus dem Standpunkt des Betrachters.

Mit seinen Arbeiten inspirierte Katz seine Malerkollegen der Pop Art – von Lichtenstein bis Warhol. Noch heute taucht seine Farbpalette bei jungen Malern wieder auf. Erstaunlich ist dabei die ungeheure Präsenz, die sein Werk nach wie vor vermittelt. Katz entwirft perfekte Momentaufnahmen alltäglicher Situationen, präsentiert uns Menschen des Hier und Jetzt, in schillernden Assoziationen, die uns aus der Werbung, dem Kino oder der Jazzmusik bekannt vorkommen. Doch mit diesen Eindrücken ist der Betrachter auch schon am Ende seiner Wahrnehmung. Selbst wenn er weiß, dass Katz bevorzugt seine Frau als Modell nimmt, was einen kleinen Vorsprung für den Blick in die Tiefe bedeutet, kann man dem Motiv nicht auf den Grund gehen. »There is no story«, gibt Katz in Bezug auf die Oberflächlichkeit seiner Bilder zu, die keinen Hehl aus ihrer Nähe zu Positionen von Matisse, Monet oder Bonnard machen.

Einst waren das vielleicht eher pragmatische Überlegungen. Der 1927 geborene Alex Katz, der über die Werbegrafik zur Kunst kam, betrat den Pfad figurativer Kunst, als diese sich noch nicht über die eigene Richtung bewusst war. Der Künstler übernahm aus der abstrakten Kunst das seiner Meinung nach Beste, was sie zu bieten hatte: die Fläche – der abstrakte Expressionismus ist ihm von jeher fremd – und übersetzte den japanischen Farbholzschnitt völlig neu, indem er ihm jegliche Tiefenwirkung entzog. Das Ergebnis waren die Bilder, die ihn berühmt machten, von denen er nicht mehr wesentlich abwich, nicht abweichen musste, denn an dieser ästhetischen Oberfläche war kaum zu kratzen, ohne auch die makellos-distanzierte Schönheit zu beschädigen. Bewegung vermeidet der Maler bravourös, so dass man den Eindruck hat, jede Rührung – sowohl die motorische wie gefühlsmäßige Bewegung – würde als Entgleisung empfunden werden. In einer Zeit großer emotionaler Spannungen kühlt Katz die Stimmung herunter. Das mag nicht jedermanns Sache sein. Aber betrachtet man seine aus Aluminium geschnittenen, weidenden Kühe, entgeht einem nicht die Ironie dieser Cut-Outs.

Die perfekte Erscheinung ist möglicherweise nur eine Entlarvung des Fassadenkultes unserer Gesellschaften, die oft wirklich nichts als Oberfläche sind. »All about surface« heißt ein Credo von Katz, aber man muss schon eine gedankliche, sagen wir philosophische Tiefe mitbringen, um sie so überzeugend darstellen zu können. Hier ist er auf der Höhe der Zeit, wo das Erscheinungsbild eben alles ist, worüber wir sicher sein können. Überraschend kurz ist letztlich der Weg von der nüchternen Mode zur geheiligten Melancholie.

In Dortmund flaniert der Besucher über die Station zum Thema – die Welt des perfekten Augenblicks – über (Stadt-)Landschaftsbilder und lichtdurchflutete Seestücke zu den vielfältig thematisierten Porträts: modisch betonte »Style«-Bilder, makellose »Ikonen«, »Alex & Ada« (die Frau des Künstlers erscheint als unnahbare »American Beauty«) und ballettbezogene »Tänzer«, hin zu den sogenannten »Allovers«, die bis an die Grenze zur Abstraktion hinführen. »Alex Katz und American Poetry« mit Querverbindungen zu Frank O'Hara, Robert Creeley, Ron Padget u.a. lockern den Rundgang auf. Ohne direkte Vergleichsarbeiten kann man sich dennoch gut vorstellen, wie sich malerische und grafische Arbeiten aneinander abarbeiten. Die sechste Etage des U-Turms erstreckt sich über 800 Quadratmeter – ideales Terrain für die rund 200 Arbeiten. Auf faszinierende Weise entfaltet sich hier bis in die jüngste Gegenwart der coole Augen-Blick auf die Welt.