Ausstellungsbesprechungen

Alexander der Große und die Öffnung der Welt. Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, bis 21. Februar 2010

Es scheint ein Phänomen zu sein: Auf der einen Seite zieht es die Menschenmassen zu Künstlern vom Format Van Goghs und Picassos, die man zu den Gründungsvätern der Moderne zählen kann. Auf der anderen Seite sind es gerade die historisch abgelegenen Themen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen: Die alten Syrer stehen in Stuttgart auf dem Programm, die (historischen) Vandalen sind in Karlsruhe aktiv, und in Mannheim werden es über 160.000 Menschen gewesen sein, die sich diese gigantische Schau über Alexander den Großen in Mannheim angesehen haben, bevor sie Ende Februar ihre Pforten schließt. Unser Rezensent Günter Baumann hat sich auf die Spuren Alexanders und seiner Zeit begeben.

Offenbar stimmt hier alles: Märchen, Legende und Wirklichkeit liegen so eng beieinander, dass man die Geschichte des Königs nicht besser hätte erfinden können. Mit noch nicht 35 Jahren starb der Feldherr, unterwegs in seinem Reich, das in der damaligen Vorstellung kaum Anfang noch Ende (oder um doch konkret zu werden: eine Ausdehnung von rund 5000 km) hatte. Wenn es einen Menschen gibt, der die Welt verändert hat, dann ist es Alexander. Kein Wunder, dass nun in den Reiss-Engelhorn-Museen allein an den Wochenenden bis zu 6000 Leute Schlange stehen. Nicht weniger als 40 Museen haben Exponate bereitgestellt, um vor den Augen der Betrachter ein Bild Alexanders entstehen zu lassen, das faszinierend genug ist, um nach über 2300 Jahren noch ein lebendiges Echo zu erzeugen, ohne dass man sich in verklärendem Personenkult verirren könnte, und das wissenschaftlich auf einer derart fundierten Basis steht, dass wir ihm gern durch das an sich reichlich unbekannte Persien folgen. Dass man dort neben beeindruckenden Porträtköpfen auch eine zivilisatorisch vielsagende Badewanne, aus Elfenbein gearbeitete Möbelbeschläge u.a.m. zu Tage brachte, macht den Besuch zur durchaus unterhaltsamen Entdeckungsreise. Digitale Animationen schließen die Lücken, die die Primärinformationen vor den Objekten nicht liefern können.

Der einstige Zögling des berühmten Philosophen Aristoteles stand immer auch für die altgriechische Kultur, war somit Europäer - einer von uns sozusagen. In Mannheim eilen wir ihm nach in die zentralasiatische Ferne und Fremde, so dass uns unser Horizont plötzlich bescheiden klein vorkommt. Und selbst wenn auf Alexanders Lebensweg eine Kriegsspur über den halben Globus führt, hat er die Tür einer ganz anderen Welt aufgestoßen, die nach beiden Seiten zum kulturellen Austausch einlud: Die Ausstellung ist thematisch quasi an deren Schwelle angesiedelt, wo der Austausch zwischen diesen Welten real vonstatten ging. Für damalige Verhältnisse war Alexander ein global player zwischen Afghanistan und Europa (die ausgestellten Werke kommen u.a. aus Tadschickistan und aus dem British Museum, um nur die Eckpfeiler zu markieren), wie man ihn heute suchen müsste. Die Nachwelt findet ihn auch als Begründer bzw. Bewahrer – und leider auch als Zerstörer – einer Vielzahl von Städten und Staaten. Wo nun die Wiege Europas genau lag, ist angesichts der Vermittlungen und Vermischungen nicht leicht zu beantworten, aber eine spannende, da offene Frage in Zeiten der Multikulti-Verächter.

Aufgeteilt ist die Ausstellung in sechs Bereiche: Ausgehend vom Mythos Alexanders, verbunden mit seinem Bildnis, geht es zu seinen Feldzügen im Osten, gefolgt von der Darstellung des persischen Großreiches als Feindesland und Faszinosum; außerdem steht die griechische Kultur in Kleinasien im Zentrum sowie die Kultur unter den Kuschan (1. Jh. v.Chr. - 3. Jh. n.Chr.), und schließlich gewährt die Ausstellung einen Ausblick auf Alexanders Nachwirkung.

Der schwergewichtige Katalog ist ein Standardwerk, das auf rund 500 Seiten hunderte von Exponaten in Essays renommierter Wissenschaftler einbindet und die jüngsten Grabungsfunde mit einbezieht (man denke an die Festung von Kurgansol). Auch die Kinder wurden nicht vergessen – für sie ist zusätzlich ein leicht zugänglicher Katalog erschienen, der spielerisch eine längst vergangene Zeit vergegenwärtigt.

Weitere Informationen

Wegen des Zulaufs hat das Museum die Öffnungszeiten noch einmal erweitert: Bis 19. Februar ist die Alexander-Ausstellung von 11 bis 21 Uhr geöffnet, und am Samstag, den 20. Februar, kann man die Schau bis 23 Uhr besuchen.

"Der große Alexander". Das Kinderbuch zur großen Alexander-Ausstellung ist nur erhältlich an den Museumskassen der Reiss-Engelhorn-Museen.