Buchrezensionen

Alexander Eiling, Elena Schroll (Hg.): Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Prestel 2018

Von der Künstlerin Lotte Laserstein ist vor allem aus ihrer Berliner Zeit, bevor sie ins schwedische Exil floh, ein beeindruckendes Werk erhalten geblieben. Ein breites Spektrum ihrer Gemälde wird in einem neuen Katalog präsentiert, den Susanne Gierczynski für Sie besprochen hat.

Der Ausstellungskatalog über die deutsch-schwedische Malerin Lotte Laserstein (1898-1993) ruft ein Œuvre in Erinnerung, das die nationalsozialistisch verursachte Zäsur nicht zu kompensieren vermochte. Lotte Laserstein präsentiert sich mit einem formidablen Berliner Frühwerk aus den 1920er- und 1930er-Jahren, das sich am Realismus des 19. Jahrhunderts orientiert und sich im Fokus der Ausstellung befindet. Maler wie Wilhelm Leibl (1844-1900), Carl Schuch (1846-1903) und Adolph von Menzel (1815-1905) stehen Pate für einen gelockerten Pinselduktus, eine Lichtregie, die aus dem Dunkel herauskommend agiert, und für ihren realistischen Porträtstil. Zeitgenössische Einflüsse, etwa jener der Neuen Sachlichkeit, gehen in Form eines maskulinen Frauenideals in Lasersteins Frühwerk ein, dem ihr favorisiertes Modell Traute Rose so sehr entsprach: androgyn, sportlich, emanzipiert, in lässiger Kleidung und mit kurzem Haar. Hauptwerke Lasersteins jener Jahre reflektieren ein Frauenbild, das sich gewagt zu einer selbstbewussten Intimität bekennt. Diese frühe Lust an der Zurschaustellung weiblicher Intimitäten bricht mit den im schwedischen Exil entstandenen Arbeiten abrupt ab. Lasersteins Selbstverständnis als Malerin wird von der überlebensnotwendigen konventionellen Erwerbsmalerei als Porträtistin unterminiert.

Die Katalogtexte heben Lasersteins „planvolles Karrierestreben“ der frühen und mittleren Jahre hervor, ihre Mitgliedschaften in Vereinen und Verbänden, ihre beachtenswerten Erfolge bei Wettbewerben, ihre couragierte Gründung einer Malschule im eigenen Atelier im Jahr 1927, direkt nach Abschluss ihres Examens an der Hochschule für bildende Künste. Bis es zum Hauptwerk jener Berliner Jahre kam: 1931 entstand Lasersteins „Abend über Potsdam“, ein Panoramabild, das die Künstlerin Zeit ihres Lebens bei sich behielt. Die Beziehungslosigkeit der Protagonisten untereinander, die Tristesse ihrer ins Leere gehenden Blicke, die selbst vor dem unter dem Tisch liegenden Schäferhund nicht Halt macht, wirkt, wie der Katalogtext zu Recht bemerkt, „bühnenhaft“ und erinnert im formalen Aufbau an Darstellungen des Letzten Abendmahls. Man ahnt eine Symbolträchtigkeit und weiß nicht recht, ob diese eingelöst wird. Den „affektkontrollierten“ Habitus der Protagonisten auf Vorbilder wie Dürer und Holbein zurückzuführen, wie Alexander Eiling konstatiert, ist gewagt. Elena Schrolls These, Lasersteins kaum vorhandene öffentliche Wahrnehmung im Nachkriegsdeutschland bliebe ihrer „relativ klanglos“ erfolgten Diffamierung geschuldet, irritiert, weil sie sowohl die Brisanz der kunsthistorischen als auch der biografischen Situation verunklärt.

Annelie Lütgens verortet Lasersteins Tragik im Hinblick auf ihre Stellung innerhalb eines kunsthistorischen Kontextes dahingehend, dass ihre Malweise „scheinbar perfekt“ in den „später unter den Nationalsozialisten“ propagierten „pathetischen, rückwärts gewandten Naturalismus“ passte. Lasersteins Selbstporträts zeugen laut der Autorin von einer selbstbewussten Traditionalistin, die „gewissermaßen Tableau vivants der Neuen Frau“ inszenierte. Anna-Carola Krausse entdeckt Lasersteins „unerschrockenes Verhältnis“ zum kunsthistorischen Erbe und attestiert Laserstein unter dem Eindruck des „Malens auf Bestellung“ ab Mitte der 1940er-Jahre eine mehrjährige künstlerische Krise, während der sich die Künstlerin auf eigene alte Bildideen und kompositorische Muster besann.

Maureen Ogrocki charakterisiert das Bild der Lotte Laserstein in den 55 Jahren ihrer schwedischen Emigration als das „einer arbeitsamen und in ihren Kreisen erfolgreichen Künstlerin, die ihre Schritte mit Bedacht wählte“. Als Laserstein 1993 mit 94 Jahren in Kalmar stirbt, hinterlässt sie ein 10.000 Werke umfassendes Œuvre, das in ihrer späteren Wahlheimat Schweden entstanden war. Ihr populäreres Berliner Werk aus der Zeit bis zu ihrer Flucht 1937 umfasst 500 Gemälde und Grafiken.

Der Katalog stellt das ambitionierte Frühwerk einer Malerin vor, das gleichsam abgetrennt von deren anschließendem Leben und Arbeiten unter dem Eindruck der Verfolgungen der nationalsozialistischen Diktatur und der schwedischen Exilerfahrung - die den allergrößten Anteil ihrer Lebenszeit ausmachte - wirkt.

Es handelt sich um einen Katalog, der die optische Aufbereitung der einzelnen Werke zugunsten wissenschaftlicher Genauigkeit in den Vordergrund stellt. Lebensdaten zitierter Künstler werden nicht genannt, Zitate werden nicht selten ohne Quellenangabe gesetzt und manch einer Behauptung fehlt der wissenschaftliche Beleg. Dennoch: Der Band ist lesenswert, in der Qualität der Abbildungen hervorragend und kann sich rühmen, ein bislang wenig beachtetes Werk zu vergegenwärtigen.

Titelangaben

Alexander Eiling, Elena Schroll (Hg.)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht
Prestel Verlag, ISBN: 978-3-7913-5803-1, Ladenpreis 45,00 €