Buchrezensionen

Alexander Kluy: George Grosz. König ohne Land, DVA 2018

Er war einer, der seiner Zeit ein Gesicht gab, einer, der sie aber auch scharf beobachtete und sich nicht scheute sie auf‘s Bissigste zu kommentieren, zu karikieren und schonungslos darzustellen. George Grosz, bürgerlich Georg Ehrenfried Groß. Mit seiner Biografie legt Alexander Kluy die erste umfassende Betrachtung des Lebens dieses Ausnahmekünstlers vor. Stefanie Handke hat sie unter die Lupe genommen.

Die Hauptperson des Buches braucht wohl keine Einführung, immerhin scheute George Gros sich nicht provokant aufzutreten, unschöne Realitäten in seinen Bildern, Illustrationen und Karikaturen zu inszenieren und das menschlich allzu Menschliche zu zeigen – und wurde damit, wie freilich auch mit seiner modernen wie visionären Bildsprache zu einem der Hauptprotagonisten der Moderne in Deutschland. Die Kunstwelt der 1920-er Jahre ist ohne ihn undenkbar. Mit der Biografie über diesen scharfsinnigen und -züngigen Künstler schließt der Autor eine Lücke und hat vor allem teilweise unveröffentlichte Dokumente, vor allem aber die Briefedition von Herbert Knust umfassend ausgewertet.

In dieser Arbeit scheint der studierte Literaturwissenschaftler ganz offensichtlich aufgegangen; die Quellenarbeit liegt ihm, er filterte zahlreiche Details aus den Unterlagen und zitiert diese zum Teil seitenweise. Insgesamt 381 Seiten Text sind das Ergebnis seiner detailverliebten Arbeit. Darin liefert der Autor eine Fülle von Informationen und zeichnet das Bild dieser widersprüchlichen Persönlichkeit, die düstere Werke wie »John, der Frauenmörder« (1918) oder bösartig-bissige im Stil von »Die Stützen der Gesellschaft« (1926) schuf.

Früh schon kam Georg Groß mit den zwei Polen der Gesellschaft in Berührung; seine Mutter verdient den Lebensunterhalt der Familie nach dem Tod des Vaters als Haushälterin eines Offizierskorps und so erlebt er »am eigenen Leib die harsche soziale Staffelung.« (S. 31); gleichzeitig beeindruckt seine Kunstfertigkeit früh seine Lehrer und Groß wird im Alter von 14 Jahren schon in einen Zeichenkurs aufgenommen, verkauft gar Reproduktionen. Diese Widersprüchlichkeit von Erfolg und der Brutalität seiner Gegenwart soll sich ebenso wie durch das Leben des Künstlers durch das Buch Kluys ziehen. Irgendwo zwischen bewusster Provokation und dem Ringen um Anerkennung am Markt, zwischen Erfolg bei seinen Künstlerzeitgenossen und amerikanischen Bewunderern und Verfemung durch die Nazis bahnte sich George Grosz seinen Weg.

Eine einfache Persönlichkeit ist das nicht – natürlich nicht. Und dafür eine Sprache zu finden, auch nicht, wenn Arbeitsdisziplin, zielorientierte Platzierung am Kunstmarkt auf Depression, Alkoholexzesse und einen desillusionierten Blick auf die Wirklichkeit treffen. Der Terminus »Trickster« (S. 76) scheint da wohl in der Tat angebracht, wenn Kluy Grosz' Rollenspiele in den Blick nimmt, während der er mal er selbst, mal als Graf Ehrenfried und mal als Arzt auftritt. Das ist einerseits selbst gewählt, andererseits drängt es den Künstler aber in eine Einsamkeit und kann vielleicht auch als Ausdruck seines inneren Widerspruchs gelesen werden. Und dennoch, genau dieses ist es wohl, was den Künstler zu einem der bedeutendsten Protagonisten des Dada in Berlin werden lässt. Diese hoch politisch-unpolitische Nicht-Kunst zieht ihn freilich an, und auch sein Aufsatz »Statt einer Biographie« lässt sich in das Kunstverständnis der Dadaisten bestens einbinden, während die hierin geäußerte Kunstauffassung auch für sein gesamtes Wirken programmatisch ist.

Nein, Grosz ist kein einfaches Sujet, und so läuft wohl jeder Autor Gefahr sich in diesem Lebensweg zu verlieren. Das passiert Kluy glücklicherweise nicht; er führt zahlreiche Fakten auf, zitiert intensiv und macht keinen Hehl aus der Fülle an Material, die ihm zur Verfügung stand. Dabei verzettelt er sich nur gelegentlich; sein Schreiben wird dann jedoch regelrecht positivistisch und scheinbar unkritisch zitiert er und ergeht sich auch schon einmal in Lobhudelei über Grosz. Hier würde man sich mehr Distanz wünschen – aber ist die überhaupt möglich? Auch neigt der Autor zum Psychologisieren, auch dies aber eine Gefahr, die eine Figur wie Grosz als Sujet in sich birgt. Indes, Kluys Beschreibung der Berliner Kunstszene in den Zwanzigern, in der sich dieser »Rollenspieler« in seiner Beschreibung gleich einem Fisch im Wasser zu tummeln scheint, ist gelungen. Hier findet der Leser eine farbig geschilderte Einbettung von Grosz' Wirken in die Turbulenzen der Zeit, die flüssig und unterhaltsam zu lesen ist, während in anderen Teilen des Buches die Fakten kaum zu bewältigen sind , etwa in der Beschreibung der vergleichsweise ereignislosen späten Jahre. Insbesondere die Jahre vor der Emigration nach Amerika lassen nachvollziehbar werden wie Grosz' Werke aus diesem Umfeld heraus entstanden.

Kluys Arbeit kann man nicht kleinreden; er hat Quellen und Sekundärliteratur intensiv studiert und daraus die überfällige Biografie einer faszinierenden Persönlichkeit gestrickt, deren Stärke vor allem die Einordnung des Künstlers in seine von Turbulenzen geprägte Zeit und sein illustres Umfeld ist. Diese ist obendrein gut zu lesen. Dennoch, ihre Fehler kann die Biografie nicht verstecken. Die seien aber verziehen angesichts der Tatsache, dass nun endlich dieser faszinierende Künstler mit einer Biografie gewürdigt wurde, die ihn in sein Zeit bestens einordnet.