Ausstellungsbesprechungen

Alexej Meschtschanow – The Hygienic Colors, Galerie Rainer Wehr, Stuttgart, bis 20. Februar 2009

Auf den ersten Blick ist das ästhetische Empfinden gefragt: Möbel stellen sich optisch, sinnlich – und ganz frech auch physisch – in den Weg, die offenbar nicht ins Heute gehören. Weder in der biedermeierlichen Scheinidyllik noch in der Stahlrohrhockernüchternheit findet man das, was ein Mobiliar vermitteln sollte: Wohnlichkeit, wenn nicht gar Behaglichkeit, Heimeligkeit. Doch spätestens dann, wenn bei genauerem Hinschauen die Nutzbarkeit der Objekte in Frage gestellt wird, ahnt man, dass man sich auf dem Holzweg befindet.

Mobiliar ohne Gebrauchswert ist Sperrmüll oder Kunst. Die Arbeiten von Alexej Meschtschanow (geb. 1973) verleugnen ihren Fundcharakter nicht, könnten im besten Sinn postdadaistische Anti-Kunst sein, sind ihrer Funktion enthoben wie ein Objekt von Marcel Duchamp, sperrig mithin. Doch im Quantensprung von der Dada-Provokation über die kulturgeschichtlichen Gedankenketten zum Thema Stuhl (Kulturgut, sozialer Status, Anthropomorphismus, sakraler Kontext u.a.) hin zur konzeptionellen Aussage ist man beim nächsten Blick genau da, wo die Anfangsirritation schon war, diesmal mit gesicherter Wahrnehmung und statt eines gefühlten Fragezeichens mit einem Ausrufezeichen versehen: Das soll Kunst sein!

Es ist faszinierend, mit welcher Stringenz das Werk Meschtschanows sich in die Kunstöffentlichkeit begeben hat – eine zufällige Erfüllung des möblierten Sinns, bedeutet doch das Wort Mobiliar einen beweglichen Gegenstand –: Vor fünf Jahren war der Stuttgarter Galerist Rainer Wehr noch ein einsamer Streiter für den Bildhauer aus Kiew, und in der aktuellen Ausstellung in seinem Haus hatte er fast Schwierigkeiten, einige der grandios entzweckten Arbeiten zu sichern, weil die Nachfrage inzwischen so gestiegen ist, dass der Künstler kaum nachkommt. Das Kunstmagazin »monopol«, das ein besonderes Augenmerk auf Berlin hat, wo Meschtschanow lebt und arbeitet, hat ihn im vergangenen Herbst als Newcomer gefeiert. Und wie staunt man, wenn man in der Vita liest, dass der eigenwillige Konstrukteur sein Studium bei dem Guru der Leipziger Schule, Arno Rink, und dem Fotojournalisten Timm Rautert absolviert hat. Hier bekommt der Begriff des Realismus im Hinblick auf das Werk eine neue Qualität. Es geht nicht um eine dadaistische Verweigerung, sondern um eine Schärfung der Wahrnehmung, wie Wehr meint, »durch seine ironischen Eingriffe unterwandert der Bildhauer die sicher geglaubten Konventionen der jeweiligen Fundstücke«. So weit ist das nicht von Neo Rauch & Co entfernt.

Was sich uns nun in den Weg stellt, sind Alltagsmöbel – Sitzmöbel, Kommoden, Kinderbettchen, Teewagen – , die Meschtschanow durch Rohrgerüste und andere Konstruktionsgestelle ergänzt, sozusagen mit Übereifer weiterführt, bis der Sinn des Gegenstands übererfüllt wird (zusätzliche Standbeine für einen Hocker, Rädchen an einem Stuhl) oder eben ad absurdum geführt wird (eine ins Stahlkorsett gezwungene, verschraubte Wiege, oder ein Teewagen, dessen Aufsatz keine Ablage mehr bietet). Die gut bürgerliche Einrichtung bekommt Brüche, die Sehgewohnheiten werden ausgehebelt, Möbel machen sich selbständig, das heißt: Sie demonstrieren gegen die eigentliche, aber letztliche Fremdnutzung. So treten uns die Objektcollagen selbstbewusst entgegen und wir werden gewahr, dass wir mit dem Alltag auskommen müssen (und nicht er mit uns). Nicht zuletzt an den Titeln ist die Verselbständigung abzulesen, wenn etwa ein Tritthocker kaum sichtbar zu einem halbwegs waghalsigen Treppenobjekt verdoppelt wird und sich dem Betrachter als »Verräter« (2003) zum Ersteigen anbietet. Die Kunst Meschtschanows macht uns natürlich nicht besser, aber sie vermag es, uns sensibler zu machen im Umgang mit der Banalität des Lebens.

Während die Besucher der Galerie bereits 2004 Prothesensessel aus dem Biedermeier und ähnliches sehen konnten, präsentiert Rainer Wehr in der aktuellen Schau auch wuchtige Bretterverschläge, die alte Holzdielen bzw. Schwellen in Stahlrahmen zeigen, sowie hochvergrößerte C-Prints von Kugelschreiberzeichnungen aus Meschtschanows Kindheit, die einen ganz besonderen Charme haben.

 

Weitere Informationen

Öffnungszeiten:
Di, Do, Fr: 14.30 bis 18.30 Uhr
Mi: 14.30 bis 19.30 Uhr
Sa: 11 bis 14 Uhr