Buchrezensionen, Rezensionen

Alfred Gulden / Bettina van Haaren: Atem - Balladen und Zeichnungen, Gollenstein Verlag 2010

Durch ihre konträren Sichten – einmal die des Autors und andererseits die der bildenden Künstlerin – zeigen Alfred van Gulden und Bettina van Haaren zwei Betrachtungsweisen zum Thema »Atem« auf. Ob mit Hilfe des Abbildes des eigenen Körpers und dessen Mimik und Gestik oder des geschriebenen Wortes, beide verstehen es das Thema aufzugreifen und expressiv zu bearbeiten. Unsere Autorin Verena Paul hat das Buch für Sie gelesen.

Mit der Publikation »Atem – Balladen und Zeichnungen« erneuern Alfred Gulden und Bettina van Haaren »eine alte, schöne Tradition – die Idee des Künstlerbuches«, wie Burkhard Baltzer in seinem Beitrag erklärt. Unabhängig voneinander griffen die beiden Künstler das Thema auf und arbeiteten schließlich aufeinander zu. Das Lufteinsaugen ist bei Guldens erstmals hier gedruckten Balladen bisweilen mit Todesangst und in den Zeichnungen van Haarens mit der extremen Erkundung des eigenen Körpers verbunden, was nicht selten von schmerzhaften Erfahrungen begleitet wird. Entstanden ist, so urteilt unsere Autorin Verena Paul, ein ungewöhnlich spannender Dialog zwischen den Künsten, die das Atemholen als existenzielle Erfahrung in aller Eindringlichkeit buchstabieren.

Alfred Gulden, der »Sprache als Plastisches, als Schamanisches, Rhythmisches« versteht, setzt sich in seinen Balladen mit Themen auseinander, die den Atem stocken lassen: seine Erfahrungen mit Religion, Mythen, Geschichte und Politik, sexuellen Entdeckungen in der Pubertät und schließlich mit seinem Asthma, das ihn Grenzsituationen erspüren ließ. Hierzu wählt der Dichter eine Sprache, die zwischen sachlich-präzisen Beobachtungen und poetisch-verschwommenen Interventionen, Distanz und erschütternder Nähe, zwischen ruhig fließenden Passagen und klanggewaltigen Intermezzi oszilliert. Dabei vergegenwärtigt er dem Leser das Problem der Atemlosigkeit, des Gehetztseins nicht zuletzt durch die fehlenden Interpunktionen, die zur Dynamisierung der Sprache beitragen.

In ihren Zeichnungen, die den Gedichten bisweilen unmittelbar gegenübergestellt sind, sucht Bettina van Haaren »die größtmögliche Entfernung zu sich selbst, obwohl sie fast immer sich zum Modell nimmt«, so Baltzer. Mit dem Bleistift erkundet sie das Weiß des Grundes in sicherer, konzentrierter Strichführung und gelangt dergestalt zur Auflösung des menschlichen Körpers. Sie setzt den Leib seiner Umgebung, den Dingen des Alltags aus, indem sie ihn aushöhlt, verletzt, fragmentarisiert oder in eine neue Formensprache übersetzt. Es verwundert also nicht, dass der Betrachter an jedem einzelnen versehrten Korpus Anteil nimmt / nehmen muss. Aufgerissene Münder und Augen, sich zu Spiralen windende Oberkörper (möglicherweise auch Lungenflügel) oder geweitete Nasenlöcher korrespondieren nicht nur mit der Lyrik Guldens, sondern ich fühle mich auch an Thomas Bernhards »Der Atem« erinnert, wo der junge Protagonist berichtet: »Meine Atemzüge waren die einer, wie mir vorgekommen war, vollkommen zerstörten Lunge gewesen, ein fürchterlicher Zerstörungsprozeß war jedes Mal, wenn ich ein- oder ausatmete, deutlich erkennbar, ich hatte, wenn ich nur ein- oder ausatmete, und das ganz bewußt und ohne die geringste Gefühlsverfälschung, den Gegenbeweis dessen, wovon mich mein Großvater zu überzeugen versuchte, [...]. Ich war erledigt.«

Die Schilderungen der beiden Künstler »lassen nur den übereinstimmenden Schluss zu«, wie Baltzer in seinem informativen Essay schreibt: »Diese Gesellschaft glaubt sich einen Stillstand auf einem atemraubenden Niveau leisten zu können. Gulden und van Haaren drehen den falsch gehaltenen Feldstecher endlich wieder um, mit dem man zuvor den Zauberberg [in Anspielung auf Thomas Manns gleichnamigen Roman] in ganz, ganz weiter Ferne sah.« Sie loten – in den Medien der Ballade und der Zeichnung – das Atemholen als existenzielle Erfahrung neu aus, schockieren in der Unmittelbarkeit, Schärfe, Plastizität ihrer Darstellung und schnüren dem Leser beziehungsweise Betrachter die Kehle zu. Dabei artikulieren beide Ängste und eine Form des Leidens an der Gesellschaft und deren Schieflagen. Alfred Gulden kleidet dieses Ungehaben pointiert in die Verse: »Tauchgang Atemangst / bodenlos sinke ich / ein menschliches Boot / im Beweglichen beweglich / ein schwerer Körper fällt / Tauchgang Atemnot«.

Fazit: Mit »Atem – Balladen und Zeichnungen« hat der Gollenstein Verlag ein Werk vorgelegt, das mich neben der formalen Gestaltung und dem Nachwort primär durch die künstlerischen Beiträge beeindruckt hat – mit Versen und Zeichnungen, die wie Stromschläge wirken und einen erbarmungslosen, kritischen und gleichermaßen dem Leben zugetanen Blick auf Realität werfen. Ein Bändchen, das ich auch nach der ersten Lektüre / Betrachtung immer wieder gerne in die Hand nehme und auf mich einwirken lasse!