Ausstellungsbesprechungen

Alfred Hrdlicka, Bildhauer, Maler, Zeichner

Die Arbeiten des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka sind von einer Präsenz und einer formalen Spannung, als müssten sie jederzeit zerbersten.

Diese atemberaubende Drastik mag der Grund sein, dass man das meist grantelnd dreinschauende Wiener Urgestein, den »großdeutschen« Antifaschisten, schnell als Mehrfachbegabung ansieht: Wer dem Marmor so zusetzen kann, dem traut man kaum zu, dass er die Radiernadel oder den Stift auf die Metallplatte beziehungsweise das Papier setzen kann, ohne ein reißerisches Schlachtfeld zu hinterlassen. Doch er ist ein Meister aller Klassen, so unverwechselbar wie unerbittlich. Leidenschaftlich zerrt er den Menschen als Triebwesen ins Rampenlicht der Kunst, reißt ihm die Maske des Biedermanns vom Gesicht und zeigt ihn schonungslos als Verbrecher, aber auch als geschundene Kreatur und Opfer. Aus einer Art materialistischer Urmasse stülpt sich unter den Händen Hrdlickas eine »Kaiserin und Wunderkind« oder ein »Giordano Bruno« hervor, Gliedmaßen wuchern zu monströsen Formen aus.

Politisch war er immer, auch als die Kunst sich in Elfenbeintürme flüchtete oder sich im Experimentellen oder Konzeptionellen gefiel. Nun, da die engagiert-politische Kunst auch wieder Konjunktur hat, stehen seine Protagonisten da, als hätten sie das immer schon gewusst. Nur geben sie sich nach wie vor eigensinnig in ihrer »aggressiven Gegenständlichkeit« – eine Einschätzung von Reinhold Würth, die treffender nicht sein kann – wie auch in ihrer Unbeirrbarkeit: Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Hrdlicka etwa schon mit den Brüdern Stauffenberg und dem Attentat auf Hitler. Die jüngsten grafischen Zyklen zu diesem Thema, das noch dem angry old bis in die Fingerspitzen hineinbrennt, rühren mehr auf, als es ein Hollywood-Melodram mit Tom Cruise als zeitgeistig smartem Attentäter je könnte. Alfred Hrdlicka identifiziert sich mit Stauffenberg genauso wie mit Napoleon, Fritz Haarmann, Christus oder Pasolini, bis es schmerzt.

Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall besitzt mit über 200 Arbeiten eine der größten Hrdlicka-Sammlungen – Anlass genug, dem Künstler zu seinem 80. Geburtstag eine grandiose Retrospektive einzurichten. Dass der Hausherr der Kunsthalle ausdrücklich keine »weichgespülte Version« von Hrdlickas Spektrum zeigen wollte, liegt in der unbedingten Ausrichtung von dessen Kunst, die nahe legt: ganz oder gar nicht! Und so umfassen die Stationen nun ungeschönt Eros und Thanatos, das heißt Pornografie und Gewalt, Mythos und Politik, Theaterdonner und Revolution inklusive – expressiv und exzessiv. Ein Nebenschauplatz versammelt einige Porträts, zu denen auch in fast rührend-sanftmütiger Unbeholfenheit eine Bildnisbüste von Reinhold Würth gehört, die hinter dem daumiergleichen Porträt Adalbert Stifters oder dem an Osterinsel-Steine erinnernden Starrkopf Oskar Kokoschkas zurückbleibt. Aber das ist für Hrdlicka nicht entscheidend – denn ihm ist »das Leben wichtiger als die Kunst«.

 

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Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag 10–18 Uhr

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