Buchrezensionen

Alfred Meurer: Industrie- und Technikallegorien der Kaiserzeit. Ikonographie und Typologie. VDG Weimar 2014

Durch allegorische Darstellungen bemühten sich die Protagonisten der Industrialisierung ab 1871 den neu gewonnenen, machtvollen Status von Industrie, Wissenschaft und Technik auch in den bildenden Künsten zu protegieren. Nach welchen Mustern Aussagen gebildet wurden und welche Rollenverständnisse zum Ausdruck kommen, ist Inhalt der vorliegenden Untersuchung. Christian Welzbacher hat sie gelesen.

Das 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der Widersprüche, das zeigt sich auch in Kunst und Kunstgewerbe. Dem ungeheuren technischen Fortschritt antwortete eine ästhetische Rückbezüglichkeit – gemeinhin mit dem Terminus Historismus belegt -, die sich verschieden deuten lässt: Angst vor der eigenen Courage, Angst, Traditionen zu verlieren. Das Resultat ist bekannt: Viele Kulturprodukte, zumal im letzten Drittel des Jahrhundert, bis zum Einsetzen der Reformbewegungen, sind kaum mehr als eklektisch, Stilmittel und Formen sind appliziert, äußerlich – der Kitsch wurde hoffähig.

Alfred Meurer entführt uns mit seiner Studie zu den Industrie- und Technikallegorien zwischen 1870 und 1918 in diese Epoche der Widersprüchlichkeit. In dem von ihm in den Blick genommenen Themenfeld ist die Konfrontation hart und direkt, denn es geht um die Verbildlichung des Fortschritts mit den Mitteln der (dienenden) Kunst. Und diese greift tief in die Mottenkiste der symbolischen Darstellung, aktiviert Bildtopoi und Figurenrepertoire, die teils seit der Antike geläufig sind, um neue und neuste Errungenschaften menschlichen Ingeniums zu versinnbildlichen – größer könnte der Kontrast nicht sein.

Meurer hat sein Buch streng aufgebaut. Nach einer Einleitung, die den wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt (also die Grundbedigungen für die hier untersuchte Bildproduktion) und die theoretischen Auffassung für die Verwendung von Allegorien in der bildenden Kunst (seit Lessings Laokoon gegen die Literatur ausgespielt und ein für alle Male abgewertet – wir befinden uns nicht mehr im allegorieseligen Barock!), geht der Autor in medias res. In Einzelabschnitten knöpft er sich Allegorien der Industrie als Ganzes, dann einzelner Zweige vor: Chemie, Verkehr, Elektrizität, Photographie, Phono, Hygiene. Er schlägt damit einen großen Bogen, der beinahe die gesamte vom Fortschritt geprägte Lebensrealität des 19. Jahrhundert umfasst. In jedem Abschnitt führt uns Meurer Beispiele aus Malerei, Graphik, Plastik, Buchkunst, aber auch aus dem Alltag vor: Aufkleber auf Dosen und Schallplatten, Werbebroschüren, Plakate und ähnliches werden berücksichtigt.

Meurer hat einen sicheren Zugriff auf sein Material – und das ist für den Leser nur von Vorteil. Knapp, präzise und konzise sind die Beschreibungen, intelligent und tiefgehend die Interpretationen der jeweiligen Allegorien. Auch wägt Meurer immer genau ab, wer die jeweiligen Auftraggeber einer Technikallegorie sind – kommen sie aus der Industrie selbst oder ist ihr Impetus kritisch (etwa der schnaubende Dampfkesselmensch auf dem Cover), soll sie werben oder zum Nachdenken anregen?

In einem zweiten Teil dann unterzieht Meurer die zunächst ikonographisch analysierten Beispiele einer typologischen Revision. Hier wird das gesamte Material gegen den Strich gebürstet, Bezüglichkeiten werden hergestellt, Zusammenhänge aufgezeigt, im Hinblick auf Auftraggeber erneut befragt, aber auch im Hinblick auf die Rezipienten. Denn die Technikallegorie, so zeigt sich, war ein hochgradig instrumentalisiertes Genre, das eine neue, sich mit der Industrialisierung herausbildenden Gesellschaftsschicht erreichen sollte (und daher deren Seh- und Bildungsgewohnheiten zu berücksichtigen hatte): den Konsumenten.

Ich habe diese Buch gern und mit großem Gewinn gelesen und mich nicht nur über Meurers sicheren Zugriff, sondern auch über das Thema selbst gefreut, das hier in jeglicher Hinsicht vorbildlich verhandelt wird (man könnte den Band allen Doktoranden, ja allen Buchautoren als Muster ans Herz legen, wie man einen Forschungsgegenstand zerlegen, ordnen, beschreiben und analysieren kann). Ein bisher nur in Anfängen bearbeitetes Forschungsfeld derart routiniert, schnörkellos und grundlegend (man kann den Band durchaus als kleines Handbuch begreifen und benutzen, auch wenn entsprechende Register fehlen) zu bearbeiten ist eine wichtige Leistung, die großen Respekt verdient.