Ausstellungsbesprechungen

Alfred Pohl: Holzschnitte, Aquarelle und Radierungen

Mit Beginn der achtziger Jahre haben ein vorbehaltloser Bruch mit traditionellen, bewährten Positionen des Kunstmarkts und ein sensibles Bewusstsein für zeitgemäße Ausdrucksformen Künstler wie Aussteller zu einer bis dahin nicht gekannten Akzeptanz grafischer Verfahren ermutigt.

Zunächst als preiswertere Alternative zum so genannten unikaten Exponat für das junge Sammlerpublikum favorisiert, haben die originären Möglichkeiten der Grafik bis heute eine immer stärkere grundsätzliche Bedeutung gewonnen. Technisch bedingte Innovationen und die ungebändigte Experimentierlust ihrer Exponenten haben zu einer kaum überschaubaren Fülle grafischer Techniken und ihrer Varianten geführt, der Ausstellungsbetrieb akzeptiert sie ohne puristische Bedenken. Unter allen zeigen der Holz- und der Linolschnitt gegenüber anderen grafischen Techniken jedoch nach wie vor am deutlichsten ihre handwerkliche Herkunft. Zahlreiche zeitgenössische Künstler begleiten ihr malerisches Oeuvre mit Arbeiten dieser Hochdrucktechniken. Jedoch nur wenige finden hauptsächlich im Holz ein affines Ausdrucksmittel ihrer grundsätzlichen gestalterischen Absichten. Alfred Pohl gehört seit mehr als vierzig Jahren zu ihnen und steht damit an der Spitze derer, die ihr Bekenntnis zum Holzschnitt ganz in der Tradition des Expressionismus getroffen haben, das Holz mit seiner die Form bildenden Kraft einzusetzen.

In ihrer Euskirchener Galerie hat Karin Zehnder dem Göttinger Künstler jetzt eine Einzelschau gewidmet. Mit einer repräsentativen Auswahl an vorwiegend jüngsten Zyklen und Einzelblättern beweist sie ein ausgeprägtes Gespür für die Vielfalt seiner formalen Ausdruckskraft. Daneben gestattet ein zwar äußerst sparsames, aber mit Bedacht ausgewähltes Konvolut an Aquarellen und Radierungen einen überzeugenden Einblick in das übrige Schaffen des Holzschneiders.

Die Auswahl von Holzschnitten im Entree der Galerie steht bereits für das Programm der Ausstellung und demonstriert insgesamt das inhaltliche wie formale Spektrum im Werk Alfred Pohls: Stoffe der Weltliteratur stehen neben Mythen und persönlich Erlebtem, figürlich konkrete Formulierungen wechseln mit abstrakten Äußerungen. Mit »Sol III – Fata Morgana« von 2004 und dem Blatt »Beschwörung« aus der Nazka-Serie von 2006 begegnen wir Reminiszenzen an die empfindungs- und Stil prägenden Jahre des Künstlers in Südamerika.

1928 in Essen geboren, nach Ausbildung an der Werkkunstschule Trier, den Pädagogischen Hochschulen Lüneburg und Hannover, nach Jahren als Assistent für Kunsterziehung an der pädagogischen Hochschule in Göttingen, geht Alfred Pohl 1967 bis 1970 als Lehrer nach Lima in Peru. 1972 kehrt er für drei Jahre nach Südamerika zurück, diesmal als Mitglied der pädagogischen Kommission im kolumbianischen Erziehungsministerium. Während dieser Jahre entwickelt Pohl eine bis heute ungebrochene Liebe und seelische Verbundenheit zur Landschaft dieses Kontinents und zu der herzlichen Menschlichkeit seiner Bewohner, vornehmlich Perus. Sein Werk bleibt von diesen wahlverwandten Einflüssen bis heute bestimmt.

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Einen zweiten Schwerpunkt leiten die beiden Schwarzweiß-Holzschnitte »Don Quijote I« von 2006 und »Actaeon« aus der Suite zu den Metamorphosen des Ovid aus dem Jahr 2005 ein. Mit der Leichtigkeit und Sicherheit einer erprobten Handschrift gelingt es dem Künstler, die Verhältnisse zwischen Schwarz und unbedruckten Partien so ausgewogen auszuloten, dass das unbedruckte Weiß des Papiers Form und Bild gestaltend erlebbar wird. Pohls Stärke liegt unumstritten in seiner beispiellosen Virtuosität des Farbholzschnitts. Doch gerade die Blätter der Ovid-Suite machen deutlich, mit welch hohem Maß an Vitalität und Präzision der Altmeister des Holzschnitts nach wie vor auf sich aufmerksam machen kann: Die Metamorphosen gehören zweifellos zu den schönsten Ergebnissen zeitgenössischen Holzschnittschaffens.

Der fortgeführte Blick in die weitere Ausstellung greift die Akzente der Eingangshalle auf und lässt den Besucher in einem Farbenrausch ungewohnter Sinnlichkeit schwelgen. Die optische Wirkung resultiert gerade aus der speziellen Holzschnitttechnik Alfred Pohls. Die von ihm angewandte Technik der »verlorenen Platte« führt zu einer Subsumierung von Farbstellungen und einer Koordination von Gestaltungsflächen, wie sie im Mehrplattenholzschnitt unerreichbar wäre. Ausgehend von einer einzigen Holzplatte schneidet der Künstler fortschreitend das fort, was von dem vorherigen Druckgang erhalten bleiben, also nicht überdruckt werden soll. Der Druckstock verliert progressiv immer mehr an Substanz, er geht buchstäblich »verloren«.

Die großzügige Architektur der Ausstellungshalle gestattet die simultane Rundumschau aller ausgestellten Werke, lässt aber auch die Möglichkeit zu, die geschickt gruppierten Konvolute in ihrer Geschlossenheit zu erfassen. Karin Zehnder gelingt es, eine lückenlose Schau aller wesentlichen Teilaspekte des gesamten Holzschnittwerks Alfred Pohls zusammenzustellen.

Mit den Holzschnitt-Serien »Nazka«, »Verzauberter Ort«, und »Meine Mosel« macht die Ausstellung die biografischen Bezüge wie die mythischen Stoffe als Vorwürfe im Schaffen des Künstlers deutlich. Die Folgen zu Ovid und Cervantes Don Quijote belegen Pohls fortwährenden Disput mit Stoffen der Weltliteratur. Zahlreiche weitere Einzelblätter der Ausstellung gestatten dem Betrachter einen imposanten Einblick in den weit gespannten Bogen der Experimentierfreudigkeit und in die handwerkliche Sicherheit dieses Holzschneiders.

Eine insgesamt beeindruckende Schau eines Künstlers, dem es gelingt, mit dem Holzschnitt zu »malen«.

 

 

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Öffnungszeiten
Mi, Do, Fr 16 – 18.30 Uhr
Sa 11 – 14 Uhr
und nach tel. Vereinbarung