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Alles dufte! Zur Geschichte der Parfümkugel

Gerüche beeinflussen den Menschen viel nachhaltiger als Bilder oder Töne. Um den Kunden positiv im Gedächtnis zu bleiben, lassen sich Unternehmen heute sogar eigene Parfüms kreieren. Einen Vorläufer hat diese Praxis im Hof des französischen Sonnenkönigs: Auch dort galt es, sich mit seinem Duft positiv hervorzutun. Die Entwicklung von Duftkugeln, die am Körper getragen wurden, machte dies möglich.

Bisamapfel aus England, um 1600 © Victoria and Albert Museum, London
Bisamapfel aus England, um 1600 © Victoria and Albert Museum, London

Duftstoffe und Duftstoffbehälter sind seit Jahrtausenden nachweisbar. Plinius der Ältere schrieb über die antiken Parfüms der Könige der Parther und erwähnte, dass diese entweder als Salbe aufgetragen oder in duftenden Beuteln am Körper getragen werden konnten. Aus der Tang-Dynastie (7. Jahrhundert bis 1. Hälfte 8. Jh.) ist eine dekorierte Duftkugel aus Silber überliefert. Der deutscher Naturforscher, Arzt und Botaniker Adam Lonitzer beschrieb 1557 in seinem Kräuterbuch erstmals die Verwendung eines sogenannten Bisamapfels als Behälter, in dem ein mit Ehrenpreiswasser vollgesogener Schwamm aufbewahrt werden sollte, um gegen „bösen Geruch“ zu wirken. Der Ursprung des pomum ambrae oder pomum odiferum lag im Sukk des Orients, ein Medikament auf der Grundlage von Früchten, Honig und weiteren Ingredenzien. Durch die Kreuzzüge und den internationalen Handel gelangte es nach Europa.

Natürlich wurden diese Kugeln schnell zu einem modischen Accessoire, aber auch zu Zeugen großer Kunstfertigkeit. So ziert ein vergoldetes Rankenornament die Außenhülle eines Exemplars aus dem 16. Jahrhundert im Londoner Victoria and Albert Museum. In den einzelnen Segmenten des Apfels befinden sich verschiedene Aromen. Das Moschuskügelchen, das unser Eingangsbild ziert, ist vermutlich um 1500 in Deutschland hergestellt worden. Es wurde mit weiteren zu einem Rosenkranz zusammengefügt und war Duftkapsel und Gebetskette zugleich. Belegt ist diese Funktion in einem Gemälde Barthel Bruyns d.Ä. von 1475. Es zeigt das Porträt der Kölner Bürgermeisterfrau Kunegundis von Heimbach, die einen wertvollen Rosenkranz mit Duftkugel beim Beten in Händen hält.

Zwei chinesische Beispiele, um 1700 entstanden, in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeugen vom Aufwand bei der Herstellung. Porzellan mit Durchbrechungen gehört zu den größten technischen Herausforderungen. Die Öffnungen werden mit einem Messer aus dem lederharten Scherben herausgeschnitten, und das Gefäß wird nur durch ein hauchdünnes Porzellan-Netz zusammengehalten. Die Ergebnisse dieser Technik sind oftmals von atemberaubender Fragilität und Virtuosität.

Spätestens seit dem 16. Jahrhundert hüllte eine dichte Parfümwolke die europäischen Adelshöfe ein. Wasser war als Mittel zur Körperpflege verpönt, man "wusch" sich mit edlen Duftwässerchen. Um den ganzen Tag von einem Wohlgeruch umgeben zu sein, wurden seit Katharina von Medici (1519-1589) Kräuter und wohlriechende Essenzen in Handschuhe eingenäht oder Parfümkugeln mit aromatischen Substanzen versehen und am Körper getragen. Dies diente, so der Aberglaube, auch dem Schutz vor Krankheiten. Denn natürlich spekulierte man immernoch, dass sich etwa die Pest durch das Einatmen ihres Gestanks verbreite.

So trug Königin Elizabeth I. stets eine goldene Parfümkugel am Gürtel und ließ bei öffentlichen Auftritten schon mal ganze Straßenzüge und Plätze beduften. In Frankreich wurde Parfüm zum Konkurrenzkampf eingesetzt: Täglich wechselten die Düfte und man versuchte sich gegenseitig zu übertrumpfen. Um nicht von den Odeurs seiner Gattin Marie Antoinette und ihrer Hofdamen eingenebelt zu werden, erließ der französische König Ludwig XVI. angeblich eine Vorschrift, die den Gebrauch von Parfüm in Versailles penibel regelte. Einen positiven Effekt hatte das Ganze dann aber doch: Ein Träger außergewöhnlicher Gerüche bleibt den Menschen besser im Gedächtnis. Denn das Gedächtnis des Menschen befindet sich nämlich gleich neben den Arealen im Gehirn, die bei der Geruchsverarbeitung eine Rolle spielen.