Buchrezensionen

Almut Pollmer-Schmidt: Kirchenbilder. Der Kirchenraum in der holländischen Malerei um 1650, VDG Weimar 2017

Im 17. Jahrhundert entwickelte sich im niederländischen Delft ein neuer Bildtypus: Das Kircheninterieur, dynamisch in Schrägsicht abgebildet und ungeheuer lebendig in dem, was es zeigte. Mit den Bildern zeigten vor allem die Maler Gerard Houckgeest, Hendrick van Vliet und Emanuel de Witte auch eine kulturelle Entwicklung auf. Diese kulturelle und künstlerische Veränderung untersucht Almut Pollmer-Schmidt in ihrer Dissertation, die Andreas Maurer sehr gern gelesen hat.

Wer hätte gedacht, dass auf einer kunsthistorischen Publikation einmal ein Bildausschnitt zu sehen ist, auf dem ein kleiner Hund sein Bein hebt um an eine Säule in einer Kirche zu urinieren?! So gesehen auf dem Cover von Almut Pollmer-Schmidts »Kirchenbilder: Der Kirchenraum in der holländischen Malerei um 1650«. Dem Titel nach klingt das eher nach nüchternem Genre, doch schnell wird klar, dass unser heutiger Begriff von »Sakralraum« wenig mit dem des 17. Jahrhunderts zu tun hat. Damals galt der Markt als größter öffentliche Platz der Stadt unter freiem Himmel, Kirchen boten hingegen den größten überdachten Raum und waren deshalb Treffpunkte bei jedem Wetter. Diese gesellschaftliche Tatsache sowie andere Wechselspiele von Faktoren bildeten um die Mitte des Jahrhunderts den Humus, auf dem eine ganz neue Art der Darstellung eines Kirchenraumes erwachsen konnte.

Für eingefleischte KunsthistorikerInnen wäre das alleine wohl schon Futter genug, Pollmer-Schmidt bestellt das Feld aber von der anderen Seite her und wirft gleich zu Beginn eine vielleicht viel interessantere Frage in den Raum: Warum interessierte sich das Publikum plötzlich für Bilder in denen die »Architektur« das wichtigste Thema darstellt? Im Laufe ihrer Studie machte sie sich auf die Suche nach Schnittstellen, die sich einerseits aus der reinen Betrachtung der Kunstwerke und andererseits aus Aspekten der Sozial-, Kultur- und Religionsgeschichte ergaben. Und wurde fündig: Laut ihrer Recherche waren für den »Boom« der Kirchenbilder weniger Dokumentation und glaubwürdige Erstellung architektonischer Gegebenheiten ausschlaggebend, als vielmehr das, was die gemalten Kirchen für den Betrachter bedeuten konnten. Das Kirchengebäude war und ist, in der Realität wie in der Darstellung, untertrennbar mit der Religion verbunden – umso mehr verwundert es, dass die Frage nach ihrem Einfluss auf das Genre, vor Pollmer-Schmidt, noch nicht weitgehend untersucht worden ist.

Epizentrum dieser Entwicklung eines neuen Bildtypus war, so die Autorin, Delft. Eine Gemeinde, welche danach strebte sich als besonders harmonisch und fromm zu präsentieren und an deren Beispiel sich deutlich die Problematik der konfessionellen »Pluriformität« herauskristallisierte. Minderheiten und eine starke katholische Mission prallten auf den Anspruch der »Öffentlichkeitskirche«. Die Frage nach konfessioneller Legitimität und deren Beweismittel, die Besetzung des öffentlichen Kirchenraums wurde gestellt und zugunsten von Reformierten als auch Katholiken »virtuell« beantwortet. Propagandistisch versuchte das neue »Kirchenbild« die legitime öffentliche Präsenz der reformierten Kirche gleichsam bildnerisch zu bestätigen. Über das Zeigen einer Predigt hinaus gipfelte dieses Vorhaben in einer veränderten Raumwahrnehmung und -wirkung, welche sich bewusst schräge Durchblicke zu igen machte.

Vorreiter auf diesem Spannungsfeld zwischen Religion und Architekturimagination waren vor allem Emanuel de Witte, Hendrick Cornelisz. van Vliet und Gerard Houckgeest – die Trias bzw. die Gründungsväter dieses neuen Genres. Insbesondere Houckgeest und seine bildnerischen Ansichten vom Chor der Nieuwe Kerk (1650) gelten nach wie vor nicht nur als Inbegriff des Delfter Kircheninterieurs sondern gaben schon damals den Ausschlag für eine andere Auffassung von der Darstellung des gebauten Raumes.

An sich interessant würde diese Tatsache allein aber wohl noch keine 500 Seiten starke Publikation füllen. Vielmehr sind es Pollmer-Schmidts Annäherungen an den Aufbau und die Aufgaben dieser Darstellungsweise – das Warum und das Wie –, welche dieses Buch wahrscheinlich schon jetzt zu einem Standardwerk auf seinem Gebiet erheben. Die Analysen und Erkenntnisse der Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin des Städel Museums Frankfurt eröffnen ein Spannungsfeld zwischen Religion und Architekturimagination, welches einen über den Gemälderand und den bloßen Pinselstrich hinausdenken lässt.

Zwar wirken die abgebildeten Werke aus heutiger Sicht ruhig und beinahe asketisch, dennoch handelt es sich um zum Teil politisch aufgeladene Bilder. Stellungnahmen, die oft als Zeichen der »Memoria«, der individuellen und kollektiven Erinnerungsleistung, zu werten sind. So auch in Houckgeests Beispiel des Oraniergrabmales in der Delfter Nieuwe Kerk.

Architektonische Porträts von Gedächtnisstätten an sich waren zu dieser Zeit nichts Neues, das Prunkgrab wird jedoch in einer Art und Weise dargestellt, wie man es bis dato vielleicht noch nicht gewohnt war. Der »Meister« Houckgeest fordert in seinem Bild von 1650 die Malerkollegen und Zeitgenossen geradezu heraus, das Schauen im Raum neu zu lernen. Die Zentralperspektive wird verlassen, der Betrachter quasi gezwungen ums Eck zu sehen. Gerne verstellt eine Säule den Blick auf den eigentlich schauenswerten Gegenstand im Zentrum des Gemäldes. Architektur hat sich zur Jahrhundertmitte vor die reine Abbildung eines Objektes gestellt.

Houckgeests Konzeptionen müssen auf die zeitgenössische Künstlerschaft anregend und herausfordern zugleich gewirkt haben. Eine hoch gelegte Latte, die das Wetteifern unter den Kollegen um die immer kunstvollere Ansicht des Grabmales befeuerte, und sie in Folge neue Möglichkeiten der Raumdarstellungen ausloten ließ.

Für sich allein betrachtet sind die Kircheninterieurs des 17. Jahrhunderts bei Museumsbesuchern oft nur Zwischenstationen zu den Highlights der holländischen Maler des Goldenen Zeitalters, und sorgen eher für ein kurzes Nicken oder Schmunzeln. Ihre Sprengkraft entwickeln die Werke meist erst im Vergleich von Schnittstellen der unterschiedlichen Fokussierungen der Künstler auf den jeweils gleichen Raum heraus.

Pollmer-Schmidt schlüsselt die Gemälde auf und schaut hinter ihre Struktur, legt Sichtachsen offen, geht den Perspektiven auf den Grund und macht die Architektur lesbar. Und plötzlich erkennt man sie, die geheimen Tricks der Delfter Meister: Einzelne Kunstgriffe und Methoden die wieder und wieder, fast schon schablonenhaft, Anwendung finden (mit stark variierender Wirkungskraft), die Verschiebungen ganzer Kompositionsteile vom Hinter- in Vordergrund, der Einsatz bewährter exakt entsprechender Größenverhältnisse, der Gebrauch von mehreren Sichtachsen u.v.m. Man glaubt zu erkennen auf welche Art und Weise die Künstler nicht nur den Raum gesehen haben, sondern welche Teile sie für sich als Thema auserkoren und wie betont haben. Es sind aufregende Gegenüberstellungen mit zum Teil entwaffnenden Einblicken in die Machart oder das Gerüst hinter der Fassade der Kircheninterieurs, welche die zahlreichen Abbildungen des Buches bieten.

Dennoch: Strandlektüre ist das Buch sicher keine. Nicht immer kann man als Laie die komplexen Verhältnisse zwischen Werk, Kirche und Publikum gleich beim ersten Lesen aufschlüsseln. Die Kapitel sind ins sich aber gut abgegrenzt, sodass man die Publikation gerne auch einmal zur Seite legen kann, um über das eben Gelesene und Geschaute in stille Andacht zu verfallen. Für alle, die zwischen den Zeilen den Faden verlieren, gibt es im Anschluss ein Fazit, das Heiligtum der Publikation. Neben Deutsch in zwei weitere Sprachen (Englisch und Niederländisch) übersetzt, kann man hier nochmal alle Fakten und Erkenntnisse step by step abschreiten.

In Summe: Auf den ersten Blick langweiliger Kirchenraum, der zum spannenden Bildraum wird.