Ausstellungsbesprechungen

Alois Nebel. Leben nach Fahrplan, Museum für Druckkunst Leipzig, bis 21. April 2014

Graphic Novel-Fans können sich freuen: In Leipzig ist jetzt die Geschichte um den liebenswerten tschechischen Fahrdienstleiter Alois Nebel in die Realität, soll heißen: den Museumsraum, übersetzt worden. Rowena Fuß war vor Ort und berichtet.

Auf und ab, auf und ab bewegt sich der Hebel am Speichenrad. Dabei produziert er ein leises Klacken, das im Stampfen der Kolben fast völlig untergeht, vor allem, wenn die Dampflok an Fahrt gewinnt. Noch mehr rumort es, wenn der Stahlkoloss in einen Bahnhof einfährt, dann quietscht, ächzt und zischt er. Und schließlich hüllt eine schmutzig weiße Dampfwolke die Menschen auf dem Gleis ein, die den feinen Geruch nach Schmieröl und Kohle mit sich bringt.

Dieser durchdringende Geruch nach Schmierstoffen begleitet auch den Ausstellungsbesucher. Er rührt allerdings nicht von einer Dampflok her, sondern von den diversen Gieß- und Setzmaschinen im Vorraum der Schau. Ab und zu hört man von dort auch ein Surren oder Klacken, immer dann, wenn eine Vorführung stattfindet.

Auf insgesamt sechs Rahmen sind Szenen aus der Graphic Novel um den tschechischen Fahrdienstleiter Alois Nebel angebracht. Dieser legt seine Uniform nie ab und liest zwischen seinen Schichten auf der Diensttoilette alte Fahrpläne und Kursbücher. Die Eisenbahn mit ihren klaren Regeln und Zeiten gibt ihm Sicherheit. Diese Sicherheit braucht er auch. Denn immer wenn der Nebel um das alte Bahnhofsgebäude aufkommt, tauchen die Geister der Vergangenheit auf. Die Bildergeschichte verwebt Episoden aus dem Zweiten Weltkrieg und der sowjetischen Besatzungszeit mit der Biografie des Eisenbahners. Obwohl Nebel bei manchen Ereignissen kaum mehr als ein Gedanke im Kopf seiner Eltern gewesen sein kann, erlebt er sie so, als ob er tatsächlich dabei war. Sein Leben in den 80er Jahren, seinen Alltag wie auch seine Alpträume schreitet der Besucher ab.

»Wenn man unter dem Einfluss der Eisenbahn gezeugt wird, bleibt man ihr automatisch treu«, sagt der Hauptprotagonist in einem der Panels ganz am Ende. Bereits Nebels Großvater und Vater waren auf dem Bahnhof Bily Potok tätig, eine kleine Station im tschechoslowakisch-polnischen Grenzgebiet. Tief im Altvatergebirge gelegen, kommen hier meist Güterzüge für Holz und Steine durch. Meist ist es ruhig. Die normale Samstagsschicht, mit der die Geschichte startet, sieht so aus: »Ich habe mir einen Kaffee gekocht, der brachte es aber nicht«. Nebel macht Büroarbeit: Er telefoniert, notiert sich etwas und kippelt gelangweilt mit seinem Stuhl. Ab und zu stellt er die Weichen. »Da wird man schon häufig vom Schlaf übermannt, gerade wenn man nachts schlecht schläft, so wie ich«, sagt er. Was dann aber passiert, verpasst der Geschichte einen Drive und reißt sie aus der bisherigen Lethargie. Denn Nebel bekommt Besuch von einer Kriegslok und SS-Offizieren. Diese verlangen nach Wasser. Als er ihnen den Hahn zeigt, stürzen verwundete Soldaten und Krankenschwestern aus den Waggons. Nebel kommentiert: »Diese Deutschen tranken so viel, als wollten sie auch für die Gebeine trinken, die der Krieg unter die Erde gebracht hatte«.

Als nächstes erzählt er von einer russischen Kaserne, die in der alten Festung direkt vor der Stadt untergebracht war. Zum Jahrestag der Oktoberrevolution kam immer ein plombierter Zug aus Irkutsk mit Leuchtraketen, Wodka, getrocknetem Fisch und Schaschlikfleisch. 1981 hatten sich mal ein paar Deserteure auf dem Abstellgleis in einem Viehwaggon eingeschlossen. Auf dem Bild daneben sieht man, wie er von einem Panzer beschossen wird. Das muss man sich mal vorstellen. Zwei Leichen werden geborgen, ein dritter Mann wird vermisst. Ihm begegnet Nebel beim Wäscheaufhängen auf seinem Speicher. Dann taucht in Nebels »Traum« Nebel auf – der Wortwitz ist wohl von den Autoren Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 gewollt – und »plötzlich begann die Zeit rückwärts zu laufen«. Der Fahrdienstleiter steht im Prager Hauptbahnhof, einem Gebäude mit hoher Kuppel, in der Vögel gen Himmel steigen. Während er da mit seinem Heißgetränk steht, fragt er sich, wie Kollegen mit verspäteten Zügen verfahren. Das ist schon einigermaßen absurd, zumal in den folgenden Bildern eine Menge uniformierter Männer zu sehen ist, die »Money« sagen, Demonstranten auf dem nächsten, die »Es lebe das Volk!« rufen, gefolgt von Soldaten und schließlich Häftlingen aus Buchenwald. Alle haben Gesichter wie Masken: Zwei schwarze Augenhöhlen und eine ebenso dunkle Mundöffnung. Makaber ist dann die Frage eines kleinen Jungens, der einen sogenannten Judenstern am Revers seines Matrosenanzugs trägt: »Was machst du hier so allein? Du fährst nicht mit?«.

Fortsetzung von Seite 1

Gerade in dem Moment hört das Rumoren der Setzmaschine auf. Zeit zum Durchatmen und auch in Nebels Geschichte beginnt ein neues Kapitel: das seiner Eltern und Großeltern. Zwar wird Nebel später von seinem Erzeuger als »Fehler im Fahrplan« bezeichnet, aber er hat laut eigner Aussage eine schöne Kindheit: »Ich konnte ganze Züge anpinkeln. Aber der Länge nach«. Fröhlich grinsend steht er dabei auf einer Brücke und entlädt einen Strahl Urin auf einen unten durchfahrenden Zug, der Holz transportiert.

»Alois Nebel. Leben nach Fahrplan« oszilliert zwischen bitterböser Satire und Krimi. Die ausdrucksstarken, schwarz-weißen Zeichnungen des Tschechen Jaromír 99 schaffen eine düstere, gleichzeitig aber auch lebendige, liebenswürdige Atmosphäre, die vielleicht ein bisschen an den amerikanischen Film noir der 40er Jahre angelehnt ist. Passend zur Reise in die Vergangenheit hat die Stuttgarter Agentur Gold & Wirtschaftswunder die Ausstellungsarchitektur geplant: Die Rahmen, auf denen die Panels angebracht sind, sind selbst auf Landschaftssilhouetten geschraubt. Hier erblickt der Besucher schablonenhafte Häuser, Hügel und Wälder – ganz so, wie man sie bei einem Blick aus dem Zugfenster wahrnehmen würde. Zusätzlich begleitet Alois Nebel quasi jeden Interessierten selbst in den Ausstellungsraum: Als Pappfigur weist er den Weg (auch auf die Toilette, wo jeden Gast eine Überraschung erwartet).

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und hat mittlerweile Station in Hausach (Schwarzwald), in München, in Salzburg und in Berlin gemacht. Nach Leipzig ist sie in Dresden zu sehen.