Ausstellungsbesprechungen

Anahita Razmi – Swing State, Stadtgalerie Saarbrücken, bis 1. September 2013

Im Zentrum des Schaffens der 1981 in Hamburg geborenen Anahita Razmi steht das ambivalente Verhältnis zwischen Orient und Okzident. Primär ist es das Spannungsverhältnis von Traditionen und politischer Wirklichkeit im Iran, mit welchem die Künstlerin sich kritisch auseinandersetzt. Unter dem programmatischen Titel »Swing State« zeigt die Stadtgalerie Saarbrücken nun die vielschichtigen, selbstbewusst kritischen Arbeiten, die – wie Verena Paul feststellen durfte – nicht selten mit humorvollem Charme überzeugen.

In der Beletage der Stadtgalerie Saarbrücken werden wir beim Betreten des ersten Ausstellungsraumes von Dokumentarfotografien empfangen, auf denen Anahita Razmi zu sehen ist. Während die Künstlerin entspannt auf ihrem Stuhl sitzt, wird ihr von Besuchern das teure Gucci-Kleid langsam vom Leib geschnitten. Die 2013 in Dubai mit der Fotokamera eingefangene Performance »Re/Cut Piece« bezieht sich unmittelbar auf Yoko Onos »Cut Piece«. Allerdings geht es Razmi weniger um eine feministische Stellungnahme – wie es bei Yoko Ono in der sechziger Jahren der Fall war – als vielmehr um den kritischen Blick auf jene oberflächlichen und glatt gebügelten Wertvorstellungen der gegenwärtigen Konsumgesellschaft.

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Wie stark unsere Wahrnehmung manipulierbar ist, dokumentiert auch die Diaprojektion »Up & Down with the USA«, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Fotoaufnahmen befindet. In schwarzen Lettern prangt die Aufforderung »Down with the U.S.A.« über einer von Todesinsignien geprägten US-Flagge, die auf einer Fassade aufgemalt wurde. Während die Sterne durch neun Totenköpfe ersetzt sind, hinterlassen Projektile unterschiedlich lange rote Spuren, die die Streifen der Fahne darstellen. Anahita Razmi stellt die Aufnahme nun im doppelten Sinne auf den Kopf – sowohl durch faktisches Drehen als auch durch Umkehrung der inhaltlichen Aussage. In ihrer Version streben die Projektile deshalb wie kleine Raketen nach oben und symbolisieren so den Aufstieg der USA. Entstanden ist eine kühne Kippsituation im Bild, die den kommentierenden Charakter von Razmis Schaffen erkennen lässt.

Mit dem Videoloop »Sates«, der im zweiten Ausstellungsraum auf uns wartet, wird das Ringen um Balance zwischen zwei extremen Polaritäten erneut aufgegriffen. Die arabischen Worte ›Halal‹ (erlaubt) und ›Haram‹ (verboten), die in rot und grün aufleuchten, kippen ineinander und scheinen sich bei längerer Betrachtung gar zu vereinen. Dennoch ist Anahita Razmi nicht an einer Auflösung der Widersprüche gelegen, sondern am konsequenten Aufzeigen und Neuausloten von gesellschaftlichen Schieflagen im Allgemeinen und der nachdenklich stimmenden Janusköpfigkeit des iranischen Regimes im Besonderen. Dass dies in vielschichtiger, anspielungsreicher und zumeist ironischer Weise geschieht, belegt auch die aus sieben Orientteppichen bestehende Collage »HellterFuckingSkelter«. Mit Bezug auf Tracey Emins Quilts, die Sätze wie ›I want an International Lover‹ oder ›You have no Idea of Faith‹ tragen, gelingt Anahita Razmi durch Übertragung dieser verbalen Provokationen auf das Kulturgut des Orientteppichs ein sprengsätziges politisches Statement.

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Mit den Orientteppichen werden die Ausstellungsbesucher zum nächsten Raum geleitet, in welchem die großartige Videoarbeit »Arsenals« präsentiert ist. Vor einer Großprojektion, die den Oberkörper Anahita Razmis zeigt, stehen zwanzig schwarz lackierte Shishas in verschiedenen Größen und Formen. Während der Mund der Künstlerin in entschleunigter Weise Rauch ausstößt und die langsame Bewegung der Augenlider sowie das Muskelspiel des Kiefers zu beobachten ist, entwickelt Razmi durch Unterlegung des Videos mit Soundstrecken aus Hollywoodfilmen eine dramatische Spannungssteigerung – die sich am Ende aber in Rauch auflöst. Die Reihe der schwarzen Wasserpfeifen impliziert, wie Andrea Jahn in ihrem Katalogbeitrag schreibt, »eine Art abstraktes Waffenarsenal, das sich jedoch als ein Arsenal ohne Wirkung erweist und sich auch letztlich im Effekt erschöpft.« Was bleibt, sind eine geniale Ästhetik, eine emotionale Einbindung der Betrachter und ein ironischer Seitenhieb auf das paradoxe globale Machtstreben.

In der zweiten Etage treffen wir dann auf die Videoarbeit »Roof Piece Tehran«, die 2011 – und damit nach der von heftigen Protesten begleiteten Präsidentschaftswahl im Iran 2009 – entstanden ist. Auf schwarzen, verschieden hohen Plinthen sind Fernsehgeräte positioniert, auf deren Bildschirmen je ein rot bekleideter Tänzer respektive eine rot bekleidete Tänzerin zu sehen ist. Da Tanzen im Iran als künstlerische Ausdrucksform untersagt ist, avanciert dieses Werk zu einer dezidiert politischen Aussage. »Das heißt,« so Anahita Razmi, »die eigentlichen Bewegungen sind natürlich nicht politisch. Es sind einfache Tanzbewegungen, die auf einem Dach ausgeführt werden. Doch seit den Protesten 2009 wurden die Dächer Teherans zu einem politisch besetzten Ort. […] Ich verändere nichts, und dennoch verändert sich alles.« Wie in vielen Arbeiten Razmis, in denen sie sich auf das Wirken anderer KünstlerInnen bezieht, entwickelt sie auch hier die ursprüngliche Idee weiter und spitzt die Situation zu (im Vergleich zur Performance von Trisha Brown). Ute Suffer bringt diese gedankliche Fortführung auf den Punkt, wenn sie in ihrem Katalogbeitrag erklärt: »In ständig neuen Verknüpfungen kultureller, gesellschaftlicher und politischer Referenzebenen macht Razmi Bestehendes für die Gegenwart fruchtbar.« Dabei sei, heißt es weiter, »die Diskrepanz zwischen den Referenzebenen der Treibstoff, aus dem ihre Werke Dynamik gewinnen und die ihnen gleichermaßen Komplexität wie Leichtigkeit verleiht.«

Am Ende unseres Rundgangs bezaubert die 2013 entstandene Videoschleife »Iranian Beauty«. Hier arbeitet Razmi mit einem Kinogängern vertrauten Bildzitat: die Szene aus Sam Mendes’ Film »American Beauty«, in der eine blonde Schönheit auf einem von Rosenblättern übersäten Bett liegt. Anahita Razmi ersetzt die attraktive Blondine durch eine dunkelhaarige persische Schönheit, die in iranischen Geldscheinen zu baden scheint und den Betrachter mit einer Handbewegung ins Bild lockt. Im Zuge dessen bilden die auf den Banknoten abgebildeten Mullahs und die nackte Frau ein wirkungsvolles Spannungsmoment, da fundamentalistische Moralvorstellungen auf weibliche Selbstbestimmung und Freizügigkeit prallen. Indem die Provokation in eine poetische Bildästhetik gekleidet ist, kann das Werk beim Betrachter intensiv nachklingen und ihm –wie es übrigens die gesamte Ausstellung tut – im Gedächtnis haften bleiben.

Resümee: Mit »Swing State« überzeugt die Stadtgalerie Saarbrücken auf ganzer Linie: Neben den herausfordernden, nachdenklich stimmenden und in gleichem Maße verführerisch leichtfüßig erscheinenden Arbeiten Anahita Razmis ist es die wirkungsvolle Werkpräsentation, die en detail überzeugt. Also: Ein echter Ausstellungskracher, den ich Ihnen unbedingt ans Herz legen möchte!

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