Ausstellungsbesprechungen

André Helbig – alles & nichts, Galerie im Kunsthof Jena, bis 27. Januar 2012

Ohne Eitelkeit, aber mit viel Witz und Mystik ausgestattete Fotografien kann man sich derzeit im Jenaer Kunsthof anschauen. Rowena Fuß ist mal reingeschneit.

Ja, warum schreit er denn? – Möchte man bei der Fotografie »Benjamins Schrei« fragen, die am Treppenaufgang zur Segelmacherwerkstatt hängt. Die Frage wird gleich rechts von der Eingangstür beantwortet. Dort hängt »Multitasking«. Es zeigt einen jungen Mann mit vor Wut verzerrten Zügen, an dessem Gesicht Augenausschnitte kleben. Diese stammen von der Hauptperson der Aufnahme und zeigen verschiedene Emotionen, etwa Wut, Angst oder Scham.

Ein hochinteressantes Foto, das das Phänomen Multitasking näher beleuchtet. Das Ich zersplittert beim parallelen Abarbeiten von mehreren Aufgaben in zahllose Einzelteile. Das Zauberwort Multitasking wird in der postmodernen Gesellschaft somit zum Auflöser des eigenen Selbst in mehrere Wesen. Einer Hydra gleich sprießen sie aus dem Kopf des alten Geschöpfs, das schließlich ausgebrannt zurückbleibt. Man nennt es auch Burn out. Eigentlich eine passende Strafe für Menschen, die sich quasi selbst vierteilen, indem sie alles machen. Und da soll sich noch einer wundern, warum die Person auf der Aufnahme schreit: Er hat es satt!

Seltsam friedlich wirken neben dem ersten Schrei drei Landschaftsfotografien bei strahlendem Sonnenschein. Vielleicht ist dem Schreihals auch die Idylle zuwider?

Erotisch bis schlüpfrig geht es in einigen Frauenakten weiter. Schlammbeschmierte nackte Frauen beflügeln sicherlich so manche Männerfantasie während gegenüber eine Brünette nicht nur am Regler ihres altmodischen Radios dreht, auf dem sie sitzt, sondern auch auf ihren rechten Nippel drückt. Ob der Empfang stimmt, wird der Betrachter wohl nicht erfahren. Ein Licht geht dagegen einem nackten Mann in Rückenansicht auf. Dieser ist in einem leeren, engen Raum so vor die Deckenleuchte platziert, dass ihr Licht auch auf ihn abstrahlt.

Im kleinen Raum der Galerie begegnet man nun dem Mond. In schaurig-schönen Schwarz-Weiß-Bildern zeigt sich die Herrin des Mondes. Eine Aufnahme mit mehren Spiegeln ist besonders faszinierend. Über den Rücken der Herrin schaut man in einen Spiegel, den sie hält. Darin ist sie selbst abgebildet, wie sie einen Spiegel hält, der dasselbe Motiv hat. Von diesem Tunnelblick geht es zu einer Frau, die in ihrer Glaskugel gefangen ist. Weissagungen sind da momentan wohl nicht möglich.

An der Querwand befinden sich nun mehrere melancholische Interieuraufnahmen von Bruchbuden. Ihre Titel geben über den Inhalt Aufschluss: »Ein Interimsheim für Interimsliebende«, »Träume«, »Spiel der Lichter«, »Zeichen«, »Gestern wird sein«.

Über eine fotografierte Treppenspirale an der linken Wand geht es nun zur gegenüberliegenden Querwand. Dort befinden sich insgesamt vier Fotografien von Frauen in langen fließenden Gewändern. Das mittlere Bildpaar zeigt scheinbar eine Metamorphose. Zu sehen sind zwei schwarzhaarige Frauen, die in Frischhaltefolie eingewickelt sind. Bei der linken Frau ist zudem ihr runder Babybauch zu erkennen.

Fazit: Souverän präsentiert der Jenaer Fotograf André Helbig sein Können. Die breit gefächerten Aufnahmen sind durchweg gelungen und entlocken dem Betrachter so manches Schmunzeln oder sogar dreckige Gedanken. Kurzum: Eine Ausstellung, die man gesehen haben sollte!